Studie Jeder zehnte Hauptverdiener von Armut bedroht

In Deutschland steigt der Anteil der Menschen, die trotz Arbeit von Armut bedroht sind. Das hat eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung ergeben. Demnach können vor allem Beschäftigte im Gastgewerbe ihre Familien oft kaum ernähren.
Eine Bedienung trägt ein Tablett: Das Gastgewerbe ist besonders betroffen

Eine Bedienung trägt ein Tablett: Das Gastgewerbe ist besonders betroffen

Foto: Marc Tirl/ picture alliance / dpa

Düsseldorf - Armut trotz Arbeit: Dieses Szenario bedroht jeden zehnten Hauptverdiener in Deutschland. Das geht aus einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. Hauptverdiener meint dabei denjenigen, der den größten Anteil des Familieneinkommens beisteuert, egal, ob er in Voll- oder Teilzeit arbeitet.

Besonders betroffen sind demnach Beschäftigte im Gastgewerbe, wo rund jeder dritte Hauptverdiener armutsbedroht ist. Auch Familien von Angestellten im Bereich Kunst, Unterhaltung und Erholung sowie in Heimen und im Sozialwesen sind besonders gefährdet; dort betrifft es jeden fünften Hauptverdiener.

In den vergangen Jahren sei in Deutschland die Quote der sogenannten "Working Poor" deutlich gestiegen, ergab die Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI). Als armutsgefährdet gelten laut Definition Beschäftigte und ihre Familien, wenn ihnen weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Nettoeinkommens zur Verfügung steht. Bei der Berechnung wird dabei auch berücksichtigt, wie groß der Haushalt ist und wie alt die einzelnen Familienmitglieder sind.

Die Berechnungen ergeben, dass im Baugewerbe knapp acht Prozent und im Handel 12,5 Prozent der Mitarbeiter armutsgefährdet sind. In der Energieversorgung, bei Banken und Versicherungen, in der öffentlichen Verwaltung, der chemischen Industrie oder im Fahrzeug- und Maschinenbau betrifft dies dagegen weniger als drei Prozent.

Problem auch unter Familienernährern

Zwar tragen atypisch Beschäftigte wie Leiharbeiter ein besonders hohes Armutsrisiko, allerdings stehen sie damit keineswegs allein. "Die Zahlen legen nahe, dass Arbeitsarmut auch unter Familienernährern ein Problem ist", erklärte WSI-Forscher Eric Seils. Und dies in einigen Branchen auch trotz Löhnen von mehr als 8,50 Euro.

Die Forscher sehen einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn, wie er derzeit auch in den Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD diskutiert wird, trotzdem als wichtigen Schritt in die richtige Richtung. Ein Mindestlohn allein könne aber das Problem der Arbeitsarmut nicht lösen. Notwendig sind laut Seils darüber hinaus Reallohnsteigerungen im unteren Lohnsegment.

Union und SPD haben sich in den Koalitionsgesprächen grundsätzlich darauf geeinigt, dass es einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn geben soll. Die zentralen Fragen, wann und in welcher Höhe er eingeführt wird, sind aber noch offen.

vks/AFP
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