Investoren und der Klimaschutz "Am Ende kommt es immer auf das Geld an"

Versicherungen und Fondsgesellschaften verwalten Billionen Euro von Anlegern. Geld, das sie künftig klimafreundlicher investieren wollen. Im Dezember sprach der SPIEGEL darüber mit einer Vertreterin von Großinvestoren.
Windräder in Brandenburg

Windräder in Brandenburg

Foto: Patrick Pleul / DPA

Wenn es darum geht, den Klimawandel aufzuhalten, kommt man am großen Geld nicht vorbei. Nur wenn sich die Investitionsströme umleiten lassen - weg von klimaschädlichen Branchen wie der Kohleindustrie, hin zu klimafreundlicheren Technologien - wird auch die Wirtschaft wirklich umsteuern.

Die Deutsche Stephanie Pfeifer ist Chefin der Institutional Investors Group on Climate Change (IIGCC), einem Zusammenschluss aus fast 200 europäischen Großanlegern, die sich aktiv für einen strengeren Klimaschutz aussprechen. Zu dem Netzwerk gehören unter anderem die Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft DWS, die Vermögensverwaltungstöchter der Allianz und der deutschen Volksbanken sowie einige der finanzstärksten Pensionsfonds Europas.

Die Organisation koordinierte unlängst einen Appell an die Staats- und Regierungschefs der Welt, in dem 631 Großinvestoren eine schnelle CO2-Bepreisung sowie das Aus für alle Kohlekraftwerke verlangten.

Der SPIEGEL hat Stephanie Pfeifer am Rande des Madrider Klimagipfels getroffen. Im Interview erklärt sie, warum große Investoren nicht unbedingt altruistisch handeln, wenn sie stärker auf den Klimaschutz setzen - sondern damit vor allem ihre ureigenen Interessen verfolgen.

Zur Person
Foto: IIGCC

Stephanie Pfeifer ist Chefin der Institutional Investors Group on Climate Change (IIGCC) - ein Netzwerk, in dem sich fast 200 Großanleger aus Europa zusammengeschlossen haben. Insgesamt verwalten diese Investoren nach eigenen Angaben rund 28 Billionen Euro.

SPIEGEL: Frau Pfeifer, warum machen sich jetzt so viele Finanzkonzerne öffentlich für Klimaschutz stark? Haben sie etwa ihr gutes Herz entdeckt und wollen sie die Welt retten?

Stephanie Pfeifer: Unsere Mitglieder haben viele Motive. Aber den meisten geht es zuallererst um ihre eigenen Finanzen. Denn der Klimawandel bedroht die Finanzstabilität und das Wirtschaftswachstum. Er sorgt für neue, unvorhersehbare Risiken. Und er kann das Geschäft unserer Mitglieder massiv schädigen.

SPIEGEL: Wie zum Beispiel?

Pfeifer: Zum Beispiel wird das große Einkaufszentrum überflutet, in das Sie gerade investiert haben. Oder Sie müssen als Versicherungskonzern immer höhere Schadenszahlungen für Naturkatastrophen leisten. Und was ist, wenn sich die Folgen des Klimawandels so verschärfen, dass Politiker eine abrupte Kehrtwende machen, etwa indem sie plötzlich eine extrem hohe CO2-Steuer beschließen oder Kohlekraftwerke abschalten?

SPIEGEL: Dann sitzen Ihre Investoren oder Unternehmen, an denen sie beteiligt sind, mit einem Schlag auf wertlosen Vermögenswerten.

Pfeifer: Auf der anderen Seite kann der Kampf gegen den Klimawandel dauerhaft Wachstum schaffen. Bei der Transformation hin zu einer emissionsarmen Weltwirtschaft tun sich unzählige Geschäftschancen auf: Regenerative Energien, Energieeffizienz, große Infrastrukturprojekte und vieles mehr. Eine Gruppe dänischer Pensionsfonds, unter ihnen viele unserer Mitglieder, hat kürzlich angekündigt, 50 Milliarden Euro in grüne Technologien zu stecken. Weil klar ist: In diese Richtung muss und wird die Weltwirtschaft steuern.

SPIEGEL: 50 Milliarden Euro klingt nach viel Geld. Ist aber nur ein Bruchteil der Beträge, die Finanzkonzerne noch immer in Öl- oder Kohleunternehmen investiert haben.

Pfeifer: Es gibt noch viel mehr Beispiele für Investitionen in die Transformation. Aber es stimmt: Wir stehen gerade erst am Anfang. Die Geldflüsse müssen noch weitaus stärker umgelenkt werden, weg von der braunen Wirtschaft hinein in die grüne Wirtschaft. Unsere Aufgabe ist es, mit Investoren, Unternehmen und Politikern daran zu arbeiten, dass viel mehr privates Kapital in diese Transformation geht - und sie so beschleunigt. Das ist entscheidend, nur so kann diese Wende gelingen. Am Ende kommt es immer auf das Geld an.

