Für Kastration Bauern sollen Ferkel künftig selbst betäuben dürfen

Ferkel dürfen ohne Betäubung kastriert werden. Eine Verordnung soll es Landwirten erlauben, eine Anästhesie selbst durchzuführen. Tierärzte und Umweltschützer laufen Sturm.

Ferkel in einer Schweinezuchtanlage: Bauern sollen künftig männliche Tiere selbst betäuben können
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Ferkel in einer Schweinezuchtanlage: Bauern sollen künftig männliche Tiere selbst betäuben können


Bauern sollen bei der chirurgischen Kastration von Ferkeln die Tiere künftig selbst betäuben dürfen. Das Bundeskabinett beschloss in Berlin eine Verordnung des Landwirtschaftsministeriums von Julia Klöckner (CDU), der zufolge die Verwendung des Narkosemittels Isofluran künftig auch durch die Landwirte oder andere "sachkundige Personen" erlaubt sein soll. Bisher ist dies Tierärzten vorbehalten.

Die Verordnung zielt darauf ab, für Betriebe eine "praxisreife Alternative" zur betäubungslosen Kastration von Ferkeln zu schaffen. Hintergrund ist, dass Bundestag und Bundesrat Ende vergangenen Jahres eine zweijährige Fristverlängerung für die von Tierschützern heftig kritisierte betäubungslose Kastration gebilligt hatten, da die derzeit verfügbaren Alternativen den Anforderungen der Praxis nicht gerecht würden.

Klöckner verteidigt Verordnung

"Mir ist es wichtig, bereits jetzt in der Übergangsfrist Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration zu schaffen", teilte Klöckner mit. Die Verordnung sei im Sinne des Tierwohls, denn Voraussetzung für die Betäubung durch die Bauern sei ein Sachkundenachweis, der sowohl eine theoretische als auch eine praktische Prüfung umfasse.

Landwirte hatten zuvor vor einer Überforderung gewarnt und beklagt, dass es bisher keine für sie praktikablen Alternativen gebe. Die Kastration wird für nötig gehalten, da männliche Schweine andernfalls den als unangenehm empfundenen Ebergeruch entwickeln können.

Der Verordnung müssen noch der Bundestag und der Bundesrat zustimmen. In Kraft treten soll sie dann in der zweiten Jahreshälfte.

Kritik von Grünen und Tierschützern

Die Grünen-Politikerin Renate Künast warf der Bundesregierung vor, den Tierschutz auszuhöhlen, indem sie die "wirtschaftlichen Interessen über alles stellt". Mit der Isofluran-Betäubung werde "einseitig die Methode gefördert, die am kostengünstigsten ist". Damit ignoriere die Verordnung das Leid der Tiere.

Die Organisation Vier Pfoten kritisierte die geplante Betäubung durch die Landwirte scharf. "Die Anästhesie unter Isofluran gehört nicht in Laienhand", teilten die Tierschützer mit. Sie sei ein "massiver Eingriff in das Nervensystem des Tieres" und außerdem stets ein Risiko für das Tier.

Vier Pfoten befürchtet, dass niemand kontrollieren werde, ob die Narkose richtig erfolge. Sie müsse weiter Tierärzten vorbehalten bleiben: "Eine sechsstündige Kurzschulung ersetzt eben kein Studium."

Die Bundestierärztekammer hatte sich bereits in der Vergangenheit gegen die geplante Verordnung ausgesprochen. Sie verwies auf das Erkennen und Behandeln von Narkosezwischenfällen - etwa einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Diese erforderten "tierärztlichen Sachverstand". Voraussetzung dafür sei ein Studium der Tiermedizin.

brt/AFP

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