Studie Es gibt viele arme Kinder, doch wir wissen wenig über sie

Mehr als 1,9 Millionen Kinder in Deutschland leben von Hartz IV - und ihre Zahl steigt stetig. Die Folgen der Armut sind laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung jedoch nur unzureichend erforscht.

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Kinderarmut ist in Deutschland ein Massenphänomen, und das Problem wird tendenziell größer: Über 1,9 Millionen Menschen unter 18 Jahren lebten Ende 2015 in Hartz-IV-Haushalten, 52.000 mehr als 2014. Damit waren 14,7 Prozent aller Kinder auf die staatliche Grundsicherung angewiesen. Diese Statistik der Bundesagentur für Arbeit wird in einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung ausgewertet.

Die Expertinnen haben zudem den Stand der Forschung über die Folgen von Kinderarmut in Deutschland untersucht. Ihr Schluss: Wir wissen zu wenig über die Langzeitfolgen.

Eins steht der Studie zufolge allerdings fest: Die Berechnung der Hartz-IV-Sätze für Kinder ist nicht angemessen. Das bisherige System, "das sich am unteren Einkommensrand der Gesellschaft orientiert und die Bedarfe von jungen Menschen nicht explizit in den Blick nimmt, trägt offensichtlich nicht dazu bei, Kindern das Erleben von Armut zu ersparen".

Insgesamt werteten die Autorinnen 59 Studien aus den vergangenen zwei Jahrzehnten aus, die sich zumindest teilweise mit den Folgen von Armut in der Kindheit beschäftigten. Obwohl das Thema hohe öffentliche Aufmerksamkeit errege, gebe es bisher "keine systematische und wissenschaftliche Aufarbeitung der Folgen und Auswirkungen von Armut für Kinder", stellen die Expertinnen fest. (Hier finden Sie die Ergebnisse der Studie auf der Seite der Bertelsmann-Stiftung.)

So vermissen die Studienautorinnen etwa sogenannte Längsschnittbetrachtungen, bei denen die Situation von armen Kindern über mehrere Jahre hinweg untersucht wird. Zudem stammten die wenigen abgesicherten Erkenntnisse aus veralteten Erhebungen.

Zu den wenigen Erkenntnissen zählt: "Je länger Kinder in Armut leben, desto gravierender sind die Folgen", sagte Anette Stein, Familienpolitik-Expertin der Bertelsmann-Stiftung. Trotz aller Forschungslücken zeige die Auswertung der Studien, dass arme Kinder sozial isolierter aufwachsen, gesundheitliche Nachteile und häufiger Probleme auf ihrem Bildungsweg haben als Altersgenossen, deren Eltern finanziell bessergestellt sind. Daher bereitet es den Forschern Sorgen, dass eine Mehrheit der betroffenen Kinder über längere Zeit in der Armut feststeckt: Im Schnitt sind 57,2 Prozent der betroffenen Kinder zwischen 7 und 15 Jahren mehr als drei Jahre auf Grundsicherungsleistungen angewiesen.

Die Autorinnen kritisieren aber auch, dass ein einheitliches Messkonzept für Kinderarmut fehle. Einige machen sie - wie folgend auch die Studie der Bertelsmann-Stiftung selbst - an dem Anteil Minderjähriger in staatlicher Grundsicherung fest, andere an der relativen Einkommensarmut, wonach Haushalte mit einem Nettoeinkommen von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens als arm gelten. Wieder andere Studien ziehen Lebensstandard-Statistiken heran.

Bremerhaven und Gelsenkirchen mit höchster Quote

Die Studienautorinnen heben hierbei einen multidimensionalen Ansatz als hilfreich hervor: Dabei wird sowohl die materielle, die soziale, die kulturelle als auch die gesundheitliche Lage der betroffenen Kinder betrachtet. Das Konzept geht auf die sogenannten AWO-ISS-Studien zurück, die allerdings nicht aktuell sind - deren Erhebungen fanden zwischen 1999 und 2010 statt.

Die schlechte Forschungslage, die die Autorinnen konstatieren, erstaunt angesichts der steigenden Kinderarmut. Die Studie referiert bereits bekannte Zahlen zur Entwicklung der minderjährigen Hartz-IV-Empfänger. Demnach ist der Trend in Ost und West unterschiedlich. Während die Quote der unter 18-Jährigen in Hartz-IV-Haushalten in den westlichen Ländern von 12,4 Prozent im Jahr 2011 auf 13,2 Prozent im Jahr 2015 kletterte, sank sie im Osten zwar um 2,4 Prozentpunkte, blieb aber mit 21,6 Prozent hoch.

Besonders stark betroffen sind Kinder alleinerziehender Eltern - und jene, die mit zwei oder mehr Geschwistern aufwachsen. Mit fast einer Million lebt mehr als die Hälfte aller Kinder im Hartz-IV-Bezug bei nur einem Elternteil, meist der Mutter. 36 Prozent haben zwei oder mehr Geschwister. Zudem ist die Kinderarmut grundsätzlich in Städten erheblich höher als auf dem Land.

In Bremerhaven liegt die Quote der unter 18-Jährigen in Hartz-IV-Bezug bei 40,5 Prozent und damit am höchsten. Es folgen Gelsenkirchen (38,5 Prozent), Offenbach (34,5 Prozent), Halle (33,4 Prozent), Essen (32,6 Prozent) und Berlin (32,2 Prozent). Bayern und Baden-Württemberg haben mit 6,8 Prozent bzw. 8,0 Prozent die niedrigsten Anteile.

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fdi/dpa



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