Kita-Streik Eltern auf die Straße!

Von Tina Angerer
Die Kita-Erzieherinnen streiken unbefristet und die Eltern müssen es ausbaden. Bei allem Ärger wäre es aber falsch, genervt auf diesen Arbeitskampf zu reagieren. Denn die Erzieherinnen und Erzieher verdienen einen besseren Lohn - und unsere Solidarität.
Hessen: Erzieherinnen und Erzieher demonstrieren für einen neuen Tarifvertrag

Hessen: Erzieherinnen und Erzieher demonstrieren für einen neuen Tarifvertrag

Foto: Boris Roessler/ dpa

"Bei allem Verständnis: Jetzt reicht es. Ich kriege jetzt ein echtes Problem." Die Münchner Mutter, die da schimpft, ist eine von Tausenden, die der unbefristete Streik der Erzieherinnen hart trifft. Wer eine fitte Oma hat, hat es noch leicht. Viele Eltern - vermutlich mehr Mütter als Väter - müssen nun den Chef um Urlaub bitten, und sogar der kann in manchen Fällen verweigert werden. Wenn sich der Streik hinzieht, wird das Familien ihren Jahresurlaub kosten, denn krank machen oder das Kind einfach krank melden, kann Betroffene sogar den Job kosten. Je länger dieser Streik dauert, desto mehr wird die Solidarität der Eltern schrumpfen: "Wisst Ihr, was ihr den Eltern damit antut?" empört sich eine Mutter in einer großen Zeitung in NRW, und: "Verdammt noch mal, das sind Kinder, die ihr da weglegt, keine Akten!"

Genau. Weil es keine Akten sind, ist dieser Streik so wichtig. Und weil es unsere Kinder sind, ist es auch unser Streik.

Stell Dir vor, es ist Demo - und keiner hat Zeit

Wenn Fließbandarbeiter streiken, werden die Autos später fertig und der Arbeitgeber trägt den finanziellen Schaden. Im öffentlichen Dienst funktioniert dieses Prinzip nicht. Wenn Erzieherinnen streiken, zahlen wir Eltern trotzdem die Gebühren, die Kommunen aber kein Gehalt. Absurd: Der Arbeitskampf entlastet ausgerechnet die Arbeitgeber finanziell. Ausgetragen wird der Streik ausschließlich auf dem Rücken der Eltern. Auch das ist absurd: Gerade wir Eltern, die das größte Interesse an guter Betreuung unserer Kinder haben, sind die Leidtragenden eines Streiks.

Doch welches andere Druckmittel haben die Erzieherinnen? Keins. Sie haben nur uns. Wieso lassen wir die Erzieher in eigener Sache streiken, obwohl es auch unsere Sache ist? Wäre es nicht absolut angemessen und fair gewesen, mal vorab eine Soli-Demo zu organisieren? Wo waren wir? Warum haben wir zu Nicht-Streik-Zeiten keine Energie für die Anliegen der Erzieherinnen aufgebracht?

Eigentlich müssten wir nun alle mit auf die Straße, den Druck weiterreichen an die Arbeitgeber. Oder die Kinder stur mit ins Büro nehmen. In der Realität kommt es zu einer derartigen Revolte nicht, weil die Eltern - wahrscheinlich auch hier mehr Mütter als Väter - voll damit beschäftigt sind, das Chaos zu bewältigen und sie natürlich auch noch ihre Jobs behalten wollen. Da bleibt wenig Kapazität für Solidarität. Stell dir vor, es ist Demo - und keiner hat Zeit.

Hohe Verantwortung, niedriges Gehalt

Dabei sind sich die Eltern einig, dass Erzieher besser bezahlt werden sollten. Wir verlangen ja auch viel: Wir wollen, dass unsere Kleinen in der Gruppe immer individuell gesehen werden. Dass sie getröstet werden und lieb gehabt. Dass sie etwas lernen, dass ihre Kreativität geweckt wird, dass Defizite früh erkannt werden. Wir wollen morgens gehetzt ein müdes Kind abgeben können und nachmittags ein fröhliches Kind bei einer gelassenen Frau abholen. Wir wollen Ansprechpartner haben, die nicht nur in der Lage sind, jederzeit die Farbe des Stuhlgangs unserer Kinder zu referieren, sondern auch deren sozio-emotionale Entwicklung dokumentieren und uns einfühlsam erklären, was wir alles noch richtiger machen könnten.

Auch der Staat verlangt viel, angefangen bei einer vier- bis fünfjährigen Ausbildung. Selbst die Vereinigung der Kommunalen Arbeitgeber räumt ein, dass die Anforderungen an Erzieher gestiegen sind. Prekäre Familienverhältnisse, immer mehr Bürokratie, hohe pädagogische Standards. Abgesehen vom Lärm, der Belastung für den Rücken und dem Stress durch Personalmangel. Erzieherinnen können verdammt viel falsch machen, sie können Fehler machen, die niemand wieder gut machen kann. Auf dem Gehaltszettel ist diese hohe Verantwortung nicht abzulesen.

Frauenberufe halt, höhnen manche und man sieht fast den Ex-Kanzler Gerhard Schröder mit einer dicken Zigarre da sitzen. Die Gedöns-Vertreter haben es eben verpasst, wie eine anständige Industriegewerkschaft die Löhne hochzudrücken. Ein Vorarbeiter in der Metallindustrie kann heute mehr Geld machen als eine Kita-Leiterin.

Doch auch innerhalb des öffentlichen Dienstes stehen soziale Berufe hintan. Wenn ein Gabelstaplerfahrer so viel verdient wie eine Kinderpflegerin, dann ist etwas falsch gelaufen. Eine junge Frau, die heute Kinderpflegerin werden will, kann sich ohnehin gleich nach einem Mann umsehen, der sie durchfüttert. Auch der Erzieherin steht ein Zweit-Ernährer gut, selbst nach vielen Jahren kommen viele nur knapp über 3000 Euro brutto.

Anerkennung für Menschen, die mit Menschen arbeiten

Ver.di will eine grundsätzlich höhere Eingruppierung. Insgesamt könnten Erzieherinnen dann das Niveau von vielen Handwerksmeistern oder manchen Fachhochschulabsolventen erreichen.

Das Grundproblem ist die fehlende Anerkennung für Menschen, die mit Menschen arbeiten, und da macht Ver.di ein ganz großes Fass auf. Es geht um nicht weniger als eine gesamtgesellschaftliche Frage. Die Kommunen alleine werden sie nicht beantworten können.

Wenn "Frauenberufe" mehr anerkannt werden sollen, dürfen gerade jetzt die Mütter (vielen Dank auch an alle Väter, die mitmachen) nicht nachlassen. Erzieherinnen fordern mehr Respekt für einen anspruchsvollen Job. Und wir Eltern müssen ihnen helfen. Wer sonst?


Tina Angerer, 40, ist freie Journalistin und zweifache Mutter. Auf der von ihr mitgestalteten Facebook-Seite "Support your Kita!"  können sich Eltern austauschen und eigene Aktionen organisieren.

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