Kühnerts Kapitalismuskritik Wem Deutschland gehört (und wem nicht)

Kevin Kühnerts Sehnsucht nach dem Sozialismus hat Empörung ausgelöst - und die Debatte über Ungleichheit wiederbelebt. Wie gerecht sind Eigentum und Macht in Deutschland verteilt? Eine ernüchternde Bestandsaufnahme.
Hamburg-Blankenese: Das hier wohnende Kollektiv hat viel - und viel zu sagen

Hamburg-Blankenese: Das hier wohnende Kollektiv hat viel - und viel zu sagen

Foto: imago images / Westend61

Glaubt man den Reaktionen zahlreicher Konservativer und Ökonomen, hat Kevin Kühnert nicht etwa ein ziemlich abstraktes und teils widersprüchliches Interview über seine Haltung zur Wirtschaftsordnung gegeben, sondern die sozialistische Revolution ausgerufen. Dem Juso-Chef selbst kommt das Missverständnis durchaus gelegen. So hitzig wie derzeit wurde schon lange nicht mehr über die Ungleichheit der Gesellschaft debattiert.

Die zugrunde liegende Frage dieser Debatte lässt sich einfach formulieren: Welche Macht- und Besitzverhältnisse hat der Kapitalismus in Deutschland erzeugt?

Die Frage lässt sich beantworten - mit amtlichen Statistiken und Berechnungen von Ökonomen:

1) Vermögensverteilung

"Es gibt Leute, die Kapital besitzen, und Leute, die dieses Kapital erarbeiten", wiederholt Kühnert im "Zeit"-Interview den Ausgangspunkt der marxistischen Lehre. Wer Kapital besitze, könne es für sich arbeiten lassen und müsse es nicht selbst tun. "Über diese Freiheit verfügt in unserer Gesellschaft nur ein sehr kleiner Teil, der Zugang zu Vermögen ist für die meisten nicht gegeben", kritisiert Kühnert.

Betrachtet man die real existierende Vermögensverteilung, erscheint die Formulierung des Juso-Chefs geradezu zurückhaltend: Die Ungleichheit beim Eigentum ist in Deutschland extrem. Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge besitzen die 45 reichsten Haushalte in Deutschland so viel wie rund 20 Millionen Haushalte, die die ärmere Hälfte der Bevölkerung bilden.

Die folgende Grafik zeigt die Vermögensverteilung: Blau eingefärbt sind die oberen zehn Prozent, rot eingefärbt die restlichen 90 Prozent. Die am dunkelsten eingefärbten Flächen stehen für die 45 reichsten Haushalte (blau) einerseits - und die rund 20 Millionen Haushalte der unteren 50 Prozent (rot).

Die zugrunde liegenden Daten stammen aus dem Jahr 2014, doch seitdem dürfte sich an der Verteilung nichts Grundlegendes geändert haben.

Damit sind die Vermögen in Deutschland übrigens auch im Europa-Vergleich besonders ungleich verteilt. Das zeigt der Vergleich mit Spanien und Frankreich:

Für ihre Studie nutzten die DIW-Forscher zum einen die offiziellen Daten der Bundesbank und der Europäischen Zentralbank (EZB). Weil diese Statistik aber die Superreichen nur sehr lückenhaft abbildet, griffen die Ökonomen auf einen Ansatz zurück, den die EZB selbst anregt, um ihre Vermögenserhebung zu korrigieren: Sie ergänzten diese mit den Angaben aus der Reichenliste des manager magazins.

2) Viel Geld, viel Macht: Die Superreichen

Wer sich die Reichenliste des manager magazins anschaut, bekommt schnell eine Ahnung, wohin große Teile der Gewinne deutscher Unternehmen wandern: in das Privatvermögen weniger extrem Privilegierter.

Dass Kühnert im "Zeit"-Interview gezielt nach der Kollektivierung von BMW gefragt wurde, kommt nicht von ungefähr: Ganz an der Spitze der Reichenliste stehen die Geschwister Stefan Quandt und Susanne Klatten, die gemeinsam direkt oder indirekt 46,8 Prozent der Stammaktien des Autobauers besitzen. Allein im vergangenen Jahr flossen daher 1,1 Milliarden Euro an Dividende an die beiden - geschätztes gemeinsames Vermögen: 34 Milliarden Euro.

