Kleidung, Möbel, Taschengeld Woran es armen Kindern in Deutschland mangelt

Eine Urlaubsreise, ein Restaurantbesuch oder ein eigenes Zimmer: In vielen Familien ist das nicht drin. Bislang unveröffentlichte Daten zeigen, was Armut für Kinder in Deutschland konkret bedeutet.
Kinder in Hamburg: Armen Familien fehlt es häufig an grundlegenden Dingen - etwa ausreichender Winterkleidung

Kinder in Hamburg: Armen Familien fehlt es häufig an grundlegenden Dingen - etwa ausreichender Winterkleidung

Foto: Hartmut Schwarzbach / argus

Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in oder zumindest nahe an der Armut: Der Anteil der Minderjährigen, die in Familien mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zu Hause sind, lag zuletzt bei 20,1 Prozent. Rund jedes siebte Kind - exakt 13,8 Prozent - befindet sich im Hartz-IV-System. Das ist meist kein vorübergehender Zustand: Fast die Hälfte lebt bereits seit mehr als vier Jahren durchgehend mit Hartz IV, weitere rund 38 Prozent seit mehr als einem Jahr. Kennzahlen, an denen sich in den vergangenen Jahren trotz des Booms auf dem Arbeitsmarkt nur wenig geändert hat.

Auf diesen dauerhaften Missstand macht die Bertelsmann Stiftung mit einer nun veröffentlichten Faktensammlung aufmerksam. Daraus wird deutlich, dass es vor allem zwei Familienformen sind, in denen die Kinder weit überdurchschnittlich betroffen sind: Mehr als ein Drittel aller Kinder von Alleinerziehenden (34,2 Prozent) leben von Hartz IV, bei Alleinerziehenden mit mehr als zwei Kindern sind es sogar zwei Drittel. Auch wenn beide Eltern im Haushalt sind, ist das Risiko für kinderreiche Familien hoch - knapp ein Fünftel von ihnen lebt mit Hartz IV, viele davon als Aufstocker. Diese bedenklichen Zahlen finden sich auch in den regelmäßigen Statistiken der Bundesagentur für Arbeit (BA).

Bislang unveröffentlicht waren allerdings Daten, die deutlich machen, was die Abhängigkeit der Grundsicherung für Kinder konkret bedeutet: ein Leben in Mangel. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das zur BA gehört, erhebt in einer regelmäßigen repräsentativen Befragung unter anderem, über welche Güter Haushalte verfügen oder nicht - und ob diese aus finanziellen Gründen fehlen. Die IAB-Forscher Torsten Lietzmann und Claudia Wenzig haben für die Bertelsmann Stiftung die Unterschiede zwischen Kindern in Hartz IV und Kindern in gesicherten Einkommensverhältnissen ermittelt.

Insgesamt sind es 27 Güter beziehungsweise Aspekte, die wichtig für die Teilhabe an der Gesellschaft sind - von der Größe der Wohnung über die Möglichkeit, neue Kleidung zu kaufen, bis zum monatlichen Kinobesuch. Eine Auswahl (die vollständigen Daten finden Sie in der Faktensammlung der Bertelsmann Stiftung):

Besonders groß sind die Auswirkungen des knappen Geldes für Kinder demnach nicht nur, wenn es darum geht, ob einmal im Jahr eine einwöchige Urlaubsreise möglich ist - bei 68 Prozent der Hartz-IV-Haushalte mit Kindern ist es das ausdrücklich aus finanziellen Gründen nicht, während das nur für zwölf Prozent aller anderen Haushalte mit Kindern zutrifft. Auch wenn es darum geht, abgenutzte Möbel zu erneuern (65 Prozent vs. 11 Prozent) oder ab und zu neue Kleidung zu kaufen (25 vs. 2 Prozent), ist der Anteil der Hartz-IV-Familien, denen schlicht das Geld dafür fehlt, um ein Vielfaches höher als der Anteil der Familien mit gesichertem Einkommen. Auch nur einmal im Monat ins Kino oder in ein Restaurant zu gehen, ist für viele arme Kinder ebenfalls nicht drin.

In fast der Hälfte der Fälle (45 Prozent) erhalten die Kinder in Hartz-IV-Familien kein regelmäßiges Taschengeld, was bei 20 Prozent ausdrücklich finanzielle Gründe hat. Ebenso häufig ist die Wohnung schlicht zu klein für die Anzahl der Familienmitglieder - was bei Familien mit gesichertem Einkommen nur sehr selten vorkommt.

Kindergrundsicherung als Gegenmittel

Entsprechend haben 13 Prozent der Kinder in Hartz IV zu wenig Platz, um Hausaufgaben zu erledigen oder zu lernen. Ein Computer mit Internetanschluss ist inzwischen quasi Grundausstattung, allerdings nicht in Hartz-IV-Familien. Dort fehlt er in jedem vierten Haushalt, 13 Prozent geben an, kein Geld dafür zu haben.

Die Bedingungen fürs Lernen zu Hause waren in den vergangenen Monaten des Corona-bedingten Homeschoolings eine besondere Benachteiligung armer Kinder. Die Bertelsmann Stiftung verweist zudem auf Erkenntnisse des IAB und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), wonach arme Familien auch wirtschaftlich besonders hart von der Coronakrise getroffen wurden und die Eltern besonders häufig ihren Job verloren. Als Folge werde sich die Bildungsungleichheit noch verstärken, warnen die Autoren.

Die Autoren der Faktensammlung plädieren unter anderem für eine eigene Kindergrundsicherung - und damit dafür, Kinder aus dem Hartz-IV-System zu nehmen. Diese Grundsicherung solle demnach so hoch bemessen sein, dass sie eine normale oder durchschnittliche Kindheit oder Jugend ermöglicht.

Kritiker dieser Forderung wenden immer wieder ein, dass Eltern das den Kindern zugedachte Geld dann lieber für sich zweckentfremden würden. Doch dieses Argument wird durch die Daten widerlegt. Demnach sparen in armen Familien Eltern offenbar in der Regel zuerst bei sich, bevor sie ihren Kindern Mangel zumuten. So gaben zum Beispiel 5,2 Prozent der Hartz-IV-Haushalte mit Kindern für sich als ganze Familie an, nicht genug Geld für ausreichende Winterkleidung zu haben. Wurde hingegen nur nach der Ausstattung der Kinder gefragt, waren es mit 4,5 Prozent etwas weniger.