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22. Mai 2015, 19:16 Uhr

Protest gegen Streik

Eltern verwandeln Hamburger Rathaus in Groß-Kita

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Seit zwei Wochen werden Hunderte deutsche Kindertagesstätten bestreikt. Nun schalten immer mehr entnervte Eltern in den Angriffsmodus. In Hamburg breiteten Mütter, Väter und Kinder kurzerhand Spielzeug und Picknickdecken im Rathaus aus.

Am Freitag gegen 9.30 Uhr erhöht sich plötzlich das Gefahrenpotenzial im Hamburger Rathaus. Ein vielleicht zweijähriger Blondschopf steigt mit entschlossenen Schritten die steinernen Stufen zum Bürgerschaftsflügel empor. Oben angekommen, mustert er den Aufgang zum Büro der CDU, überlegt, dann nimmt er doch lieber seinen weißen Stoffhasen und schleudert ihn über das Treppengeländer hinweg in die altehrwürdige Empfangshalle hinab.

Das Tier landet weich zwischen einigen Eltern, die es sich auf Picknickdecken in der Empfangshalle bequem gemacht haben. Um die Eltern herum kicken einige größere Jungs mit einem Fußball. Ein kleinerer schlägt, begeistert wie ein Gewerkschafter, auf eine ihm vor den Bauch gespannte Trommel. Unter einer stolzen Löwenstatue spielt eine Mutter mit ihren Söhnen Uno. Zwei Polizisten mühen sich, nicht auf den Feuerwahrautos, Plastikbaggern und anderem Spielzeug auszurutschen, das überall im Rathaus verstreut liegt.

Wenn Arbeitnehmer und Gewerkschafter über Tariflöhne streiten, wird ihnen mitunter nachgesagt, sie benähmen sich wie im Kindergarten. Am Freitagvormittag nahmen rund 250 Kinder und Eltern diese Redewendung ziemlich wörtlich: Um ein Zeichen gegen den quälenden Dauerstreik in den kommunalen Kindertagesstätten zu setzen, funktionierten sie das Hamburger Rathaus für ein paar Stunden zur Groß-Kita um.

Seit genau zwei Wochen befinden sich die Erzieher nun schon im Ausstand, weil sie finanziell und gesellschaftlich aufgewertet werden wollen. Es gehe um das Wohl der nächsten Generation, sagen sie. Natürlich, beteuern die Arbeitgeber, das finden sie auch. Nur seien die Forderungen der Kita-Kräfte zu hoch.

Weil Arbeitgeber wie Gewerkschafter auf stur schalten, bleiben landauf, landab Hunderte Kitas geschlossen und bieten maximal Notdienste an. Zu Stoßzeiten legten zuletzt bis zu 150.000 der gut 240.000 betroffenen Erzieher die Arbeit nieder, sagt Ver.di. Sollten sich die Arbeitgeber nicht rühren, werde das bis zu den Sommerferien so weitergehen.

Die Eltern stellt das vor immer größere Probleme. Vielen, die am Freitag ins Rathaus kommen, gehen allmählich die Ideen aus, wer ihren Nachwuchs in der Zeit, in der sie arbeiten, noch betreuen soll.

"Wir haben es mit dem Notdienst unserer Kita versucht"

Melanie Gruner, 35, zum Beispiel, die ihre zwei Söhne in Protest-Shirts gesteckt hat. "Ich bin Deine Zukunft", steht auf einem zu lesen. "Also spart mir meine nicht kaputt."

"Erst haben wir es mit dem Notdienst unserer Kita versucht", sagt Gruner. "Doch dort wurden 38 ein- bis sechsjährige Kinder von drei Erzieherinnen betreut, die die Kinder oft noch nicht einmal kannten." Inzwischen leisten sich ihr Freund und sie die teurere Variante: Damit sie weiter arbeiten können, kommt zwei Mal die Woche ein Babysitter.

Eine andere Mutter erzählt, sie nehme ihre Zwillinge inzwischen mit zu Vorlesungen in die Uni. Eine dritte sagt, ihr Mann und sie brauchten gerade nach und nach ihren Jahresurlaub auf. Eine Grundschullehrerin bricht gar in Tränen aus. "Dieser Streik trifft die Falschen", sagt sie. "Ich bin mit meinen Kräften am Ende."

Wegen der Ver.di-Ausstände gehen nicht nur in Hamburg wütende Väter und Mütter auf die Barrikaden. Auch in Lübeck zogen am vergangenen Mittwoch rund 75 Eltern und Kinder vors Rathaus. In Mainz stürmten gut 200 Eltern und Kinder gar die Sitzung des Stadtrats.

Ver.di hatte sich genau das erhofft. Ihr Kalkül ist, die Eltern für sich kämpfen zu lassen. Legionen entnervter Mütter und Väter sollen Proteste organisieren und ihren örtlichen Politikern Druck machen. Die wiederum sollen auf die kommunalen Verhandler einwirken, der Gewerkschaft bei den Löhnen entgegenzukommen.

In Hamburg könnte dieser Plan aufgehen. Auch wenn am Freitagvormittag zunächst nicht alles nach Plan läuft. So schickt SPD-Bürgermeister Olaf Scholz zwar einen Mitarbeiter, Herrn Meier, zum Eltern-Dialog in die Empfangshalle. Doch der hält sich mit Zusagen zurück.

"Ver.di droht mit Streik bis August", sagt Martina Zippel (Name geändert), 37, Mutter einer fünfjährigen Tochter. "Die werden das durchziehen, wenn nichts kommt. Es ist jetzt an Scholz, was zu tun."

Herr Meier antwortet so leise, dass seine Stimme im inzwischen wirklich sehr lauten Kinderlärm weitgehend untergeht. Er habe selbst zwei Kinder, sagt er. Er könne die Sorgen der Eltern verstehen. Auch wenn seine Kinder, zugegebenermaßen, in einer privaten Kita seien. "Der Streit kann nur auf Bundesebene gelöst werden", sagt Meier.

"Das glaube ich nicht", sagt Zippel. "Der Hamburger Senat kann doch auf die kommunalen Verhandlungsführer einwirken. Ich bin sicher, die sind in Kontakt."

"Sie können mir eine Mail mit ihrem Anliegen schicken", sagt Meier. "Ich versuche ihre Forderungen dann an die richtigen Ansprechpartner weiterzureichen."

Er gibt ihr seine Visitenkarte. Martina Zippel mustert sie. Meier geht die Stufen hinauf zur Bürgerschaft. Auf halbem Weg, neben einem gusseisernen Tor, liegt eine Ernie-Stoffpuppe. Ein Kind hat sie dort allein zurückgelassen.

Die Mütter aber lassen sich von der höflichen Abfuhr nicht entmutigen. Viele tragen auf Zetteln ihre Kontakte ein, um sich besser zu vernetzen. Einige beratschlagen schon, was sie als nächstes tun können.

"Wir sollten Anfragen zum Kita-Streik an die Bürgerschaft schreiben", schlägt Zippel vor. "Jede von uns jeden Tag eine Frage." Ihr Plan: Die Politiker so lange nerven, bis sie handeln. Denn die Stadt sei schließlich verpflichtet, jede einzelne Bürgerfrage zu beantworten.

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