Fotostrecke

Fotostrecke: Das sind die reichsten Deutschen

Foto: Axel Heimken/ picture alliance

Auch die folgenden Plätze der Reichenliste wirken wie eine Bestätigung von Kühnerts Unterscheidung zwischen den Leuten, die Kapital besitzen und jenen, die es erarbeiten. Ob Dieter Schwarz (Lidl, Kaufland, geschätzt 25 Milliarden Euro Vermögen), die Aldi-Erben (Süd: 21,8 Milliarden Euro; Nord: 17,5 Milliarden Euro), die Familien Schaeffler (17 Milliarden Euro), Otto (13,5 Milliarden Euro), Porsche (12 Milliarden Euro) oder Klaus-Michael Kühne (10,5 Milliarden Euro) - ihre enormen Vermögen hätten selbstverständlich nicht ohne die Leistung der jeweils Tausenden Beschäftigten entstehen können.

Diesen Superreichen gemein ist - bis auf wenige Ausnahmen - zudem ihr enormer Einfluss auf die Konzernpolitik. Sie bestimmen entweder voll oder zumindest maßgeblich die strategische Ausrichtung des Unternehmens.

3) Aktienbesitz

Nun gäbe es - zumindest bei Aktiengesellschaften - ja durchaus Möglichkeiten der "Kollektivierung" (wie Kühnert es nennt). Dazu müssten aber nennenswerte Teile der Bevölkerung Anteilseigner dieser Unternehmen sein. Davon kann in Deutschland allerdings nicht die Rede sein.

Zwar ist die Zahl der Aktionäre im vergangenen Jahr auf den höchsten Stand seit der Finanzkrise gestiegen. Aber erstens sind es immer noch nur 10,3 der insgesamt 82,8 Millionen Bundesbürger - und zweitens sind hier auch schon jene eingerechnet, die ausschließlich Anteile an Aktienfonds besitzen. Sie können zwar vom Unternehmenserfolg profitieren, mitentscheiden können sie aber nicht, weil sie kein persönliches Stimmrecht auf der Hauptversammlung haben. Das haben höchstens 4,5 Millionen Menschen in Deutschland - jene, die tatsächlich Aktien besitzen.

Noch weniger Menschen erfüllen Kühnerts Ideal eines Kollektivs, das in dem Unternehmen das Sagen hat, in dem es auch arbeitet: Nur knapp 1,3 Millionen Belegschaftsaktionäre gibt es in Deutschland.

4) Immobilienbesitz

Auch der Juso-Chef hält Wohnen ganz offensichtlich für eine der wichtigsten sozialen Fragen der Zeit. Zwar schreckt auch er vor einer Enteignung privater Immobilienbesitzer zurück - das selbst Erarbeitete sollte geschützt werden, findet auch Kühnert. Aber: Mit dem Wohnraum anderer Menschen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, halte er nicht für ein legitimes Geschäftsmodell: "Konsequent zu Ende gedacht, sollte jeder maximal den Wohnraum besitzen, in dem er selbst wohnt."

Derzeit besitzt nicht einmal jeder zweite Haushalt (47,1 Prozent) laut dem Statistischen Bundesamt überhaupt Haus oder Grund. Mehr als die Hälfte der Deutschen wohnt also zur Miete - nicht wenige davon in einem der Mehrfamilienhäuser mit drei oder mehr Wohnungen, die wiederum nur 2,2 Prozent der Haushalte zu ihrem Eigentum zählen dürfen.

Fazit

Die real existierende bundesdeutsche soziale Marktwirtschaft hat zu solch ausgeprägter Ungleichheit bei Eigentum, Macht und Möglichkeiten geführt, wie sie auch bei weit ungezügelteren Spielarten des Kapitalismus zu erwarten wäre. Kevin Kühnert hat zwar keinen kohärenten Lösungsansatz dafür entwickelt. Aber immerhin wird nun wieder darüber gestritten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.