Cornelia Schmergal

Globuli als Kassenleistung Money for nothing

Jens Spahn findet es "okay", wenn Krankenkassen Homöopathie bezahlen. Das zeugt von einer Haltung zum Geld der Beitragszahler, die sich ein Bundesgesundheitsminister nicht leisten kann.
Globuli: Zuckerkügelchen ohne nachweisbaren Effekt

Globuli: Zuckerkügelchen ohne nachweisbaren Effekt

Foto: imago/ Westend61

Ja, das deutsche Gesundheitssystem ist unbestritten eines der besten der Welt. Ja, auch die meisten Ärzte lassen sich lieber hierzulande behandeln als anderswo. Und ja, Kassenpatienten dürfen auf eine gute und sichere Versorgung hoffen, was vor allem damit zu tun hat, dass die gesetzlichen Versicherungen in der Regel nur für jene Pillen, Salben oder Medizinprodukte zahlen, deren Nutzen wissenschaftlich belegt ist. Patienten können sich sicher sein, dass eine Behandlung ihnen hilft, dass sie nicht überflüssig ist und ihnen vor allem nicht schadet.

In diesem System ist die Homöopathie ein Fremdkörper. Obwohl ihr Nutzen nicht belegt werden kann, übernehmen viele Kassen die Kosten für die Behandlung mit Globuli - Zuckerkügelchen ohne eine Wirkung, die über den Placebo-Effekt hinaus geht. Zum offiziellen Leistungskatalog der Kassen gehört das nicht. Allerdings dürfen die Kassen mit sogenannten Satzungsleistungen freiwillig um Kunden buhlen, auch die Homöopathie gehört dazu. Das Geld dafür geben sie aus, obwohl sie wissen, dass es keinen medizinischen Nutzen hat. "Money for nothing", um es mit einem bekannten Songtitel der Dire Straits zu sagen. Seit Jahren gibt es darüber Streit.

Alles nicht so schlimm, befindet der Bundesgesundheitsminister nun sinngemäß. Beim "Berliner Salon" des Redaktionsnetzwerks Deutschland argumentierte Jens Spahn, man könne sich fragen, ob die gesamte Größenordnung überhaupt eine emotionale Debatte wert sei. Bei Arzneiausgaben von rund 40 Milliarden Euro gäben die gesetzlichen Kassen pro Jahr etwa 20 Millionen für Homöopathie aus. Er habe sich entschlossen, es sei "so okay". Und genau hier irrt Spahn.

Spahn darf hier nicht einfach ein Auge zudrücken

Es geht um weit mehr als 20 Millionen Euro, es geht um ein Prinzip. Und deshalb nochmals zurück zum Anfang: Ja, das deutsche Gesundheitssystem ist eines der besten der Welt. Aber es hält für die Versicherten auch Zumutungen bereit. Im fünften Sozialgesetzbuch, der inoffiziellen Bibel des Gesundheitssystems, steht das ganz deutlich. Die Leistungen der Krankenkassen "dürfen das Maß des Notwendigen nicht übersteigen", heißt es dort. Sie müssen "ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich" sein. "Allumfassend" steht dort ausdrücklich nicht.

Weil es um das Geld der Beitragszahler geht, werden nur Therapien bezahlt, deren Wirkung bewiesen ist. Mehr noch: Kassen sollen kostenbewusst handeln. Sie müssen jeden Antrag kritisch prüfen oder Rabattverträge ausschreiben, die in der Vergangenheit teils zweifelhafte Wirkungen hatten.

Dass die Politik beim Streben nach Wirtschaftlichkeit im Gesundheitssystem manchmal über das Ziel hinausgeschossen ist, bekamen Patienten schon unangenehm zu spüren: Es gab Senioren mit Inkontinenzproblemen, denen ihre Kasse nur noch undichte, weil billigere Windelhöschen zugestand. Und es gibt Parkinsonpatienten, die von Problemen berichten, weil sie sich auf ein günstigeres Medikament umstellen müssen, das als wirkungsgleich gilt. Allerdings fanden beide Gruppen in der Politik erst spät oder gar kein Gehör.

Dass es auch bei diesen Sparmaßnahmen nicht um hohe Milliardensummen ging, war nie ein Argument. Umgekehrt darf die Tatsache, dass Homöopathie insgesamt nicht viel kostet, für den Gesundheitsminister auch kein Grund sein, einfach mal ein Auge zuzudrücken. Auch wenn ihre Anhänger zahlreich sind. Und selbst wenn die Kassen noch so viel Druck machen, weil sie die Kostenerstattung für die Kügelchen zur Kundenbindung behalten wollen.

Nachbarländer wie Frankreich haben bereits beschlossen, die Kosten für homöopathische Arzneimittel von 2021 an nicht mehr zu übernehmen. Auch bei langwierigen Prüfungen konnte die oberste Gesundheitsbehörde keine Wirksamkeit feststellen.

Es steht jedem Menschen frei, Schnupfen oder Halsweh mit Kügelchen und sanften Heilverfahren zu behandeln. Aber eine Kostenerstattung durch die Kassen verschwendet nicht nur das Geld der Beitragszahler. Schlimmer noch: Es wiegt Patienten in dem irrigen Glauben, die Einnahme von Globuli könne ernsthaftere Leiden lindern.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde Naturheilkunde fälschlich mit Homöopathie gleichgesetzt. Wir haben den Fehler korrigiert.

Im Video: Wenn Globuli gefährlich werden

SPIEGEL TV