Bundesbank-Chef Weidmann begründet Forderung nach deutlichem Lohnplus

Arbeitskräftemangel statt Arbeitslosigkeit: Jens Weidmann hat in einem Interview erläutert, weshalb die Bundesbank höhere Löhne für richtig hält. Übertriebene Gehaltssteigerungen seien allerdings schädlich, warnt der Notenbankchef.

Bundesbank-Chef Weidmann: Lohnsteigerungen sind zu begrüßen
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Bundesbank-Chef Weidmann: Lohnsteigerungen sind zu begrüßen


Frankfurt am Main/Berlin - Bundesbank-Chef Jens Weidmann hat die Gründe für die Forderung seines Instituts nach höheren Löhnen in Deutschland erläutert. Der Arbeitsmarkt sei heute in erheblich besserer Verfassung als in den vergangenen Jahren, sagte Weidmann der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ"). In einer Reihe von Branchen und Regionen gebe es praktisch Vollbeschäftigung, und es häuften sich Meldungen über Arbeitskräftemangel.

"Insofern liegt es in der Natur der Sache und ist auch zu begrüßen, dass die Arbeitsentgelte wieder stärker steigen als zu Zeiten, in denen die deutsche Wirtschaft in deutlich schlechterer Verfassung war." Richtig sei jedoch auch, dass Tarifabschlüsse mit Blick auf die spezifische Lage einzelner Branchen vereinbart werden sollten.

Für die Höhe der Lohnsteigerungen gab Weidmann einen Richtwert von drei Prozent an. Dieser Wert ergebe sich "überschlagsmäßig aus mittelfristig knapp zwei Prozent Preisanstieg und ein Prozent trendmäßigem Produktivitätswachstum".

Bereits vor eineinhalb Wochen hatte der SPIEGEL berichtet, dass der Chefökonom der Bundesbank, Jens Ulbrich, für höhere Tarifabschlüsse plädiert. Lesen Sie hier die ganze Geschichte im SPIEGEL .)

Weidmann wies gleichzeitig Kritik etwa des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall zurück, die Bundesbank mische sich in Tarifverhandlungen ein. Die Abschlüsse hätten aber erheblichen Einfluss auf die Preisentwicklung und spielten für die Bundesbank daher eine wichtige Rolle. Er mahnte zugleich, zu hohe Lohnabschlüsse, die über dem Produktivitätszuwachs lägen, schadeten Wachstum und Beschäftigung in Deutschland und erwiesen dem Euroraum einen Bärendienst.

Konflikt in der EZB über ABS-Käufe

Außer dem Chefvolkswirt der Bundesbank hatte zuletzt auch Peter Praet, der Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB), höhere Löhne in Deutschland angeregt. Dies sorgte für Aufsehen, da die deutsche Notenbank seit Jahrzehnten als Verfechterin von Lohnzurückhaltung gilt.

Der Bundesbank-Chef äußerte sich in dem "FAZ"-Interview auch zu, drohenden Konflikt in der EZB über den Ankauf von Kreditverbriefungen. Weidmann warnte vor einem Erwerb der umstrittenen ABS-Papiere (Asset Backed Securities) in großem Stil. ABS-Käufe wären "problematisch, wenn die Notenbanken damit größere Risiken übernähmen, die so im Ergebnis auf die Steuerzahler verlagert würden. Es kann nicht angehen, dass Gewinne aus Kreditgeschäften bei Banken verbleiben, die Verluste hingegen sozialisiert werden."

