Kühnerts Kapitalismuskritik Wem Deutschland gehört (und wem nicht)

Kevin Kühnerts Sehnsucht nach dem Sozialismus hat Empörung ausgelöst - und die Debatte über Ungleichheit wiederbelebt. Wie gerecht sind Eigentum und Macht in Deutschland verteilt? Eine ernüchternde Bestandsaufnahme.

Hamburg-Blankenese: Das hier wohnende Kollektiv hat viel - und viel zu sagen
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Hamburg-Blankenese: Das hier wohnende Kollektiv hat viel - und viel zu sagen

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Glaubt man den Reaktionen zahlreicher Konservativer und Ökonomen, hat Kevin Kühnert nicht etwa ein ziemlich abstraktes und teils widersprüchliches Interview über seine Haltung zur Wirtschaftsordnung gegeben, sondern die sozialistische Revolution ausgerufen. Dem Juso-Chef selbst kommt das Missverständnis durchaus gelegen. So hitzig wie derzeit wurde schon lange nicht mehr über die Ungleichheit der Gesellschaft debattiert.

Die zugrunde liegende Frage dieser Debatte lässt sich einfach formulieren: Welche Macht- und Besitzverhältnisse hat der Kapitalismus in Deutschland erzeugt?

Die Frage lässt sich beantworten - mit amtlichen Statistiken und Berechnungen von Ökonomen:

1) Vermögensverteilung

"Es gibt Leute, die Kapital besitzen, und Leute, die dieses Kapital erarbeiten", wiederholt Kühnert im "Zeit"-Interview den Ausgangspunkt der marxistischen Lehre. Wer Kapital besitze, könne es für sich arbeiten lassen und müsse es nicht selbst tun. "Über diese Freiheit verfügt in unserer Gesellschaft nur ein sehr kleiner Teil, der Zugang zu Vermögen ist für die meisten nicht gegeben", kritisiert Kühnert.

Betrachtet man die real existierende Vermögensverteilung, erscheint die Formulierung des Juso-Chefs geradezu zurückhaltend: Die Ungleichheit beim Eigentum ist in Deutschland extrem. Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge besitzen die 45 reichsten Haushalte in Deutschland so viel wie rund 20 Millionen Haushalte, die die ärmere Hälfte der Bevölkerung bilden.

Die folgende Grafik zeigt die Vermögensverteilung: Blau eingefärbt sind die oberen zehn Prozent, rot eingefärbt die restlichen 90 Prozent. Die am dunkelsten eingefärbten Flächen stehen für die 45 reichsten Haushalte (blau) einerseits - und die rund 20 Millionen Haushalte der unteren 50 Prozent (rot).

Die zugrunde liegenden Daten stammen aus dem Jahr 2014, doch seitdem dürfte sich an der Verteilung nichts Grundlegendes geändert haben.

Damit sind die Vermögen in Deutschland übrigens auch im Europa-Vergleich besonders ungleich verteilt. Das zeigt der Vergleich mit Spanien und Frankreich:

Für ihre Studie nutzten die DIW-Forscher zum einen die offiziellen Daten der Bundesbank und der Europäischen Zentralbank (EZB). Weil diese Statistik aber die Superreichen nur sehr lückenhaft abbildet, griffen die Ökonomen auf einen Ansatz zurück, den die EZB selbst anregt, um ihre Vermögenserhebung zu korrigieren: Sie ergänzten diese mit den Angaben aus der Reichenliste des manager magazins.

2) Viel Geld, viel Macht: Die Superreichen

Wer sich die Reichenliste des manager magazins anschaut, bekommt schnell eine Ahnung, wohin große Teile der Gewinne deutscher Unternehmen wandern: in das Privatvermögen weniger extrem Privilegierter.

Dass Kühnert im "Zeit"-Interview gezielt nach der Kollektivierung von BMW gefragt wurde, kommt nicht von ungefähr: Ganz an der Spitze der Reichenliste stehen die Geschwister Stefan Quandt und Susanne Klatten, die gemeinsam direkt oder indirekt 46,8 Prozent der Stammaktien des Autobauers besitzen. Allein im vergangenen Jahr flossen daher 1,1 Milliarden Euro an Dividende an die beiden - geschätztes gemeinsames Vermögen: 34 Milliarden Euro.

