David Böcking

Klimagipfel in Paris Schränkt! Uns! Ein!

Trotz der enormen Bedrohung durch den Klimawandel schrecken Politiker bis heute davor zurück, Verzicht zu predigen. Das muss sich ändern. Strengere Regeln sind nicht das Ende der Demokratie, sondern könnten sie am Ende sogar retten.
Kontrolle an autofreiem Sonntag 1973: Nicht gleich die Planwirtschaft eingeführt

Kontrolle an autofreiem Sonntag 1973: Nicht gleich die Planwirtschaft eingeführt

Foto: A0410 Klaus Heirler/ dpa

"Uns geht es doch so gut" - so oder ähnlich begründen derzeit viele Deutsche ihr Engagement für Flüchtlinge. Damit widersprechen sie all jenen, die verstärkte Zuwanderung schon deshalb ablehnen, weil sie angeblich unweigerlich zu Verteilungskämpfen führt. Die Flüchtlingshelfer sind offensichtlich der Meinung: Wir haben mehr als genug.

Nur wenn westliche Länder auf dem Klimagipfel in Paris eine ähnliche Einstellung vertreten, kann dieser noch zu einem Erfolg werden. Die drohende Erderwärmung erfordert nicht nur einen anderen Konsum, sondern weniger davon. Wenn wir es mit dem Klimaschutz ernst meinen, müssen wir weniger fliegen, weniger heizen, weniger Fleisch essen.

Solchen Verzicht wollen bis heute die wenigsten Politiker predigen - verständlicherweise. Zum einen gibt es kaum ein besseres Rezept, um Wahlen zu verlieren. Zum anderen sind wir mit gutem Grund vorsichtig bei Eingriffen in die individuelle Freiheit. Das vergangene Jahrhundert hat mehrfach gezeigt, dass starke Staaten sowohl höchst unmenschlich als auch höchst ineffizient sein können.

Umso schöner wäre es gewesen, wenn sich das Versprechen vom "grünen Wachstum" erfüllt hätte: Wir kriegen den Klimawandel allein dadurch in den Griff, dass Unternehmen ökologischere Produkte schaffen, die dann fleißig gekauft werden. Doch trotz aller Innovationen sind die globalen CO2-Emissionen Jahr für Jahr weiter gestiegen. Nur einmal gab es eine kurze Verschnaufpause: als infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise weltweit das Wachstum einbrach.

Die radikalste Konsequenz aus dieser Erkenntnis hat der Nachhaltigkeitsforscher Reinhard Loske im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE so formuliert: "Nur arme Staaten sollten wachsen." Das bleibt aber schon deshalb vorerst eine Utopie, weil unsere Finanz- und Wirtschaftssysteme zu sehr auf Wachstum ausgelegt sind. Doch es wäre schon ein großer Fortschritt, wenn die Politik auf bestimmte Formen des Wachstums verzichten würde.

In den ärmsten Ländern dieser Erde bedeutet mehr Wirtschaftsleistung bis heute auch weniger Hunger. Doch kein Deutscher, Amerikaner oder Japaner wird daran zugrundegehen, wenn Flüge aufgrund einer längst überfälligen Kerosinsteuer kein Wochenendvergnügen mehr sind.

Auch ein paar neue Stromtrassen für die Energiewende werden wir verkraften - für den Kohleabbau wurden jahrzehntelang Menschen enteignet und Landschaften verwüstet. Ja, möglicherweise ließe sich am Ende sogar so etwas wie ein Veggie-Day in öffentlichen Kantinen überleben. Während der Ölkrise von 1973 verbot die Bundesregierung mehrfach tageweise das Autofahren, ohne dass deshalb in Deutschland gleich die Planwirtschaft eingeführt wurde.

Damals konnte freilich jeder Deutsche den rasanten Preisanstieg des Öls an der Zapfsäule verfolgen. Je sichtbarer eine Bedrohung, umso höher die Kompromissbereitschaft - das zeigt auch die Zustimmung der Deutschen zu erhöhten Sicherheitskontrollen nach den Anschlägen von Paris.

Der Klimawandel dagegen ist für die meisten von uns bis heute eine höchst abstrakte Bedrohung und damit leicht zu ignorieren. Manche Wissenschaftler argumentieren bereits, Demokratien hätten im Kampf gegen den Klimawandel versagt und nur autoritäre Regime könnten diesen noch stoppen.

Das ist ein beunruhigender Gedanke. Nach einem erneuten Scheitern der Weltgemeinschaft in Paris aber dürfte er weitere Anhänger bekommen. Wenn wir uns selbst beschränken, dann ist das letztlich auch eine Verteidigung der Demokratie.