Europas Krise Forscher sehen strukturelle Gründe für Jugendarbeitslosigkeit

7,5 Millionen junge Europäer haben weder einen Job noch eine Ausbildung. Eine Studie macht dafür strukturelle Gründe verantwortlich. Doch auch die Forscher selbst werden kritisiert.
Spanische Arbeitslose vor einem Jobcenter (Archiv): "Verlorene Generation"

Spanische Arbeitslose vor einem Jobcenter (Archiv): "Verlorene Generation"

Foto: Juanjo Martin/ dpa

Die Euro-Krise scheint ihren Höhepunkt überschritten zu haben, doch noch immer sind Millionen Jugendliche in Südeuropa ohne Arbeitsplatz. "Das ist ein unhaltbarer Zustand", sagt der Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW, Clemens Fuest. Sein Haus hat am Dienstag eine im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung durchgeführte Studie vorgestellt, die Gründe für die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, Italien und Portugal nennt.

Rund 7,5 Millionen junge Europäer gehen den Forschern zufolge derzeit weder einer Beschäftigung noch einer Ausbildung nach. Die Gründe dafür sind laut der Studie struktureller Natur: Strikte Arbeitsgesetze, falsche Schwerpunkte im Bildungssystem sowie kontraproduktive Maßnahmen auf Landes- und EU-Ebene sind nur einige der Aspekte, die das vorgestellte Papier aufzeigt.

Für ihre Erkenntnisse haben die Forscher zahlreiche bereits vorhandene Studien von 1990 bis heute ausgewertet, zudem wurden Interviews mit Arbeitsmarktexperten geführt. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass das Problem der Jugendarbeitslosigkeit auch schon vor der Finanzkrise bestand, es aber durch diese extrem verstärkt wurde. Die Jugendlichen leiden demnach besonders unter der schwachen Wirtschaftslage.

Spanien

Hier stecken besonders viele junge Menschen in befristeten Verhältnissen. Während der Kündigungsschutz bei diesen Verträgen äußerst liberal gehandhabt werde, sei er bei unbefristeten Anstellungsverhältnissen sehr streng, urteilen die Forscher. Es ist also einfacher, junge Menschen auf die Straße zu setzen. Hier seien zwar Reformen auf den Weg gebracht worden, allerdings noch nicht ausreichend.

Ein weiteres Problem in Spanien ist nach Meinung der Autoren das Bildungssystem. Zwar habe fast jeder zweite junge Spanier einen Hochschulabschluss, doch die praktische Erfahrung komme zu kurz. Arbeitgeber beklagten den Mangel an praktischen Kompetenzen. Stiftungschefin Ingrid Hamm spricht von einem "Mismatch in der Ausbildung".

Italien

Hier sind viermal so viele Jugendliche wie ältere Menschen ohne Job. Die Verfasser der Studie sehen die Ursachen hierfür vor allem in der niedrigen Qualität des Bildungssystems: Italien sei demnach das einzige Land in Europa, das seine Ausgaben für das Grund- und Sekundarschulwesen im Verhältnis zu den Schülern seit 1995 nicht erhöht habe. Zudem seien die Heranwachsenden nur eingeschränkt mobil.

Portugal

Die Forscher bemängeln, dass es den Jugendlichen ebenfalls an praktischer Erfahrung in den Betrieben fehle, von Arbeitgeberseite seien die Investitionen in die Ausbildung zu gering. Zudem sorge die Lohnstruktur dafür, dass auch Lehrlingen ein verhältnismäßig hohes Gehalt zustehe - ein Hemmnis für Einstellungen.

Kritik übten die Verfasser der Studie auch an den EU-Bemühungen, etwa der beschlossenen "Jugendgarantie": "Der derzeitige Ansatz der EU, jedem Jugendlichen innerhalb von vier Monaten mit öffentlichen Mitteln irgendein Angebot zu machen, ist daher problematisch", sagte ZEW-Chef Fuest. Staatliche Ausbildungsplätze und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen seien meist keine starke Brücke in den Arbeitsmarkt.

Gewerkschaften üben Kritik an Studie

Wirtschaftsstaatssekretär Rainer Sontowski, der die Studie in Berlin in Empfang nahm, sprach sich für ein Engagement von Politik und Wirtschaft bei der Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit aus: "Die Probleme der Nachbarstaaten dürfen uns nicht kaltlassen", sagte der SPD-Politiker. Die Jugendlichen könnten diese Situation als "Fehlstart ins Leben" begreifen.

Gegenwind bekamen die Forscher allerdings von den Gewerkschaften. "Die Empfehlungen der Bosch-Stiftung gehen in die falsche Richtung. Mit der Lockerung des Kündigungsschutzes und der Aufweichung der Tarifvertragsrechte werden keine Arbeitsplätze geschaffen, sondern Arbeitnehmerrechte abgebaut", sagte DGB-Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller.

Dass es nicht nur ökonomisch wichtig sei, Europas Jugendlichen Zukunftswege aufzuzeigen, sondern auch politisch, wurde bei der Vorstellung ebenfalls deutlich: "Eine solche Entwicklung begünstigt viele Strömungen, die nicht zu begrüßen sind", sagte Hamm: "Dazu gehören etwa Rechtsextremismus und die Abkehr vom europäischen Gedanken."