SPIEGEL: Schöne Worte. Aber oft hat man auch den Eindruck, dass Konzerne gerne Greenwashing betreiben, sich also mit gezielten öffentlichkeitswirksamen Aktionen viel grüner darstellen als sie eigentlich sind.

Pfeifer: Wie gesagt: Es geht den Investoren vor allem um ihre eigenen Finanzen. Aber auch hinter Finanzkonzernen stehen Menschen - Anleger, Beitragszahler, Teilhaber, Mitarbeiter. Und für immer mehr dieser Menschen ist der Klimawandel ein großes Thema. Ein 30-jähriger Angestellter, der heute in einen Pensionsfonds seine Beiträge einzahlt, will nicht in einer vier Grad heißeren Welt in Rente gehen. Dieses Bewusstsein wächst stark.

SPIEGEL: Auch wegen der "Fridays for Future"-Proteste?

Pfeifer: Die Proteste haben für eine ganz neue Dynamik gesorgt. Auch Vorstandschefs haben Kinder und Enkelkinder. Der Klimawandel ist heute für jeden institutionellen Investor ein großes Thema. Allen ist klar, dass es große Veränderungen des Wirtschafts- und Energiesystems geben wird, und dass sie selbst sich darauf einstellen müssen.

SPIEGEL: Bis vor ein paar Jahren war das noch ganz anders. Was hat den Umschwung ausgelöst?

Pfeifer: Eine entscheidende Rolle hatte Mark Carney, ...

SPIEGEL: ...der scheidende Chef der britischen Zentralbank.

Pfeifer: Er hat 2015 in einer vielbeachteten Rede beim Versicherungskonzern Lloyds in London vor den Folgen des Klimawandel für die Finanzbranche gewarnt. Und er hat auch Strategien aufgezeigt, um das Risiko zu mindern. Das hat viele Menschen in diesem Sektor zum Nachdenken gebracht.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt der wachsende Regulierungsdruck? Frankreich verpflichtet neuerdings institutionelle Investoren und Vermögensverwalter, ihre Risiken durch Klimawandel offenzulegen. Auch in Großbritannien könnte es demnächst so ein Gesetz geben. London hat börsennotierte Unternehmen aufgefordert, bis spätestens 2022 ihre Klimarisiken publik zu machen.

Pfeifer: Die Regulierung zwingt Investoren dazu, sich mit diesen Risiken auseinander zu setzen - auch bei den Unternehmen, denen sie Kapital anvertrauen. Wir haben gemeinsam mit unseren Mitgliedern und vier anderen Netzwerken die Initiative Climate Action 100+ gestartet; mittlerweile haben 370 Investoren mit einem verwalteten Vermögen von 35.000 Milliarden Dollar sie unterzeichnet. Die Initiative richtet sich an die 100 Konzerne weltweit mit den größten Emissionen sowie 61 weitere Großunternehmen. Investoren aus unserem Netzwerk treten mit diesen Konzernen in Kontakt und bitten sie, ihren Treibhausgasausstoß zu senken und ihr Geschäftsmodell in Einklang zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens zu bringen.

SPIEGEL: Nicht jedem angesprochenen Konzern wird diese Einmischung gefallen. Wie gehen Ihre Investoren vor?

Pfeifer: Am Anfang steht oft der Dialog. Da reagieren natürlich einige Unternehmen langsamer als andere, manche wehren sich auch. Grundsätzlich haben Investoren die Möglichkeit, bei Konflikten den Druck zu erhöhen: etwa indem sie auf einer Hauptversammlung bestimmte Leitanträge beschließen oder gegen die Wiederwahl eines Managers votieren. Und natürlich könnten sie auch ihr Geld komplett aus einem Unternehmen abziehen.

SPIEGEL: Hat Ihre Initiative schon konkrete Erfolge verzeichnet?

Pfeifer: Ja. Zum Beispiel hat Shell zusammen mit Investoren von Climate Action 100+ vereinbart, dass der Konzern sich Klimaziele für die nächsten drei bis fünf Jahre setzt - und seinen ökologischen Fußabdruck bis 2050 deutlich verringert. BP ist von Investoren in Climate Action 100+ in einer Resolution aufgefordert worden, seine Klimastrategie in Einklang mit dem Paris-Abkommen zu bringen; das Management hat sich später hinter sie gestellt. Mehrere Konzerne, auf die Climate Action 100+ gerichtet ist, haben sich zuletzt zum Ziel gesetzt, klimaneutral zu werden: etwa Thyssenkrupp, Volkswagen, Daimler, Nestlé oder zuletzt der spanische Mineralölriese Repsol.

SPIEGEL: All das nur wegen Ihrer Investoren?

Pfeifer: Wie diese Entscheidungen letztlich zustande kamen und welchen Anteil unsere Investoren daran hatten, ist nicht immer ganz klar. Sicher ist: Der Weltwirtschaft steht ein tiefgreifender Wandel bevor. Diejenigen Unternehmen, die sich rechtzeitig darauf vorbereiten und sich umstellen, werden ihn überleben. Andere vielleicht nicht. Es ist im eigenen Interesse der Unternehmen, sich zu verändern.

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