Unternehmen und Menschenrechte Warum Khashoggis Tod die Konzerne verändert

Von Markus Scholz
Von Markus Scholz
Jeder multinationale Konzern bekennt sich zu Menschenrechten. Oft bleibt es bei Phrasen, weil die Aktionäre finanzielle Nachteile fürchten. Doch der Fall Khashoggi ist zu groß, um sich zu drücken.
Proteste vor der saudi-arabischen Botschaft in Istanbul

Proteste vor der saudi-arabischen Botschaft in Istanbul

Foto: Murad Sezer/ REUTERS
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Foto: feelimage / Matern

Markus Scholz ist Professor für Wirtschaftsethik und Leiter des Centers for Business Ethics & Corporate Governance an der Fachhochschule der Wirtschaftskammer Wien. Er forscht und lehrt außerdem an der INSEAD Business School.

Der Fall des getöteten Journalisten Jamal Khashoggi hat die Weltöffentlichkeit alarmiert. Und er führt uns vor, wie brutal und zwiespältig Saudi-Arabien ist. Einerseits ein ölreiches und deshalb reiches Land, mit einem enormen Bedarf für moderne Technologie - und deshalb ein guter Absatzmarkt für Unternehmen.

Andererseits ein Land, in dem nach wie vor die Menschenrechte missachtet werden. Ein Land mit einem Regime, das - allem Anschein nach - vor der Tötung regimekritischer Journalisten nicht zurückschreckt.

Dieser Fall kann auch von den ignorantesten und unpolitischsten Unternehmensvorständen und Aufsichtsräten sowie von ihren Aktionären nicht mehr ignoriert werden. Es kann nun nicht mehr heißen: "weiter so wie bisher". Dafür ist der Fall Khashoggi zu groß, zu medienwirksam, zu pervers.

Bei aller Tragik bietet der Fall Khashoggi deshalb für die Unternehmen, die in Saudi-Arabien sind, eine besondere Chance, sich mutig und vor allem effektiv für die Einhaltung der Menschenrechte einzusetzen - dort und auch anderswo.

Unter normalen Umständen ist es in multinationalen, börsennotierten Großunternehmen selbst für das Topmanagement nicht leicht, dem Thema Menschenrechte den Platz einzuräumen, den es verdient. Zu wenig einflussreich sind die CSR-Beauftragten (Corporate Social Responsibility), zu voll sind die Agenden der Vorstände, zu heterogen die Ansichten in den Aufsichtsräten, zu stark die finanziellen Interessen der Aktionäre.

Deshalb heißt es allzu oft: Menschenrechtsverletzungen in einem autoritären Gastland offen ansprechen? Was werden unsere Shareholder sagen, wenn dadurch Aufträge verlorengehen? Wie rechtfertige ich als Unternehmensvorstand so etwas vor meinem Aufsichtsrat und auf der Hauptversammlung?

Jetzt werden die Argumente von Wirtschaftsethikern gehört

Aber die Umstände im Fall Khashoggi sind nicht normal. Und die großen, einflussreichen Unternehmen haben eine besondere Verantwortung. Ihre Vorstände finden im Zweifelsfall das Gehör von Autokraten, wenn die politischen Anführer der Welt noch zögerlich sind, sich auf keine einheitliche Position einigen können, oder das jeweilige autokratische Regime auf politische Appelle schon längst taub reagiert.

Und umgekehrt: Wenn diese einflussreichen Unternehmen zu den Menschenrechtsverletzungen schweigen und so tun, als wäre nichts gewesen, kann dies im Zweifelsfall von den Tätern als stillschweigende Billigung interpretiert werden. Der irisch-britische Philosoph Edmund Burke hätte dies folgendermaßen zusammengefasst: "All that is necessary for the triumph of evil is that good men do nothing." - Alles, was es für den Sieg des Bösen braucht, ist das Nichtstun guter Menschen.

Anscheinend bedarf es solcher Anlässe, die aufrütteln. 2013, nachdem in Bangladesch der Fabrikkomplex Rana Plaza wegen eklatanter Baumängel und unzureichender Sicherheitsvorkehrungen einstürzte und über 1100 Arbeiter starben, reagierte die europäische und US-amerikanische Textilindustrie plötzlich und entschieden. Die menschenunwürdigen und gefährlichen Arbeitsbedingungen, die im ganzen Land herrschten, waren auch vorher bekannt. Die westlichen Unternehmen hatten sie stillschweigend in Kauf genommen. Es bedurfte der Katastrophe, bis diese Unternehmen endlich bereit waren, sich untereinander, mit NGOs und Regierungsvertretern abzustimmen und Maßnahmen zu ergreifen, die zumindest eine starke Linderung der Umstände brachten und den Arbeitern nun ein Minimum an Sicherheit garantieren.

Der Fall Khashoggi könnte eine ähnliche Dynamik erzeugen. Nun können Vorstände dem Thema Menschenrechte eine Priorität auf ihrer Agenda einräumen. Es ist schwer vorstellbar, wie sie dafür in den nächsten Monaten in ihren Aufsichtsräten oder auf Hauptversammlungen abgestraft werden sollen.

Sie können jetzt die unternehmensinternen Risikoinstrumente mit entsprechenden Ratings bestücken, die die Einhaltung der Menschenrechte explizit messen. Sie können - ähnlich wie in Bangladesch nach der Rana-Plaza-Katastrophe - gemeinsamen mit ihren Wettbewerbern Allianzen schmieden, um Menschenrechtsthemen in Saudi-Arabien, aber auch an anderen Orten, offen anzusprechen. Sie können im Extremfall gemeinsam vereinbaren, Geschäfte mit diesen Staaten zu unterlassen.

Passive Unternehmensvorstände machen sich zu Komplizen

Jetzt ist auch der richtige Moment für alle CSR-Beauftragten und Risikomanager, die in ihren Konzernen bisher kein Gehör fanden, wenn sie die Komplizenschaft mit Menschenrechtsverletzern ansprachen. Jetzt ist der Moment, in dem diese Experten bei ihren Vorständen auf offene Ohren stoßen. Und jetzt ist der Moment für jeden Mitarbeiter von Unternehmen mit saudi-arabischer Niederlassung, in der Kaffeeküche, am Kopierer oder beim Mittagessen über Menschenrechte und über den wahrscheinlich hingerichteten Journalisten zu sprechen.

In Menschenrechtsfragen hat sich der Bewegungsspielraum durch den brutalen Tod Jamal Khashoggis erheblich erweitert.

Wenn Unternehmensvorstände dieses Momentum nicht nutzen, wenn sie weitermachen wie bisher und darauf hoffen, dass sich die Wogen wie immer glätten werden, dann enttarnen sie das in vielen unternehmerischen Selbstverpflichtungen enthaltene Bekenntnis zur Förderung der Menschenrechte als das, wofür es Kritiker schon immer gehalten haben: als ein wertloses und zynisches Marketingwerkzeug.

Am schwersten sollte aber dies wiegen: Dass all jene Unternehmensvorstände, die jetzt passiv bleiben, sich zu Komplizen von Menschenrechtsverletzern machen und diesen unter Umständen Vorschub leisten.