Hohe Dunkelziffer Viel mehr Kinder von Armut betroffen als offiziell bekannt

Etwa 1,4 Millionen bedürftige Kinder tauchen nach Schätzung des Kinderschutzbundes in offiziellen Sozialhilfe-Statistiken nicht auf. Gründe seien bürokratische Hindernisse oder die Scham der Eltern.
Kita-Kinder in Hamburg

Kita-Kinder in Hamburg

Foto: Christian Charisius/ picture alliance / dpa

Etwa 4,4 Millionen Kinder in Deutschland sind nach Schätzungen des Deutschen Kinderschutzbundes von Armut betroffen - etwa 1,4 Millionen mehr als bisher angenommen. Ein Grund sei, dass viele Familien staatliche Leistungen nicht in Anspruch nehmen, also in den Statistiken nicht erfasst würden. "Oft liegt es daran, dass die Eltern mit den bürokratischen Abläufen überfordert sind oder sich schlichtweg dafür schämen", sagte Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers. Regierung und Behörden setzten auch bewusst auf den abschreckenden Faktor der Bürokratie. "Die Verschleierungsmethoden der Ministerien funktionieren gut", sagte Hilgers.

Dies sei ein "Armutszeugnis für ein reiches Land", kommentierte der Verband die Zahlen. Er forderte die Bundesregierung auf, entschlossener gegen Kinderarmut vorzugehen. Deren Pläne etwa zur Erhöhung des Kinderzuschlags seien "völlig unzureichend".

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Der Kinderschutzbund bezieht sich mit seinen Zahlen unter anderem auf die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen vom 18. Juni 2018. Sogenannte aufstockende Leistungen nach Hartz IV nähmen geschätzt nur etwa 50 Prozent der Berechtigten in Anspruch. Das allein betreffe rund 850.000 Kinder unter 18 Jahren.

"Zählen wir alles zusammen, kommen wir konservativ gerechnet auf eine Dunkelziffer von 1,4 Millionen Kindern. Alle diese Kinder sind offiziell nicht arm, doch sie fallen durch das Raster unseres Sozialstaates", sagte Hilgers. Perspektivisch fordert der DKSB die Einführung einer einfachen und unbürokratischen Kindergrundsicherung.

Die Kindergrundsicherung

Die hohe Dunkelziffer bei Bedürftigen betrifft aber nicht nur Kinder. Ein Gutachten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kam 2013 zu dem Ergebnis, dass geschätzt etwa 34 bis 44 Prozent der Berechtigten keine Sozialleistungen beantragen.

In den vergangenen drei Jahren nahm die offizielle Zahl der Kinder in Hartz IV ausschließlich durch die Zuwanderung zu. Zuletzt veröffentlichte die Bundesagentur für Arbeit im April Zahlen. Demnach ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger bei Kindern ohne deutsche Staatsbürgerschaft gestiegen - die meisten davon sind Geflüchtete oder aus dem EU-Ausland zugezogen. Im Dezember 2017 waren es mit 621.357 fast 23 Prozent mehr Kinder als ein Jahr zuvor.

Insgesamt ist die Zahl der Kinder in der Grundsicherung im Jahresvergleich leicht um 1,7 Prozent auf 2,028 Millionen gestiegen. Die Zahl einheimischer Kinder in Hartz IV ist dabei aber rückläufig. Im Dezember 2017 lebten der Statistik zufolge 1,406 Millionen Kinder mit deutscher Staatsbürgerschaft von der Grundsicherung, 81.576 weniger als ein Jahr zuvor. Das entspricht einem Rückgang um 5,5 Prozent.

Die BA-Statistik unterscheidet dabei ausschließlich nach der Staatsbürgerschaft. Einen möglichen Migrationshintergrund erfasst die Statistik nicht.

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mmq/dpa