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Fotostrecke: Das sind die reichsten Deutschen

Auch die folgenden Plätze der Reichenliste wirken wie eine Bestätigung von Kühnerts Unterscheidung zwischen den Leuten, die Kapital besitzen und jenen, die es erarbeiten. Ob Dieter Schwarz (Lidl, Kaufland, geschätzt 25 Milliarden Euro Vermögen), die Aldi-Erben (Süd: 21,8 Milliarden Euro; Nord: 17,5 Milliarden Euro), die Familien Schaeffler (17 Milliarden Euro), Otto (13,5 Milliarden Euro), Porsche (12 Milliarden Euro) oder Klaus-Michael Kühne (10,5 Milliarden Euro) - ihre enormen Vermögen hätten selbstverständlich nicht ohne die Leistung der jeweils Tausenden Beschäftigten entstehen können.

Diesen Superreichen gemein ist - bis auf wenige Ausnahmen - zudem ihr enormer Einfluss auf die Konzernpolitik. Sie bestimmen entweder voll oder zumindest maßgeblich die strategische Ausrichtung des Unternehmens.

3) Aktienbesitz

Nun gäbe es - zumindest bei Aktiengesellschaften - ja durchaus Möglichkeiten der "Kollektivierung" (wie Kühnert es nennt). Dazu müssten aber nennenswerte Teile der Bevölkerung Anteilseigner dieser Unternehmen sein. Davon kann in Deutschland allerdings nicht die Rede sein.

Zwar ist die Zahl der Aktionäre im vergangenen Jahr auf den höchsten Stand seit der Finanzkrise gestiegen. Aber erstens sind es immer noch nur 10,3 der insgesamt 82,8 Millionen Bundesbürger - und zweitens sind hier auch schon jene eingerechnet, die ausschließlich Anteile an Aktienfonds besitzen. Sie können zwar vom Unternehmenserfolg profitieren, mitentscheiden können sie aber nicht, weil sie kein persönliches Stimmrecht auf der Hauptversammlung haben. Das haben höchstens 4,5 Millionen Menschen in Deutschland - jene, die tatsächlich Aktien besitzen.

Noch weniger Menschen erfüllen Kühnerts Ideal eines Kollektivs, das in dem Unternehmen das Sagen hat, in dem es auch arbeitet: Nur knapp 1,3 Millionen Belegschaftsaktionäre gibt es in Deutschland.

4) Immobilienbesitz

Auch der Juso-Chef hält Wohnen ganz offensichtlich für eine der wichtigsten sozialen Fragen der Zeit. Zwar schreckt auch er vor einer Enteignung privater Immobilienbesitzer zurück - das selbst Erarbeitete sollte geschützt werden, findet auch Kühnert. Aber: Mit dem Wohnraum anderer Menschen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, halte er nicht für ein legitimes Geschäftsmodell: "Konsequent zu Ende gedacht, sollte jeder maximal den Wohnraum besitzen, in dem er selbst wohnt."

Derzeit besitzt nicht einmal jeder zweite Haushalt (47,1 Prozent) laut dem Statistischen Bundesamt überhaupt Haus oder Grund. Mehr als die Hälfte der Deutschen wohnt also zur Miete - nicht wenige davon in einem der Mehrfamilienhäuser mit drei oder mehr Wohnungen, die wiederum nur 2,2 Prozent der Haushalte zu ihrem Eigentum zählen dürfen.

Fazit

Die real existierende bundesdeutsche soziale Marktwirtschaft hat zu solch ausgeprägter Ungleichheit bei Eigentum, Macht und Möglichkeiten geführt, wie sie auch bei weit ungezügelteren Spielarten des Kapitalismus zu erwarten wäre. Kevin Kühnert hat zwar keinen kohärenten Lösungsansatz dafür entwickelt. Aber immerhin wird nun wieder darüber gestritten.

