Kapitalflucht Südeuropäer verschieben Geld über die Alpen

Bürger tun es, Unternehmer tun es und sogar griechische Abgeordnete: Aus Sorge um die Zukunft des Euro schaffen immer mehr Südeuropäer ihr Geld außer Landes. Die Staaten kommen kaum gegen die Kapitalflucht an. Die einzig wirksame Waffe würde Europa selbst in Frage stellen.
Kundin an einem Bankautomaten in Madrid: "Der Abfluss wird stärker"

Kundin an einem Bankautomaten in Madrid: "Der Abfluss wird stärker"

Foto: Jasper Juinen/ Getty Images

Hamburg - Wer ist der Ein-Millionen-Dollar-Mann? Diese Frage geistert seit einigen Tagen durchs griechische Parlament. Im Mai vergangenen Jahres hat ein Abgeordneter laut offiziellen Angaben eine Million Euro ins Ausland geschafft. Nun fordern andere Parlamentarier, der Politiker müsse sich stellen oder gar zurücktreten - obwohl er das Geld offenbar legal ins Ausland brachte.

Hinter dem Streit steht eine wachsende Sorge in Griechenland und ganz Südeuropa: Angesichts der unsicheren Zukunft der Euro-Zone versuchen immer mehr Bürger, ihr Erspartes in Sicherheit zu bringen. Finanzminister Evangelos Venizelos sagte am Freitag, seit 2009 seien 65 Milliarden Euro von griechischen Konten abgezogen worden. Rund 16 Milliarden Euro davon seien ins Ausland gebracht worden. Mehr als ein Drittel ging nach Großbritannien, rund zehn Prozent landeten in der Schweiz.

In London befeuert die Angst der Vermögenden aus Krisenländern die Nachfrage nach Luxusimmobilien. Große britische Maklerhäuser berichteten, von Januar bis Oktober 2011 seien in London Häuser und Wohnungen im Gesamtwert von 406 Millionen Euro an griechische und italienische Käufer gegangen. Das entsprach fast elf Prozent aller dort auf den Markt gekommenen hochwertigen Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen.

Auch Finanzmanager in der Schweiz berichteten laut "Wall Street Journal" von einem stetigen Geldfluss aus Italien. Reiche Italiener kauften Schweizer Franken oder Gold, Schließfächer seien ausgebucht. Auch in Portugal böten Geldhäuser Fluchthilfe an.

Doch nirgendwo hat die Kapitalflucht derart dramatische Ausmaße angenommen wie in Griechenland. Das zeigen am Montag veröffentlichte Daten der Europäischen Zentralbank (EZB). Demnach sind die griechischen Bankeinlagen im vergangenen Jahr um gut 17 Prozent geschrumpft. Andere Krisenländer verzeichneten ebenfalls Abflüsse, wenn auch auf niedrigerem Niveau: In Irland sanken die Einlagen um sechs Prozent, in Spanien um fast drei und in Italien um knapp zwei Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland stiegen die Werte im selben Raum um drei, in Frankreich sogar um zehn Prozent.

Das Geld fehlt Unternehmen und Verbrauchern

Die Kapitalflucht aus den Krisenstaaten ist nicht nur ein Problem für die Finanzminister der jeweiligen Länder, sondern auch für deren Banken. Denen kommen immer mehr Einlagen abhanden, die sie als Kredite an Unternehmen und Verbraucher weitergeben könnten.

