Neuauflage der Praxisgebühr Kassenärzte fordern Strafzahlung bei unnötigen Arztbesuchen

Was tun gegen überfüllte Wartezimmer und verstopfte Notfallambulanzen? Der Chef der Kassenärzte will Gebühren für Facharztbesuche einführen - und erntet mit dem Vorstoß heftige Kritik.

"Die Gesundheitskarte funktioniert wie eine Flatrate, und es gibt Patienten, die das gnadenlos ausnutzen"
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"Die Gesundheitskarte funktioniert wie eine Flatrate, und es gibt Patienten, die das gnadenlos ausnutzen"


Bis 2012 gab es in Deutschland die Praxisgebühr: 10 Euro musste jeder Patient beim Arzt bezahlen, das sollte vor unnötigen Arztbesuchen abschrecken, so war die Idee. Das System wurde zwar wieder abgeschafft. Die Kassenärzte in Deutschland machen sich nun aber wieder für eine - womöglich ähnlich gelagerte - Einschränkung von Arztbesuchen stark.

Dabei bringen sie Strafzahlungen für Patienten ins Spiel, die ihrer Ansicht nach übermäßig häufig bei Fachärzten vorstellig werden. "Es kann dauerhaft kaum jedem Patienten sanktionsfrei gestattet bleiben, jeden Arzt jeder Fachrichtung beliebig oft aufzusuchen, und oft noch zwei oder drei Ärzte derselben Fachrichtung", sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Derzeit wird das nicht kontrolliert. Die Gesundheitskarte funktioniert wie eine Flatrate, und es gibt Patienten, die das gnadenlos ausnutzen."

Allerdings kommt von den Krankenkassen erheblicher Gegenwind. Der Sprecher des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung, Florian Lanz, entgegnete: "Sollen hier durch die Hintertür Strafzahlungen für kranke Menschen vorbereitet werden, die sich hilfesuchend an die vermeintlich falsche Stelle wenden?" Dies sei "keine gute Idee", sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Was tun gegen überfüllte Wartezimmer?

Gassen schlug Wahltarife für alle Kassenpatienten vor, um eine Steuerung zu erreichen. "Wer sich verpflichtet, sich auf einen koordinierenden Arzt zu beschränken, sollte von einem günstigeren Kassentarif profitieren", sagte er. "Wer jederzeit zu jedem Arzt gehen möchte, müsste mehr bezahlen." Dafür sei es höchste Zeit, und er sei sicher, es würde sehr gut angenommen.

Zugleich beklagte Gassen eine Überlastung der Rettungsstellen von Kliniken vor allem an Wochenenden, wofür auch viele Patienten verantwortlich seien. "Dann haben sie Zeit. Und sie meinen, im Krankenhaus gibt es das Rundum-sorglos-Paket", sagte er - und fügte hinzu: "Erst zu Ikea, dann in die Notfallambulanz. Die Anspruchshaltung ist mitunter irrsinnig." Das führe dazu, dass das Personal in den Rettungsstellen keine Zeit für die wirklichen Notfälle habe.

Auch damit rief Gassen Kritik hervor. "Wir müssen die Notfallversorgung patientengerecht umbauen", sagte Kassenverbandssprecher Lanz. "Patientenbeschimpfung ist mit Sicherheit keine Lösung für aktuelle Herausforderungen". Das Gesundheitswesen müsse sich nach den Bedürfnissen der Patienten richten und nicht umgekehrt.

beb/dpa



insgesamt 262 Beiträge
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HamburgerJung2110 07.09.2019
1. Gebühr für eine zweite Meinung?
Das kann ja wohl nur ein schlechter Scherz sein. Ich hatte Probleme mit Nasen/Ohren und wurde vom HNO-Arzt zur weiteren Behandlung in die HNO-Abteilung überwiesen. Dort wurde ich genötigt, eine Tubendilatation, also eine OP an den Ohren durchführen zu lassen. Am liebsten hätten die mich gleich da behalten. Völlig verängstigt, hat mein Hausarzt mich woanders hingeschickt. Dort wurde mir gesagt, dass diese OP völliger Quatsch gewesen wäre! Hätte ich aus kostengründen auf diese Meinung verzichtet, hätte die KK eine sinnfreie OP bezahlen müssen und mit würde es immernochnicht besser gehen.
Marvin__ 07.09.2019
2. Strafzahlungen sollte man durchaus diskutieren
Wenn sie denn in beide Richtungen wirken: Ärzte, die Patienten trotz Termin länger als 20 Minuten warten lassen, könnten ebenso zur Kasse gebeten werden wie solche, die - nach Ansicht von Patienten oder Kassen - Behandlungen unnötig komplizieren oder verlängern. Etwa Zahnärzte, die jedes halbe Jahr Röntgenaufnahmen anfertigen oder Fachärzte, die jeden Patienten erst einmal zu MRT und Röntgen schicken, bevor eine Anamnese durchgeführt wird.
runn 07.09.2019
3. überfällig
Diese Diskussion ist überfällig, nicht nur der Kosten wegen. Die Kosteneffizienz im Gesundheitswesen muss im Interesse der Kassen und Beitragszahler verbessert werden.
Muttimörkel 07.09.2019
4. Beitragsrückerstattung!
Warum führt man nicht in der GKV eine Beitragsrückerstattung ein? Wer in einem Kalenderjahr nur Vorsorgeunteruchungen in Anspruch nimmt, bekommt 3 Monatsbeiträge zurück. Das würde schon deutlich was bringen und benachteiligt keine chronisch Kranken!
kerlemann 07.09.2019
5. Demnach bleibt dem Kassenpatienten ...
... eigentlich nur eine Wahl. Selber Arzt werden. Dann wissen wir immer wann und zu wem wir im Krankheitsfall müssen. Noch besser, wir können die arnen gebeutelten Fachärzte entlasten durch Selbstheilung. Dann haben sie nur noch die Privatpatienten am Hals. Die Qual kann man dann gerade noch ertragen, solange die Kasse stimmt. Da darf es dann auch gerne mal eine überflüssige Behandlung mehr sein.
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