Thomas Fricke

Steigende Energiepreise Der Unsinn von der teuren Klimarettung

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Der Abschied aus der fossilen Welt verläuft quälend langsam. Das liegt auch an deprimierenden Katastrophen-Narrativen – dabei wird die CO₂-neutrale Welt viel billiger, als manche predigen.
Braunkohlekraftwerk Niederaußem

Braunkohlekraftwerk Niederaußem

Foto: Hans Blossey / IMAGO

Noch ist offen, was der Gipfel am Ende so alles gebracht hat. Fest steht aber jetzt schon, dass auch die diesjährige Ausgabe des spektakulären globalen Zusammentreffens zur Klimarettung nicht gereicht haben wird, um den Ausstoß von klimaschädlichen Emissionen bald drastisch zu verringern – wie es ganz offenbar nötig wäre, um die Gefahr heftiger Klimakrisen deutlich zu verringern. Die Frage ist: warum?  Wenn es an der Einsicht in die Dringlichkeit nicht mehr liegen kann, zumindest gängigen Umfragen zufolge.

Für Klimaaktivisten scheint die Antwort klar: Da sind es wahlweise die Lobbys der alten fossilen Welt, stoisch uneinsichtige Omas und Opas oder sonst wie böse Kräfte. Was sicher nicht immer ganz falsch ist. Es spricht allerdings auch einiges dafür, dass es noch an etwas anderem scheitert: an jenem leicht sadomasochistisch angehauchten Narrativ, das sich gerade in Deutschland festgesetzt zu haben scheint – und wonach die Rettung des Klimas für jede und jeden von uns vor allem unangenehm und teuer wird. Dieses Narrativ besagt auch, dass es umso schneller ginge, je unangenehmer und teurer es wird. Was irgendwie motivierend wirken soll, als Anreiz zum Mitmachen nach allen Regeln der menschlichen Psyche aber eher ungeeignet ist; der Mensch tendiert zur Verlustabneigung. Und was sich überdies noch als gar nicht nötig erweisen könnte.

Neuere Studien lassen sogar vermuten, dass die Rettung des Klimas finanziell sogar recht attraktiv und preiswert werden könnte – mal ganz abgesehen davon, dass uns (teure) Klimakatastrophen dann erspart bleiben.

Dass Klimapolitik bis dato noch als »ganz schön teuer« gilt, kommt zum einen von etablierten Ökonomen, die seit jeher predigen, das zentrale Rezept zur Weltenrettung sei nun einmal, dass zur Abschreckung die Preise für alles steigen müssten, was klimaschädlich sei. Weshalb es einen Emissionshandel oder gesetzlich steigende CO₂-Steuern geben solle – mit der Folge, logisch, dass Dinge wie Benzin oder Heizen für die Verbraucher teurer würden. Ebenso wie für die Industrie, die in vielen Fällen ihre Produktion auch noch umstellen muss. Was auch Geld erst einmal kostet, klar.

Zum anderen wird die Klimarettung gern als teuer markiert, weil der Staat eben viel Geld in, sagen wir, Wasserstoff-Transportwege, Elektroladesäulen oder Hilfen zur Dämmung von Häusern stecken muss. Und das ja auch irgendwer bezahlen muss.

Wirklich? Schon nach gängigem Ökonomieverständnis sind erhöhte CO₂-Preise ja ein (vorübergehendes) Mittel zum Zweck – also dazu da, dass möglichst bald CO₂-ärmer und somit günstiger konsumiert und produziert wird. Demnach wird es also nur in der Übergangszeit teurer. Und vieles spricht mittlerweile sogar dafür, dass selbst der zwischenzeitliche Maso-Trip nicht sein muss.

