»Völlig sinnfreie Veranstaltung« Kassenärzte fordern komplettes Ende der Corona-Bürgertests

Gegen die Abrechnung der inzwischen kostenpflichtigen Corona-Bürgertests laufen die Kassenärzte Sturm: Laut Bundeschef Gassen sind die Tests zu teuer, zu bürokratisch, und »die epidemiologische Aussagekraft ist null«.
Schnelltestzentrum in München: Pro Test werden künftig drei Euro fällig

Schnelltestzentrum in München: Pro Test werden künftig drei Euro fällig

Foto: Wolfgang Maria Weber / IMAGO

Über das flächendeckende Angebot von Coronaschnelltests ist ein heftiger Streit entbrannt. Nachdem die meisten Menschen in Deutschland nun für solch einen Test selbst zahlen müssen, hat der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, eine komplette Einstellung der Corona-Bürgertests gefordert.

»Diese unsinnigen Tests müssen abgeschafft werden«, sagte Gassen der »Bild«-Zeitung. »Sie sind viel zu teuer, der bürokratische Aufwand ist riesig und die epidemiologische Aussagekraft ist Null.«

Es sei eine »völlig sinnfreie Veranstaltung, anlasslos gesunde Menschen mit fragwürdiger Qualität zu testen«, sagte Gassen. PCR-Tests bei Patienten mit Symptomen dagegen seien wichtig, um Coronainfektionen eindeutig nachzuweisen.

Die bislang für alle Menschen kostenlosen Bürgertests gibt es laut der am Donnerstag in Kraft getretenen neuen Testverordnung fortan nur noch eingeschränkt. Gratis-Tests gibt es etwa nach wie vor für Kinder bis fünf Jahre, Schwangere in den ersten drei Monaten, Krankenhaus- und Pflegeheimbesucher, Haushaltsangehörige von Infizierten, sowie Bewohner von Einrichtungen der Eingliederungshilfe. Auch all jene, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können, dürfen sich weiterhin kostenlos testen lassen. Ansonsten kostet ein Test drei Euro.

Ministerium: KVen sollen Auftrag zur Abrechnung nachkommen

Die Kassenärztlichen Vereinigungen hatten zu der Neuregelung in einem Brief an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach mitgeteilt, dass sie Betrug bei dieser Regelung nicht verhindern könnten. Eine Prüfung der Ansprüche sei nicht möglich, in dem Schreiben an den SPD-Politiker heißt es, dass sie die Bürgertests »zukünftig nicht mehr abrechnen und auszahlen können«.

Man wolle »nicht verantworten, sehenden Auges Auszahlungen auf Abrechnungen zu leisten, deren Richtigkeit sie nicht ansatzweise prüfen können«, hieß es zur Begründung. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) waren schon bei der Abrechnung der für die Bürger kostenfreien Coronatests in vielen Fällen überfordert. Recherchen von SPIEGEL TV zufolge wurden mehr als eine Milliarde Euro an Betrüger ausgezahlt – für Coronatests oder Testzentren, die nie stattgefunden haben oder gar nicht existierten.

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums teilte mit, man gehe davon aus, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen als Körperschaften des öffentlichen Rechts ihrem Auftrag zur Abrechnung und Stichprobenprüfung der Testzentren weiterhin nachkommen werden.

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Gesundheitsminister Lauterbach hatte am Donnerstag die neue Testverordnung gegen Kritik verteidigt. Er hätte die Tests gerne weiter komplett kostenlos gelassen, sagte Lauterbach im ZDF-»Morgenmagazin«. »Das konnten wir uns aber nicht mehr leisten.« Den mit den Tests nun verbundenen bürokratischen Mehraufwand halte er für »überschaubar«.

Lauterbach sagte zudem in der Sendung »RTL Direkt«, die Tests würden nun aussagekräftiger. »Wenn jeder sich einfach so oft testen lassen kann wie er will, ohne, dass es einen Grund dafür gibt, dann sind auch zu viele Tests negativ oder wenn sie positiv sind, dann oft falsch-positiv.« Er fügte hinzu: »Wir haben das eingeschränkt, sodass die Tests aussagekräftiger sind.«

Lauterbach appellierte an die Menschen: »Wenn ich für drei Euro in einer größeren Gruppe viele Menschen vor der Ansteckung schützen kann, dann ist das gut investiertes Geld.«

apr/AFP/dpa
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