Weil auch ausländische Banken kaum mehr Geld an griechische oder portugiesische Institute verleihen, müssen die sich ihre Liquidität zunehmend bei ihren Notenbanken besorgen - ein Phänomen, das sich im Zahlungssystem des europäischen Zentralbanksystems namens Target2 niederschlägt. Während Deutschland hier mit Forderungen von fast 500 Milliarden im Plus liegt, hat Griechenland ein Minus von rund 100 Milliarden aufgebaut, in Italien und Spanien sind es fast 200 Milliarden.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Target2-Zahlen zeigen auch, dass ein wachsender Teil der Geldflüsse in europäische Krisenstaaten "unfreiwillig" sind. Schließlich handelt es sich um Geld, das sich die Notenbanken bei der EZB leihen - nicht um Investitionen aus dem Ausland. Der Commerzbank-Analyst Lutz Karpowitz hat ausgerechnet, wie die Kapitalverkehrsbilanzen ohne Target2 aussähen - das Ergebnis ist wenig ermutigend (siehe Grafik).

Demnach begann in Griechenland der Kapitalabzug im Frühjahr 2010 - praktisch zeitgleich mit der Verabschiedung des ersten Rettungspakets. Die Flucht aus Portugal folgte mit minimaler Verzögerung - offenbar ahnten die Investoren, dass das Land als nächstes in Schwierigkeiten geraten könnte.

Besonders beunruhigend ist, dass seit Mitte 2011 auch Italien und Spanien in großem Umfang Geld verlieren. Diese Tendenz setzte sich auch zum Jahresende fort, nachdem die EZB den europäischen Banken eine 500-Milliarden-Spritze gewährt hatte. In Italien und Spanien aber wuchs das Minus im Dezember um jeweils rund 40 Milliarden. "Der Abfluss wird stärker", folgert der Commerzbank-Experte. Die Kapitalströme zeigten, dass Investoren nicht an den Erfolg der Rettungspakete glauben.

Eine Tradition in Italien und Griechenland

Stoppen lassen sich die Vermögensverschiebungen nur schwer. Am meisten Handhabe haben die Staaten dort, wo offenbar Geld vor der Steuer versteckt wird. So hat Griechenland nun erstmals drei Konten in der Schweiz sperren lassen, die vermögenden Unternehmern gehören sollen. Doch Finanzminister Venizelos räumte bereits ein, es sei schwer zwischen legalen und illegalen Transfers zu unterscheiden.

Und bei einem Großteil des Kapitalabflusses handelt es sich offenbar um ordnungsgemäß versteuerte Ersparnisse, die die Eigentümer vor einem möglichen Euro-Austritt ihres Landes in Sicherheit bringen wollen. Denn für diesen Fall dürften die Sparguthaben automatisch in die jeweilige Währung umgewandelt werden und deutlich an Wert verlieren.

"Vermögende Griechen und Italiener legen schon lange Geld im Ausland an", sagt der Banken-Experte Martin Faust von der Frankfurt School of Finance & Management. In diesen Euro-Südstaaten gebe eine gewisse Historie der Schwäche - das fördert das Misstrauen in die Stabilität.

Wollten die Krisenländer das Verschieben der Gelder generell unterbinden, müssten sie an ihren Grenzen Kapitalverkehrskontrollen einführen. Sprich: Überweisungen ins Ausland werden eingeschränkt und Zöllner filzen Reisende auf Bargeldbeträge. Helfen würde das indes kaum noch, meint Faust. "Dieser Schritt kommt bereits zu spät", sagt er. Die europäische Schuldenkrise schwele so lange, dass viele Vermögende ihr Geld bereits abgezogen haben. "Die Wirkung einer Kapitalverkehrskontrolle wäre inzwischen viel geringer."

Praktisch wären solche Kontrollen kaum umsetzbar. Denn damit würde der Handel innerhalb der Euro-Zone eingeschränkt. "Es wäre schwer zu unterscheiden, was Flucht-Euros sind und was Waren-Euros sind", sagt Faust. "Man müsste Unternehmen von den Kontrollen ausnehmen."

Doch gegen die Kontrollen spricht noch ein grundsätzlicheres Argument: Sie würden eine der Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarktes aushebeln. Das könnte die gesamte politische Union gefährden, meint Faust. "Dann gäbe es vielleicht auch keine Akzeptanz mehr für das Projekt Europa."

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