IWF-Jahrestagung Schäuble kämpft gegen die Gelddrucker

Es ist das Top-Thema beim Jahrestreffen von Weltbank und IWF: die extrem lockere Geldpolitik in Japan und in den USA. Finanzminister Schäuble und Bundesbank-Chef Weidmann warnen davor, die Krise mit der Druckerpresse zu bekämpfen. Sie stehen mit dieser Position ziemlich allein da.
Weltbank-Tagung in Washington: Japans Geldschwemme im Fokus

Weltbank-Tagung in Washington: Japans Geldschwemme im Fokus

Foto: Alex Brandon/ AP/dpa

Hamburg - Wenn der Bundesbank-Chef vor den Gefahren der Geldschwemme warnt, klingt es schon fast verzweifelt: Die Geldpolitik dürfe nicht dazu dienen, "den Wechselkurs zu manipulieren", sagte Jens Weidmann dem "Handelsblatt". Ein "Abwertungswettlauf" schade am Ende allen. So oder so ähnlich hat es Deutschlands oberster Währungshüter immer wieder formuliert. Allein: Auf viel Verständnis oder gar Unterstützung kann er nicht hoffen.

Auch bei der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank, die am Freitag begonnen hat, dürfte es wieder so sein. Am Rande des Treffens kommen die Finanzminister und Notenbankchefs der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) zusammen. Wesentliches Thema: die Geldpolitik, wie sie in aggressiver Form die USA und Japan praktizieren. Die Bank of Japan (BoJ) will unter dem neuen Notenbankchef ungehemmt Yen drucken und den Geldumlauf verdoppeln. Dafür sollen doppelt so viele Staatsanleihen gekauft werden wie bisher - im Wert von gut 50 Milliarden Euro pro Monat. Der Yen   verlor gegenüber dem Dollar seit Herbst 25 Prozent an Wert.

Auch bei den Zentralbanken in Washington und Frankfurt sitzt das Geld locker. Die US-Notenbank Fed setzt ebenfalls auf massive Anleihenkäufe und eine Nullzinspolitik. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält den Leitzins seit Monaten auf dem historischen Tief von 0,75 Prozent. Die Hoffnung der Befürworter einer lockeren Geldpolitik: Indem mehr Geld in Umlauf gebracht wird, wächst die Bereitschaft der Unternehmen, zu investieren. Eine schwächere Währung kann zudem die Exportindustrie ankurbeln. In der Folge legt die Wirtschaftsleistung des Landes zu.

"Viel Eis und Fast Food, wenig Sport"

So weit die Theorie. In der Praxis birgt das ungehemmte Gelddrucken jedoch massive Gefahren. "Das ist wie bei einem Arzt, der einem Patienten empfiehlt, viel Eis und Fast Food zu essen und möglichst wenig Sport zu treiben", sagt Stefan Kooths, Volkswirt beim Kieler Institut für Weltwirtschaft. Die vermeintlich schmerzfreie Therapie stoße beim Patienten vielleicht auf Begeisterung, zur Behandlung sei sie aber nicht geeignet. Außerdem schaffe sie neue Probleme. "Das zusätzliche Geld fließt ja nicht gleichmäßig in den Wirtschaftskreislauf ein", erklärt Kooths. "Es bläst künstlich einzelne Bereiche auf, zum Beispiel den Immobiliensektor." Die Gefahr: Das künstliche Wachstum verzerrt das Gesamtbild und lenkt von den strukturellen Problemen einer Volkswirtschaft ab. Die als Instrumente gegen die Krise gedachten Maßnahmen begünstigen also die nächste Krise.

Nicht nur die Bundesbank sieht das so - und steht damit in ungewöhnlicher Opposition zu ihrer Dachorganisation EZB. Auch die Bundesregierung warnt vor der Geldschwemme. "Es ist viel Geld im Markt, meiner Meinung nach zu viel Geld", sagte Finanzminister Wolfgang Schäuble der "Wirtschaftswoche". Doch unter den Industrieländern sind Weidmann und Schäuble isoliert. Einzig von den Schwellenländern kommt Unterstützung. China, Südkorea und Brasilien warnten vor dem Treffen in Washington, man werde sehr genau beobachten, welche Folgen der Abwertungswettbewerb habe. Die Schwellenländer fürchten, dass überschüssiges Kapital aus den Industrieländern in ihre Märkte fließt. Dadurch werten ihre Währungen auf. Allen voran fürchtet China um sein exportgestütztes Wachstum. Hinzu kommt die Gefahr, dass das überschüssige Geld auf der Suche nach lukrativen Anlagemöglichkeiten in rasch wachsende Schwellenländer strömt und dort die Wirtschaft destabilisiert.

IWF-Chefin Lagarde laviert

Auf der anderen Seite stehen neben Japan und den USA auch die Südländer der Euro-Zone. Spanien, Portugal und Italien leiden unter den Folgen der Schuldenkrise. Statt harte Reformen und Sparmaßnahmen durchzusetzen würden sie gerne von einer lockereren Geldpolitik der EZB profitieren. Das verhindern neben Deutschland derzeit noch Finnland und die Niederlande. Doch der Druck nimmt zu. Für IfW-Experte Kooths ist es "die Gretchenfrage für die Stabilität der Euro-Zone", wie sich die unterschiedlichen Vorstellungen über Geldpolitik vereinbaren lassen.

Etwas unentschlossen wirkt bei diesem Streit der IWF. Dessen Chefin Christine Lagarde warnte in Washington, Japan und die USA bewegten sich "in unbekannten Gewässern". Zugleich ermunterte sie die Europäer aber zu weiteren Zinssenkungen, die EZB habe noch "Raum zum Manövrieren". Volkswirt Kooths hält es dennoch für ausgeschlossen, dass der IWF als Moderator auftreten könne: "Entweder man ist von der expansiven Geldpolitik überzeugt oder man lehnt sie ab. Ein Kompromiss ist hier nicht möglich."