Studie zur Kinderarmut Einmal unten, immer unten

Den meisten Familien mit Kindern geht es gut in Deutschland - doch vielen bedürftigen Haushalten gelingt es kaum, sich aus der Armut zu befreien. Das hat Folgen für Bildungschancen und Gesundheit.

Familien mit Kindern können sich in Deutschland nur selten aus finanziell schwieriger Lage befreien. Das ist das Ergebnis einer Langzeituntersuchung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

In Deutschland leben demnach rund 21 Prozent aller Kinder mindestens fünf Jahre dauerhaft oder wiederkehrend in Armut. Weitere zehn Prozent befinden sich an der Grenze zwischen dauerhaft gesicherter und nicht gesicherter Lage und rutschen immer wieder in Armut. Knapp 69 Prozent leben dauerhaft in gesicherter Lage.

Als arm gelten dabei Haushalte mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens in Deutschland (hier geht's zu den Studienergebnissen ). "Kinderarmut ist ein Dauerzustand", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. "Wer einmal arm ist, bleibt lange arm."

Schlechtere Noten, angegriffene Gesundheit

Im Auftrag der Stiftung hatten Wissenschaftler des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) Daten des "Panels Arbeitsmarkt und soziale Sicherung" (PASS) untersucht, einer repräsentativen Erhebung, die seit 2006 jährlich rund 15.000 Personen im Alter ab 15 Jahren erfasst. Für die Analyse von Armutslagen von Kindern wurde dafür die Einkommenssituation in Haushalten von insgesamt 3180 Kindern untersucht.

Wichtigstes Ergebnis der Studie: Nur wenige Haushalte mit Kindern schaffen eine substanzielle Verbesserung ihrer Lage. Innerhalb eines Jahres lag der Anteil der Familien, die den Sprung aus der Armut geschafft haben, zwischen 16,4 und 3,7 Prozent, je nach Startvoraussetzungen. Besonders schwer tun sich dabei Haushalte, die auf Sozialleistungen angewiesen sind.

Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass eine anhaltend wirtschaftlich schwierige Lage negative Folgen für die Zukunftschancen vieler Kinder hat: Sie müssen häufiger eine Klasse wiederholen, haben schlechtere Noten und leiden häufiger an gesundheitlichen Einschränkungen.

Die Bertelsmann Stiftung leitet aus den Studienergebnissen die Forderung nach einer Reform der bisherigen familienpolitischen Leistungen wie dem Kindergeld ab. "Die zukünftige Sozialpolitik muss die Vererbung von Armut durchbrechen. Kinder können sich nicht selbst aus der Armut befreien - sie haben deshalb ein Anrecht auf Existenzsicherung, die ihnen faire Chancen und gutes Aufwachsen ermöglicht", sagt Dräger.

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beb/dpa
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