Kehrtwende der EZB Europäische Notenbanken kaufen Staatsanleihen

Die Europäische Zentralbank bricht mit einem Tabu: Die Währungshüter kaufen Anleihen hoch verschuldeter Staaten - um ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone zu verhindern. Die Deutsche Bundesbank zieht mit.
Europäische Zentralbank in Frankfurt: "Es musste gehandelt werden"

Europäische Zentralbank in Frankfurt: "Es musste gehandelt werden"

Foto: dapd

Frankfurt am Main - Am Ende brechen alle Dämme: Nach langem Pokerspiel mit den Investoren an den Finanzmärkten und zuletzt von der Politik unter massiven Zugzwang gesetzt, ist die Europäische Zentralbank (EZB) in der Nacht zum Montag doch eingeknickt. Um ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone und das dann unausweichliche Aus der Gemeinschaftswährung zu verhindern, entschließen sich die Hüter des Euro nun doch Staatsanleihen von Schuldenstaaten zu kaufen - und brechen damit ein weiteres Mal innerhalb weniger Tage ein Tabu.

Das Experiment ist extrem riskant: Auf dem Spiel steht die Glaubwürdigkeit der EZB als von der Politik unabhängige, nur dem Wohl der Währung verpflichtete Institution. Und sollte das Experiment scheitern, droht zudem ein kräftiger Anstieg der Teuerung in der Euro-Zone. Die EZB hat sich für das nach ihrer Ansicht kleinere Übel entschieden und muss nun hoffen, dass ihre Medizin trotz aller Risiken und Nebenwirkungen am Ende die Vertrauenskrise des Euro auch heilt.

"Durch die Eingriffe der EZB werden sicher das Mandat und die Unabhängigkeit der Notenbank in Frage gestellt. Wir sind aber davon überzeugt, dass die Maßnahmen notwendig sind, um den Teufelskreis, der zunehmend die Weltwirtschaft bedroht, zu durchbrechen", kommentierten die Analysten der Royal Bank of Scotland am Morgen nach dem richtungweisenden Grundsatzbeschluss des EZB-Rats. Fest steht: Durch die zunehmende Spekulation an den Finanzmärkten gegen den Euro war in den vergangenen Tagen eine für Politiker und Notenbanker untragbare Situation entstanden.

Historisches Projekt Euro in Gefahr

Nachdem in den vergangenen Wochen lediglich die bekannten Schuldenprobleme Griechenlands die Debatte bestimmt hatten, schien vergangene Woche das historische Projekt des Euro in Gefahr. Vor dem Euro-Gipfel der Staats- und Regierungschefs am Freitag in Brüssel eskalierte die Lage und zwang die EZB zum Eingreifen. "Plötzlich waren nur noch deutsche Bundesanleihen liquide, noch nicht einmal mehr gute französische Staatstitel", erklärt ein Euro-Notenbanker die Zwangslage. "Es musste gehandelt werden - ohne Rücksicht auf Verluste." Als Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy den anderen Regierungen einen gigantischen, rund 750 Milliarden Euro schweren Schutzschirm für den Euro abrang, konnte auch die EZB nicht mehr abseits stehen und gab ihren Widerstand auf.

Nun machen die Hüter des Euro Ernst: Nur Stunden nach dem Beschluss begannen mehrere nationale Notenbanken damit, Staatsanleihen am Sekundärmarkt zu kaufen - dem Vernehmen nach vor allem Bonds von Problemländern. Auch die Bundesbank macht mit, wie eine Sprecherin der deutschen Notenbank bestätigte, allerdings ohne Details zu nennen. Auch der eigentlich schon längst eingeläutete Ausstieg aus den gegen die Finanzkrise eingeführten Sondermaßnahmen wird rückgängig gemacht. Die Banken in der Euro-Zone bekommen aus Frankfurt Liquidität zum voraussichtlich noch für lange Zeit rekordniedrigen Leitzins.

Am Ende bleibt die Frage, welche Wahl Trichet & Co. überhaupt noch hatten, nachdem die Staats- und Regierungschefs unter dem Eindruck der Existenzkrise des Euro beschlossen hatten, den Kampf mit den Spekulanten aufzunehmen. Da es letztlich immer Menschen mit ihren Zielen, Träumen und Vorstellungen sind, die hinter Entscheidungen mit großer Tragweite stehen, kann man wohl davon ausgehen, dass keiner der Hüter des Euro ohnmächtig zusehen wollte, wie ihm die gemeinsame Währung unter den Fingern zerbröselt: Weder der amtierende EZB-Chef Trichet, noch seine potenziellen Nachfolger Bundesbankchef Axel Weber und Mario Draghi von der Banca d'Italia konnten und wollten dies verantworten.

Die Chancen für Bundesbankchef Weber auf einen EZB-Vorsitz steigen

Besonders viele Bauchschmerzen dürfte der tief in der Bundesbanktradition verwurzelte Weber mit dem Tabubruch der Währungshüter haben. Seine Chancen auf die Nachfolge Trichets im kommenden Jahr sind klar gestiegen im Wettrennen mit Draghi, dem als Vertreter eines ehemaligen Weichwährungslandes nun nur noch "allenfalls Außenseiterchancen" eingeräumt werden, wie es in Notenbankkreisen heißt.

Egal wer Trichet beerbt, der Nachfolger tritt ein schweres Erbe an. Und eines, das für den ersten Präsidenten der EZB, den Niederländer Wim Duisenberg, so wohl nicht vorstellbar war. Duisenberg hatte der EZB ein berühmt gewordenes Bonmot hinterlassen: Eine Zentralbank müsse sein wie Pudding, "je mehr man sie schlägt, desto härter wird sie." Die EZB ist im Angesicht der Euro-Schwäche unter dem Druck von Politik und Märkten weich geworden. Ob das am Ende den Euro rettet, muss sich erst noch zeigen. Am Tag des Dammbruchs machte die Gemeinschaftswährung am Devisenmarkt jedenfalls viel Boden gut.

Von Andreas Framke, Reuters
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