EZB-Präsident Mario Draghi will hingegen den ABS-Markt wiederbeleben und möglicherweise auch Käufe entsprechender Papiere vornehmen. Der Markt für Kreditverbriefungen ist seit der Finanzkrise weitgehend ausgetrocknet.

fdi/Reuters/dpa



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jakam 30.07.2014
1.
Facjkräftemangel? Dann sollten Personaler mal aufhören, intern - shhh, natürlich nur mündlich - Frauen über 30 nicht als "nehmen wir nicht hat noch keine Kinder" und über 40 als "nehmen wir nicht zu alt" zu betrachten. Lächerlich, denn das haben mir mehrere Bekannte bestätigt, die in Human Resources tätig sind....und aus meinem Bekanntenkreis kenne ich einige durchaus gut ausgebildete Frauen, die genau an diesen Interna hängenbleiben. Des weiteren sollte man endlich mal einfach eine Ansage verpflichtend machen, was der Firma eine vakante Position wert ist, diese Frechheit mit dem Gehaltsgeschachere, in dem man dafür sorgt, daß sich die potentiellen Kandidaten in ihren Bewerbungen erstmal gegenseitig unterbieten, ist eine grandiose Frechheit.
jm2267 30.07.2014
2. ?
"...und es häuften sich Meldungen über Arbeitskräftemangel..." nach "Wettbewerbsfähigkeit" wird dies das nächste geflügelte Wort. Bisher diente es v.a. als Rechtfertigung für die Zuwanderung von Arbeitskräften. Jetzt wird es hinterlistig als Argument für bisschen höhere Lohnabschlüsse benutzt. Nicht, weil die Bundesbänker den beschäftigten dies gönnen, oh nein, wir brauchen halt mehr Inflation, damit die Zinsen anspringen und die gewaltigen Vermögen doch mehr abwerfen mögen.
leidenfeuer 30.07.2014
3. Auf Kosten der Wirtschaft
Zitat von sysopAFPArbeitskräftemangel statt Arbeitslosigkeit: Jens Weidmann hat in einem Interview erläutert, weshalb die Bundesbank höhere Löhne für richtig hält. Übertriebene Gehaltssteigerungen seien allerdings schädlich, warnt der Notenbankchef. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/jens-weidmann-bundesbank-chef-begruendet-forderung-nach-hoeheren-loehnen-a-983552.html
Wer keine Löhne bezahlen muss, kann leicht höhere Löhne fordern. Von höheren deutschen Löhnen auf Kosten der Wirtschaft profitiert der deutsche Steuereinnehmer, überdurchschnittlich sogar. Er braucht das Geld vielleicht für den nächsten Schuldenschnitt des griechischen Staats.
kfp 30.07.2014
4.
Zitat von sysopAFPArbeitskräftemangel statt Arbeitslosigkeit: Jens Weidmann hat in einem Interview erläutert, weshalb die Bundesbank höhere Löhne für richtig hält. Übertriebene Gehaltssteigerungen seien allerdings schädlich, warnt der Notenbankchef. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/jens-weidmann-bundesbank-chef-begruendet-forderung-nach-hoeheren-loehnen-a-983552.html
Was bringen höhere Löhne, wenn die größte Lohnkürzung der letzten Jahre - die Umwandlung von regulären Arbeitsstellen in prekäre Beschäftigungsverhältnisse - immer weiter ausgebaut wird und ein immer größerer Teil der Bevölkerung an den Erhöhungen nicht mehr teil hat? Und selbst wenn die Löhne von diesen prekären Stellen an die der regulären Stellen gekoppelt wären, was helfen mir 30 Euro mehr im Monat, wenn ich dafür davon ausgehen muss, in 3 Monaten wieder "zwischen Verträgen" zu hängen?
scissor 30.07.2014
5. @2 und 3
Ihre Meinungen sind dermaßen masochistisch, dass können wirklich nur Deutsche. Weidmann fordert, für mich aus fadenscheinigen Gründen, eine Lohnerhöhung innerhalb des Spielraumes der goldenen Lohnregel. Eigentlich ist das aber angesichts der realen Lohnsenkungen der letzen Jahre aber zu wenig. Um wirksam den Deflationstendenzen innerhalb Europas etwas entgegensetzen zu können, sind zumindest in Deutschland noch höhere Lohnsteigerungen notwendig und zwar über Jahre. Denken sie bitte mal die Menschen, die das erwirtschaften und nicht immer nur an die Wirtschaft. Wir arbeiten, um zu leben und leben nicht, um zu arbeiten.
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