SPIEGEL-Umfrage zur Wirtschaftspolitik Klimakrise - war da was?

Viele Deutsche halten die Vereinbarkeit von Wirtschaft und Umweltschutz inzwischen für weniger dringlich als die Rente oder das Steuersystem: Was der SPIEGEL-Wirtschaftsmonitor verrät.
Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf in Nordrhein-Westfalen: Die Klimakrise ist omnipräsent - doch den Deutschen scheint die Vereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie inzwischen weniger dringlich

Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf in Nordrhein-Westfalen: Die Klimakrise ist omnipräsent - doch den Deutschen scheint die Vereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie inzwischen weniger dringlich

Foto: S. Ziese/ imago images / blickwinkel

In Australien wüten verheerende Buschfeuer, die neue EU-Kommissionschefin beginnt ihre Amtszeit mit einem billionenschweren Green Deal, Greta Thunberg redet der globalen Elite in Davos ins Gewissen: Die Klimakrise beherrscht die Schlagzeilen ebenso wie die Agenda von Politikern und Managern.

Und längst betrifft die Umweltpolitik viele Menschen in Deutschland ganz persönlich, Plastiktüten im Supermarkt verschwinden, Beschäftigte bangen um den Job, weil die E-Mobilität die wichtigste Branche des Landes zu einem fundamentalen Umbruch zwingt. Ökonomen sprechen von der Dekarbonisierung – dem Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe – als Megatrend, der Wirtschaft und Alltag ähnlich grundlegend umwälzen wird wie die Digitalisierung.

Nur: Für die Bundesbürger hat die Vereinbarkeit von Umweltschutz und Wirtschaft in den vergangenen Monaten offenbar massiv an Dringlichkeit verloren. Das zeigt der aktuelle SPIEGEL-Wirtschaftsmonitor: Nur noch 12,2 Prozent sehen hier den größten Handlungsbedarf in der Wirtschafts- und Sozialpolitik – im Mai 2019 waren es noch rund 18 Prozent.

Damit rangierte der Bereich damals noch auf Platz zwei der wichtigsten Themen mit deutlichem Abstand vor Steuern oder Altersvorsorge. Inzwischen jedoch wird die Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie von sieben zur Auswahl gestellten Bereichen nur noch am vierthäufigsten genannt.

Ebenfalls deutlich an Bedeutung verloren haben die Wohnkosten, die nun nur noch von knapp 10 Prozent statt wie im Mai noch von rund 15 Prozent der Bürger als wichtigstes Thema gesehen werden. Das lässt sich im Gegensatz zum Umweltschutz aber durch aktuelle Entwicklungen erklären, konkret die sich abzeichnende Entspannung auf den Immobilienmärkten auch in den großen Ballungsräumen.

Im Gegenzug sehen die Bürger nun bei zwei anderen Themen deutlich häufiger den größten Handlungsbedarf: 15,7 Prozent entscheiden sich für Steuern und Abgaben und sogar 18,7 Prozent für Altersvorsorge und Rente, das damit nur noch knapp hinter der Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen (20,1 Prozent) liegt – jenem Bereich also, der seit Beginn der Dauerumfrage im Mai vergangenen Jahres ununterbrochen von den meisten Bürgern als dringlichstes Thema genannt wird.

Insbesondere bei Frauen hat der Umweltschutz als wirtschaftspolitische Aufgabe enorm an Bedeutung verloren. Noch im Mai 2019 war kein anderes Thema so vielen Frauen so wichtig (18,1 Prozent), inzwischen rangiert es bei ihnen mit 10,3 Prozent nur noch auf dem fünften von sieben Plätzen. Dafür sehen nun deutlich mehr Frauen Steuern und Abgaben als dringlichstes Handlungsfeld der Wirtschaftspolitik an (15,6 Prozent) als acht Monate zuvor (10,4 Prozent). Auch Altersvorsorge und Rente legte mit einem Plus von mehr als vier Prozentpunkten zu auf nun 18,7 Prozent.

Konstanter in der Einschätzung der Vereinbarkeit von Umweltschutz und Wirtschaft als dringlichstes Handlungsfeld erscheinen die Männer. Zwar hat das Thema bei ihnen ebenfalls an Bedeutung verloren, jedoch in geringerem Ausmaß (16,9 Prozent im Mai 2019, aktuell 14 Prozent). Das Gleiche gilt umgekehrt für den Bedeutungsgewinn des Themas Steuern und Abgaben (13,4 Prozent im Mai 2019, aktuell 15,9 Prozent).

Stärker zulegen konnte bei den Männern das Thema Altersvorsorge und Rente (13,8 Prozent im Mai 2019, aktuell 18,9 Prozent), die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen verlor bei ihnen im Gegenzug stärker als der Umweltschutz (25,1 Prozent im Mai 2019, aktuell 19,7 Prozent).