Bei LED-Leuchten sanken die Preise um 85 Prozent

Wie eine Gruppe britischer Ökonomen in einer neuen Studie darlegt , ist in der Vergangenheit fast immer drastisch unterschätzt worden, wie schnell gerade bei erneuerbaren Energien die Preise nach Markteinführung fielen. So seien die Kosten für Solarenergie in den vergangenen 20 Jahren etwa sechsmal stärker gefallen, als es gängige Modelle wie die der Internationalen Energieagentur vorhergesagt hatten. Ähnliches gelte für Offshore-Windenergie, die vor einiger Zeit noch als zu teuer galt – und mittlerweile den größten Teil der Dekarbonisierung in Großbritannien ausmache. Oder für LED-Leuchten, deren Preise um 85 Prozent gefallen seien; dadurch wurde aus der teuersten die billigste Technologie. Und die Energierechnung sei jetzt günstiger als vorher.

Wieso? Nach Diagnose der Experten stecke hinter den unterschätzten Preisrückgängen ein überholtes Verständnis von (teurer) Innovation. In Wirklichkeit habe die beschleunigte Verbreitung gerade bei den Erneuerbaren rapide Kostensenkungen mit sich gebracht – weil Massenfertigung per se günstiger ist, sich zunehmend Lerneffekte bemerkbar machten oder die zunehmende Nachfrage irgendwann dazu animiert, mehr Geld in Innovation zu stecken.

Genau das dürfte in den nächsten Jahren auch mit bisher noch unausgereiften Technologien passieren, die fürs Klima wichtig sind. Etwa wenn es um bis dato teure Elektroautos geht; oder um die fürs Klima schwerwiegende Stahlindustrie.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Gruppe Experten aus Brüssel : Demnach deutet sich schon jetzt eine kleine Revolution bei der Herstellung von bisher noch sehr schweren Batterien an – und ein Rückgang der Preise um 60 Prozent bis 2030. Hinzu komme, dass die neuen E-Autos bald noch viel stärker auf speziellen Plattformen hergestellt würden – und auch das die Kosten noch einmal stark reduzieren werde: um 10 bis 30 Prozent.

Klimaretten für Sparfüchse

Schon jetzt sei der große Wendepunkt absehbar. Nach Schätzungen des Bloomberg New Economy Forum werden Elektroautos in Europa zwischen 2025 und 2027 nicht mehr teurer sein als Autos mit Verbrennermotor – das sind gerade noch gut drei Jahre. Bis 2030 dürfte ein E-Mobil im Schnitt vor Steuern fast 20 Prozent günstiger sein als ein Verbrennerauto. Die Kosten für ein Auto lägen dann sogar niedriger als hier und heute. Sprich: Die Chancen stehen sogar gut, dass die neue Welt für Autofahrer günstiger sein wird als die alte. Wenn es dann auch noch ein richtig gutes Bahnnetz gibt und irgendwer noch auf die Idee kommt, Bahnfahren für alle bezahlbar zu machen, könnte sich der eine oder andere dann auch ganz freiwillig das eigene Auto sparen. Klimaretten für Sparfüchse.

Dass es sich in einer klimaschonenden Welt womöglich gar nicht teurer, sondern günstiger leben lässt, könnte auch für den Bezug von Strom gelten – weil erneuerbare Energien auf Dauer per se weniger kosten als konventionelle. Auf derart entlastende Effekte lässt auch die kürzlich erschienene Auswertung der Ökonomin Beatrice Weder di Mauro schließen, laut der auf höhere CO₂-Steuern in den untersuchten historischen Fallbeispielen eher eine nachlassende Inflation folgt. Eben weil Industrie und Verbraucher darauf reagieren. Auch das spricht gegen das Gebrabbel von der teuren Klimarettung.

Wie die britischen Ökonomen schreiben, sind zur Beschleunigung von Innovation und Kostenverfall ohnehin weniger die viel zitierten höheren CO₂-Abgaben entscheidend. Wichtiger sei, dass mit öffentlichen Investitionen und Kaufanreizen alles darangesetzt werde, die Märkte für die neuen Technologien so schnell wie möglich wachsen zu lassen – um möglichst schnell die Phase fallender Kosten zu erreichen.