insgesamt 494 Beiträge
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Broko 03.05.2019
1.
Der SPIEGEL tät gut daran, auch einmal die vielen, vielen gescheiterten Systeme der Planwirtschaft in der Geschichte der Menschheit, die stets zur Unterdrückung der jeweiligen Bevölkerungen führten, mit der gleichen Verve zu "analysieren" - da liest man doch sehr, sehr wenig von bei SPON ...
Aufzeigen 03.05.2019
2. Ich suche den Sinn dieses Artikels?
Ja, das Vermögen ist momentan ungleich verteilt. Aber die Beispiele die hier aufgeführt werden, sind meiner Meinung nach sehr fragwürdig. Albrecht, Kühne und Schwarz kommen aus "normalen" Verhältnissen. Ihr Erfolg gründet auf Unternehmergeist und Risikobereitschaft. Man sollte sich diese vielleicht mal zum Vorbild nehmen und nicht eine Neiddebatte entfachen. Dass der Aktienbesitz in DEU so ist, wie er ist, daran ist jeder selbst schuld.
migampe 03.05.2019
3. Sie irren, Herr Schoch!
Herr Schoch (BR-Vorsitzender BMW) möge doch bitte einmal die Arbeiter fragen, ob der Gewinn gerecht unter ihnen verteilt, oder ausschließlich der Familie Quandt (und in abgespeckter Version den Aktionären) zuteil werden soll. Die Rede war doch gar nicht von "Verstaatlichung", sondern von gerechter Verteilung der Gewinne! Auch wenn mich zu den "mittleren Einkommen" zählen kann: An der ungerechten Verteilung muß sich was ändern! Es kann nicht sein, daß wir Tafeln brauchen und andere nicht wissen, wie sie ihr Geld loswerden sollen!
Faktomat 03.05.2019
4. Schade
Schade, dass der Artikel a) nicht auch die Einkommensverteilung mit anderen Ländern vergleicht, und b) nicht darauf eingeht, warum die Deutschen beim Vermögen vergleichsweise schlecht abschneiden. Die Vermögensverteilung in Deutschland ist im Vergleich nur deshalb so schlecht, weil Deutsche – aus welchen Gründen auch immer – unglaublich risikoscheu sind. Eine Wohnung zu kaufen kostet nicht mehr, als eine zu mieten, aber man geht ein Risiko ein. Dies nehmen z.B. Engländer ohne Wimpernzucken in Kauf. Die Haltung ist: Wenn ich z.B. arbeitslos werde, dann verkaufe ich halt das Teil, miete mir eine kleinere Wohnung und mache in aller Regel sogar noch einen Gewinn, weil meine Wohnung an Wert gewonnen hat. Allerdings ist es in vielen Ländern einfacher und risikoärmer, Wohnungen zu kaufen. In den USA gibt es z.B. in der Regel non-recourse Hypotheken, das heißt, es haftet nur die Wohnung, nicht der Eigentümer (es kann also bei Zahlungsunfähigkeit nicht auf anderes Privatvermögen zugegriffen werden). In England braucht ein Käufer aufgrund staatlicher Subventionen nur 5% Eigenkapital. Ähnlich sieht es mit der Aktienkultur aus. In vielen Ländern "spart" die Mehrheit mit Aktien, nicht auf Null-Zins Sparkonten. Mehr Risiko, aber mit der Zeit wächst das Vermögen, in Deutschland schrumpft es.
prof.unrat 03.05.2019
5. Woran liegt es?
Es ist schon erschreckend und auch trostlos, wie der überwiegende Teil Deutschlands, die ökonomischen und politischen Eliten auf diese Überlegungen von Herrn Kühnert reagieren. Bis auf Beschimpfungen und Beleidigungen habe ich kein stichhaltiges, sachliches Argument gegen die Kollektivierung von Eigentum, Vermögen und exorbitanten Gewinnen gehört. Nein, es geht immer nur um die Wahrung von Pfründen, Besitzständen, Privilegien der Besitzenden und denjenigen die von diesen Verhältnissen profitieren und von denjenigen, die von diesen Verhältnissen korrumpiert wurden (siehe Betriebsrat von BMW). Wenn es danach geht, soll dieses kapitalistische System immer weiter so existieren und sich nicht ändern. Aber ist das wirklich zivilisiert? Ist das wirklich klug? Nein, das ist geradezu trostlos. Und schlimm ist auch, dass niemand von des ganzen selbstgerechten und selbstgefälligen Entscheidungsträgern irgendeine Vorstellung davon hat, wie die Welt in Zukunft aussehen soll und wie sie sich entwickeln soll.
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