Starökonom über die US-Wahl "Trump ist ein psychisch gestörtes Individuum"

Millionen Amerikaner haben Donald Trump gewählt, obwohl seine Politik ihren Interessen widerspricht. Jeffrey Sachs erklärt, woran das liegt und was sich in den USA unter Joe Biden ändern muss.
Ein Interview von Benjamin Bidder
Präsident Trump vor seiner Rede am 5. November

Präsident Trump vor seiner Rede am 5. November

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Evan Vucci / AP

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Als vor 30 Jahren die sozialistischen Planwirtschaften des Ostblocks zusammenbrachen, war Jeffrey Sachs ein aufstrebender junger Ökonom. Der US-Amerikaner riet 1989 der Führung in Polen zu einer marktwirtschaftlichen Schocktherapie. Während der Privatisierungen in Russland Anfang der Neunzigerjahre war er Berater des damaligen Präsidenten Boris Jelzin.

Damals bezeichnete die "New York Times" Sachs gar als "wichtigsten Ökonomen der Welt". Weil Russland bald in Armut versank, hefteten ihm Medien im Westen allerdings auch bald das Etikett des kaltherzigen Neoliberalen an.

Heute kämpft Sachs für eine fundamentale Neuausrichtung der US-Wirtschaft: Der Mann, der einst mit Pate stand bei der Geburt des Kapitalismus in Osteuropa, setzt sich heute dafür ein, den Einfluss des freien Markts in Amerika zurückzudrängen. Sachs hat den selbst ernannten "Sozialisten" Bernie Sanders unterstützt. Hier erklärt er, was er von einem Präsidenten Joe Biden erwartet.

Jeffrey Sachs, 66, Professor für Ökonomie an der Columbia University

Jeffrey Sachs, 66, Professor für Ökonomie an der Columbia University

Foto: Max Rossi / REUTERS

SPIEGEL: Herr Sachs, Donald Trump ist abgewählt. Gehen Sie davon aus, dass er sein Amt friedlich aufgibt?

Jeffrey Sachs: Er wird vermutlich um sich treten und schreien. Es wird nicht einfach sein, doch ganz sicher: Er wird gehen. Es gäbe keinen Weg für ihn, mit seiner Rüpeltour durchzukommen, selbst mit dem ihm freundlich gesinnten Obersten Gerichtshof nicht. Würde so etwas passieren, dann hätten wir eine Krise, die so viel tiefer wäre als alles, was wir seit dem Bürgerkrieg erlebt haben. Das halte ich für kein realistisches Szenario.

SPIEGEL: Sie haben in der Vergangenheit als Berater dabei mitgewirkt, wirtschaftliche Reformen durchzusetzen in Ländern, die das sehr nötig hatten – in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zum Beispiel. Was würden Sie einer Biden-Regierung raten?

Sachs: Ich glaube an den Wert einer sozialen Marktwirtschaft oder einer sozialdemokratischen Wirtschaft. Das heißt: eine Marktwirtschaft, in der Rechtsstaatlichkeit herrscht – und mit den sozialen Institutionen, die das Recht auf Gesundheit, Bildung, Umwelt und sozialen Schutz garantieren. Dafür bedarf es eines gemischten Wirtschaftssystems mit einer starken Rolle des Staates in der sozialen Daseinsvorsorge, dem Umweltschutz und der kontinuierlichen Pflege des Rechtsstaats.

SPIEGEL: Als Sie den damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin während der Privatisierungen berieten, haben viele Medien Sie als ziemlich hart gesottenen Neoliberalen dargestellt. Jetzt stehen Sie dem "Sozialisten" Bernie Sanders nahe. Wann haben Sie Ihre Ansichten so radikal geändert?

Sachs: Das habe ich nicht. In Polen – vor mehr als 30 Jahren! – hat mir ein Reporter eine ganz ähnliche Frage gestellt: "Wann haben Sie Ihre Meinung geändert?"

Sachs kramt einen Artikel aus dem "New Yorker" von 1989 hervor und liest laut:

"Als wir einen Tisch im Café des Hotels einnahmen, fragte ich Sachs, ob er sich über die kommende Polarisierung des Reichtums Sorgen mache. Sehen Sie: Ich bin kein besonderer Fan von Milton Friedman oder Margaret Thatcher oder Ronald Reagans Version des freien Markts in den Vereinigten Staaten. Ich würde mich als einen liberalen Demokraten bezeichnen, und das Land, das ich am meisten bewundere, ist Schweden'".

Sachs: Der Punkt ist: Ob man versucht, ein schwedisches Modell zu schaffen oder eines nach dem Vorbild Thatcher-Englands: Ausgehend davon, wo man damals in Osteuropa war, bewegt man sich in genau dieselbe Richtung.

SPIEGEL: Gibt es Länder, die Sie als Vorbild für die USA sehen?

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