Genau das habe einst in Deutschland gewirkt, als die Solarenergie gefördert worden sei. In Großbritannien habe die bewusste Ausweitung von Offshore-Windenergie zu einem Rückgang der Preise um 70 Prozent gegenüber 2012 geführt (statt der ursprünglich erwarteten 30 Prozent). In Indien sei es die Förderung von LED-Lampen gewesen, die zu enormen Preisrückgängen für die Leuchten geführt haben.

Was auch den zweiten potenziellen Faktor für eine angeblich teure Klimarettung als gar nicht mehr so teuer erscheinen lässt: das Geld vom Staat, das nötig ist, um ebendiese Voraussetzungen zu schaffen und Innovationswellen zu beschleunigen.

Nach neuen Schätzungen wirkt das, was an öffentlichen Mitteln nötig wäre, um bis 2045 eine klimaneutrale Wirtschaft einzurichten, erst einmal ziemlich viel. Wie eine Studie  der Experten von Agora Energiewende sowie dem Mannheimer Ökonomen Tom Krebs für das Forum New Economy ergab, müssten allein bis 2030 rund 460 Milliarden Euro öffentlich finanziert werden – um in Wasserstoffnetze und andere staatliche Infrastrukturen zu investieren; und private Investitionen finanziell zu unterstützen.

Klingt enorm, ist nur bei näherem Hinsehen auch kein Grund, in tiefe Kostendepression zu fallen. Die Summe verteilt sich auf ein ganzes Jahrzehnt, und wir sind wirtschaftlich ja nicht Luxemburg. Rechnet man die Gesamtsumme auf einzelne Jahre herunter, kommt man auf etwas mehr als ein Prozent der heutigen Wirtschaftsleistung, das aufzuwenden wäre. Das ist, Hand aufs Herz, für die Rettung eines ganzen Klimas ein ganz gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Zumal wenn einiges dafürspricht, dass die Kosten am Ende wieder reingeholt werden: wenn eben das, was an Investitionen heute zu finanzieren ist, über entsprechend niedrigere Industriekosten und Verbraucherpreise wieder ausgeglichen wird.

Nach Schätzung der Oxford-Ökonomen könnten bei ehrgeiziger Klimapolitik in den nächsten Jahrzehnten weltweit so 26 Billionen US-Dollar an Energiekosten gespart werden.

Dann geht es am Ende vor allem um eins: die Frage, ob das eine oder andere jetzt einfach über Kredit vorfinanziert werden sollte – statt nach Standardlehre auf zwischenzeitlich hohe CO₂-Abgaben zu setzen. Und auch da gibt es zu Kosten- und Schuldenpanik keinen Grund. Wie die Analyse durch Agora und Tom Krebs ergab, ließen sich die Investitionen, die in Deutschland auf dem Weg zur Klimaneutralität allein bis 2030 nötig wären, auch so finanzieren, dass sogar die eigentlich viel zu strikten Vorgaben der Schuldenbremse eingehalten würden. Auch ohne höhere Steuern.

All das heißt nicht, dass die Klimarettung zum Selbstläufer wird. Überhaupt nicht. Zumal die Erde ja auch noch von Dingen wie dem Artensterben bedroht ist. Es wird hier und da unangenehm werden. Es spricht allerdings einiges dafür, dass es viel weniger Maso-Neigung und depressive Stimmung braucht, um dahin zu kommen. Und dass es sogar günstiger als heute werden könnte, in einer klimaneutralen Welt zu leben. Zumal das Fortfahren in der heutigen zu teuren Katastrophen zu führen droht.

Dass es in einer klimaneutralen Welt erschwinglicher sein könnte, eine Wohnung zu heizen oder ein Auto zu fahren, klingt für das menschliche Gehirn einfach, sagen wir, motivierender als die derzeit noch gängige Ansage, dass das Klimaretten sehr teuer für uns wird.

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