Wie lässt sich die nachlassende Dringlichkeit der Vereinbarkeit von Umweltschutz und Wirtschaft erklären? Mehrere Faktoren könnten dazu beigetragen haben:

  • Stark nachgelassen hat die Bedeutung im Zeitraum von Ende Oktober bis Anfang November – also einige Wochen, nachdem die Große Koalition sich auf das Klimapaket geeinigt (20. September, rote Linie) und es schließlich im Bundeskabinett beschlossen hatte (9. Oktober, blaue Linie). Das legt den Schluss nahe, dass ein Teil der Bundesbürger die Maßnahmen des Pakets trotz aller Kritik von Opposition und Umweltverbänden zumindest ausreichen, um dem Bereich nicht mehr den "größten Handlungsbedarf" zuzuschreiben – so ist die Frage des SPIEGEL-Wirtschaftsmonitors ja formuliert.

  • Aufgrund dieser Formulierung ist der relative Bedeutungsverlust des Umweltschutzes nicht unbedingt ein Beleg dafür, dass die Bundesbürger ihn nun weniger wichtig finden. Stattdessen könnte es schlicht sein, dass andere Themen für sie an Bedeutung gewonnen haben und sie diese nun als dringlicher empfinden. So mag der Koalitionsstreit um die Grundrente seit Herbst vergangenen Jahres einigen Bürgerinnen und Bürgern die Probleme der staatlichen Altersvorsorgesysteme ins Bewusstsein gerufen haben. Andere Bürger könnten aufgrund der lauter werdenden Debatte zwischen SPD und Union über Steuersenkungen und die vollständige Abschaffung des Solidaritätszuschlags diesem Thema nun höhere Priorität einräumen.

Gefühlte Lage entspricht den Wirtschaftsdaten

Die aktuelle Wirtschaftslage beurteilen die Deutschen im Übrigen deutlich besser als noch im vergangenen Frühherbst. Damals schätzten sie mit rund 47 Prozent zeitweise weniger als die Hälfte als "sehr gut" oder "eher gut" ein, mehr als zehn Prozentpunkte weniger als noch im Sommer 2019. Das passte allerdings auch zu den damaligen Befürchtungen, Deutschlands Wirtschaft könne zwei Quartale hintereinander schrumpfen und damit in eine Rezession hineinrutschen.

So weit kam es dann aber nicht, das Herbstquartal fiel besser aus als erwartet, der Tiefpunkt der Konjunkturflaute scheint nun überwunden. Dennoch gehen die Prognosen von Wirtschaftsforschungsinstituten und Bundesregierung von einem vorerst eher schwachen Wachstum aus. Das alles lässt sich ziemlich exakt in der Wahrnehmung der Bundesbürger im Zeitverlauf ablesen. Inzwischen schätzen wieder rund 55 Prozent die aktuelle Lage positiv ein, wobei sie nur 7,6 Prozent als "sehr gut" bezeichnen, 48 Prozent als "eher gut". In einer "eher schlechten" oder gar "sehr schlechten" Lage sehen die deutsche Wirtschaft 26,3 Prozent der Bürger.

Ein weiteres Ergebnis des SPIEGEL-Wirtschaftsmonitors macht deutlich, wie sehr sich der deutsche Arbeitsmarkt inzwischen von Konjunkturschwankungen entkoppelt hat. Trotz der zwischenzeitlichen Delle bei der Einschätzung der Wirtschaftslage ist die Angst vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes nicht etwa gewachsen, im Gegenteil. Etwas weniger Bürger antworten mit "Ja, sehr" oder "Eher ja" auf diese Frage als noch vor einem Jahr.

Absolut gesehen macht sich nur ein Zehntel der Deutschen Sorgen um einen Jobverlust binnen des kommenden Jahres, während mehr als vier Fünftel das nicht tun. Rund 55 Prozent machen sich sogar "auf keinen Fall" Sorgen. Diese Frage wird vom Meinungsforschungsinstitut Civey bereits seit März 2017 kontinuierlich gestellt, und seitdem sind die Ergebnisse bis auf wenige Prozentpunkte stabil.

Was ist der SPIEGEL-Wirtschaftsmonitor?

Der SPIEGEL und das Meinungsforschungsinstitut Civey wollen die Einstellungen der Menschen in Deutschland zur wirtschaftlichen und sozialen Lage sowie dem dringendsten Handlungsbedarf genauer auswerten - und haben deshalb gemeinsam den SPIEGEL-Wirtschaftsmonitor entwickelt:

  • Wie beurteilen die Bürger die aktuelle wirtschaftliche Lage - und welche Entwicklung erwarten sie in den kommenden Monaten?

  • Geht es den Bürgern persönlich besser oder schlechter als noch vor fünf Jahren?

  • Welche Themen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik stufen die Bürger als besonders dringend ein?

Diesen und weiteren Fragen geht der SPIEGEL in bevölkerungsrepräsentativen Echtzeitumfragen nach. Dafür werden nicht allein die Leserinnen und Leser des SPIEGEL befragt, sondern deutschlandweit Nutzer von Zehntausenden Websites. Alle Informationen zur Erhebung, Berechnung und Methodik legen wir transparent dar.

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Das Meinungsforschungsinstitut Civey  arbeitet mit einem mehrstufigen voll automatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt (»Riversampling«), es werden also nicht nur Nutzer des SPIEGEL befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ .