Stefan Kaiser

100 Euro für jeden Jetzt muss der Impfbonus her

Stefan Kaiser
Ein Kommentar von Stefan Kaiser
Der deutschen Kampagne geht die Luft aus. Doch statt über Zwangsmaßnahmen zu diskutieren, sollte die Bundesregierung lieber allen Impfwilligen Geld anbieten. Die Investition würde sich lohnen.
Impfung in Mecklenburg-Vorpommern

Impfung in Mecklenburg-Vorpommern

Foto: Gregor Fischer / dpa

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Inzidenz, R-Wert, Intensivbettenbelegung – seit der Coronakrise interessieren wir uns für Zahlen, von denen wir zuvor noch nicht einmal wussten, was sie überhaupt bedeuten. Doch die vielleicht wichtigste Zahl ist derzeit eine andere: die der Erstimpfungen gegen Covid-19. Am Sonntag waren es gerade mal noch gut 30.000 Menschen, die sich in Deutschland ihren ersten Schuss abholten. Der niedrigste Wert seit Anfang Februar.

Das sollte uns beunruhigen. Denn eins ist klar: In diesem Tempo wird es so schnell nichts mit dem Ende der Pandemie.

Rund 41 Millionen Deutsche sind bisher vollständig geimpft, weitere 9,5 Millionen haben zumindest ihre erste Spritze erhalten. Das hört sich erst mal ordentlich an, reicht aber bei Weitem nicht. Epidemiologen gehen davon aus, dass mindestens 85 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sein müssen, um eine sogenannte Herdenimmunität zu erreichen, die die weitere Ausbreitung des Coronavirus stoppt. Das wären rund 70,7 Millionen Menschen in Deutschland. Es gibt also noch etwa 20 Millionen, die überzeugt werden müssen. Das ist ziemlich viel. Doch selbst wenn die Herdenimmunität nicht erreicht wird: Je mehr Menschen geimpft sind, desto weniger Infektionen, Krankenhauseinweisungen und Tote wird es geben. Und desto unwahrscheinlicher wird ein neuerlicher Shutdown.

Am mangelnden Impfstoffangebot liegt es mittlerweile nicht mehr. In allen Teilen des Landes kann sich grundsätzlich jeder Erwachsene impfen lassen. Viele tun es bisher trotzdem nicht – aus Angst, Trägheit oder Unwissenheit.

Nach allem, was wir derzeit wissen, ist der Anteil der Ungeimpften in bestimmten Gruppen besonders hoch: bei jungen Leuten sowie in bildungsfernen und wirtschaftlich schwachen Schichten.

Die Versuche der Politik, diese Gruppen zu erreichen, sind bislang eher unglücklich verlaufen. Zwar gab es immer wieder Impfaktionen in sozialen Brennpunkten. Die offizielle Werbekampagne der Bundesregierung jedoch erntete eher Spott als Begeisterung: Mit Bildern der nackten Oberarme von Uschi Glas, Reiner Calmund oder Jan Hofer dürfte es jedenfalls schwer sein, gerade die Menschen zu überzeugen, die nun noch fehlen.

Das weiß offenbar auch Helge Braun. Deshalb hat der Noch-Kanzleramtsminister am Wochenende mal vorsichtig ausgelotet, ob man nicht doch eine Art Impfzwang einführen könnte – und sei es indirekt dadurch, dass man Ungeimpfte von Restaurantbesuchen oder anderen Freuden des Lebens ausschließt.

Die Reaktionen waren verhalten bis vernichtend. Sogar vom eigenen Parteichef Armin Laschet bekam Braun einen öffentlichen Rüffel – und es ist in der Tat zumindest fraglich, ob Zwang der beste Weg ist, die Menschen zur Spritze zu bringen.

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Keine Sorge, jeder bekommt den Hunderter

Ökonomen haben schon vor Wochen eine deutlich elegantere Lösung vorgeschlagen: Geldzahlungen an jene, die sich impfen lassen. Zu niedrig dürfen die Summen dabei nicht sein, das haben Untersuchungen gezeigt , sonst lässt die Bereitschaft sogar eher nach als zu steigen. Doch mit 100 Euro pro abgeschlossenem Impfzyklus ließe sich wohl schon Einiges bewirken. Gerade unter jungen und wirtschaftlich schwächeren Menschen dürfte dieses finanzielle Argument Gewicht haben.

»Moment mal!«, werden viele jetzt denken. »Und was ist mit all jenen, die sich schon brav haben impfen lassen?« Keine Sorge, die sollten natürlich auch den Hunderter bekommen. Das würde den Staat zwar ordentlich Geld kosten – für eine 85-Prozent-Impfquote bräuchte man gut sieben Milliarden Euro – aber es wäre immer noch deutlich günstiger, als noch ein weiteres Jahr in ständiger Lockdown-Angst zu verbringen. Denn diese Angst lähmt auch die wirtschaftliche Erholung, das hat gerade noch einmal der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts gezeigt: Im Juli ist das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer erstmals seit Jahresbeginn wieder gefallen – aus Sorge der Unternehmen vor der vierten Welle.

Wie teuer so ein Corona-Abschwung auch für den Staat sein kann, hat Deutschland in den vergangenen eineinhalb Jahren erlebt: Für 2020 bis 2022 plant Bundesfinanzminister Olaf Scholz deshalb mit 470 Milliarden Euro Neuverschuldung. Da wären die sieben Milliarden Euro Impfprämien vergleichsweise Peanuts – und gut angelegtes Geld, wenn sich damit die Krise endlich beenden ließe.

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