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11. Januar 2016, 08:45 Uhr

Studie

Hier wohnen Deutschlands arme Kinder

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Der wirtschaftliche Aufschwung geht an vielen Kindern in Deutschland vorbei. Neue Zahlen zeigen, dass fast jeder fünfte Minderjährige in einer armen Familie lebt. Durch den Flüchtlingsandrang dürfte sich das Problem noch verschärfen.

Die Arbeitslosigkeit sinkt, mehr Menschen denn je haben einen Job, die Löhne steigen. Dennoch leben immer noch 19 Prozent oder 2,47 Millionen aller Mädchen und Jungen in Deutschland in Familien mit so wenig Geld, dass sie als arm oder armutsgefährdet gelten. Das ist eine bittere Nachricht - auch weil die Quote trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung noch dieselbe ist wie vor zwei Jahren.

Schon Anfang 2014 zeigte SPIEGEL ONLINE anhand einer Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung auf, in welchen der 39 untersuchten Regionen Deutschlands die meisten armutsgefährdeten Kinder leben. Nun hat das WSI neue Ergebnisse vorgelegt. Grundlage sind die aktuellsten verfügbaren Daten aus dem Mikrozensus 2014, der Bundesagentur für Arbeit und Berechnungen des WSI.

Die wichtigsten Ergebnisse sind:

Als arm gelten nach gängiger wissenschaftlicher Definition Haushalte, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des sogenannten bedarfsgewichteten mittleren Nettoeinkommens beträgt. Für eine vierköpfige Familie (zwei Erwachsene, zwei Kinder unter 14 Jahren) liegt diese Schwelle derzeit bei einem verfügbaren Nettoeinkommen von weniger als 1926 Euro.

Nach dieser Definition ist die Armut von Kindern auch insgesamt in den ostdeutschen Bundesländern am stärksten verbreitet. Dem WSI-Forscher Eric Seils zufolge dürfte dies an der vergleichsweise hohen Arbeitslosigkeit liegen und vermutlich auch an der ebenfalls höheren Zahl von Alleinerziehenden. Dennoch hat sich die Lage zuletzt ein wenig entspannt - vor allem weil mehr Menschen eine Arbeit gefunden haben.

Trauriges Schlusslicht in Westdeutschland ist das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen. Hier leben fast 700.000 der insgesamt 2,47 Millionen armen Kinder Deutschlands - ein Anteil von 27,7 Prozent. In allen fünf Regierungsbezirken ist die Kinderarmut gestiegen, besonders aber in denen von Münster und Düsseldorf. Dort sei die Arbeitslosigkeit nur unterdurchschnittlich zurückgegangen, sagt Seils zur Erklärung.

In Bayern und Baden-Württemberg hat sich die Lage - von einem ohnehin vergleichsweise guten Niveau aus - weiter verbessert. Die gute Entwicklung korrespondiert mit dem überdurchschnittlichen Schrumpfen der Arbeitslosenzahlen.

Wie Kinder aus einkommensschwachen Familien unmittelbar von Armut betroffen sind, hat Forscher Seils in der früheren Untersuchung bereits umfassend dargelegt. In sehr vielen Fällen müssten diese Kinder mit beträchtlichen materiellen Einschränkungen leben - deutlich häufiger als Altersgenossen, die über der Armutsschwelle aufwachsen. Das fängt damit an, dass diese Kinder oft nicht über die richtige Winterkleidung verfügen oder in feuchten Wohnungen leben. Reisen kommen teils sehr selten oder nie vor.

Im Jahr 2015 dürfte sich das Bild der Kinderarmut in Deutschland stark verändert haben. So ist die Zahl der in die Bundesrepublik geflüchteten Kinder und Jugendlichen massiv gestiegen. Im Oktober, aus dem die aktuellsten verfügbaren Daten stammen, waren es etwa allein mehr als 14.000 minderjährige Asylbewerber - die meisten von ihnen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan.

Welchen Einfluss der starke Zuzug auf die Kinderarmut haben wird, lässt sich nur erahnen. Eric Seils rechnet jedoch damit, dass viele der Flüchtlingskinder ein hohes Risiko haben, in Armut aufzuwachsen. Das legen Daten zur Armutsquote von Familien nahe, die bereits früher aus den Brennpunkten nach Deutschland eingewandert sind: 34 Prozent der Familien aus dem Nahen und Mittleren Osten haben ein Einkommen unter der Armutsschwelle. Dennoch betont Seils: "Selbstverständlich sollte zunächst im Vordergrund stehen, dass diese Kinder durch ihren Aufenthalt in der Bundesrepublik Krieg und Terror entgangen sind."

Bei Familien aus Serbien und afrikanischen Ländern beträgt die Armutsquote sogar mehr als 40 Prozent. Das liegt laut dem WSI nicht nur an einer generell höheren Arbeitslosigkeit in Migrantenfamilien. Eingewanderte aus diesen Ländern stünden besonders selten in Lohn und Brot und hätten häufiger nur einen Minijob.

Es stellt sich also mehr denn je die Frage, wie aus der ohnehin relativ hohen Kinderarmut in Deutschland trotz massiver Zuwanderung eine nicht noch höhere wird, und was getan werden muss, um die zugewanderten Kinder bestmöglich aufzufangen. Sicher ist, dass dieses Problem in erster Linie über die Eltern angegangen werden muss - durch ordentliche Jobs, mit ebenso ordentlicher Bezahlung.

Daneben hält Forscher Seils umfangreiche Investitionen in Bildung und Qualifikation für notwendig, auch um die bei den ehemaligen "Gastarbeitern" gemachten Fehler nicht zu wiederholen. Das heißt unter anderem, dass die öffentliche Kinderbetreuung verbessert werden sollte, damit beide Elternteile mit Arbeit ihre Existenz sichern können.

Zusammengefasst: An der Kinderarmut in Deutschland hat sich trotz der guten Konjunktur in den vergangenen zwei Jahren insgesamt kaum etwas verändert. Positiv entwickeln sich Regionen in Ost- und in Süddeutschland, in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz dagegen steigt der Anteil armer oder armutsgefährdeter Kinder. Durch die starke Zuwanderung dürfte die Kinderarmut künftig zusätzlich steigen.

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