Klimapaket Neue Pendlerpauschale begünstigt fast ausschließlich Autofahrer

Die Bundesregierung will Fernpendler entlasten - und verweist darauf, dass auch Bahnfahrer profitieren. Nach SPIEGEL-Informationen werden weite Wege zur Arbeit aber fast ausschließlich im Auto zurückgelegt.

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Von der geplanten Erhöhung der Pendlerpauschale profitieren weit überwiegend Autofahrer. Das geht aus Zahlen hervor, die das Statistische Bundesamt dem SPIEGEL zur Verfügung gestellt hat. Demnach nutzen mehr als vier Fünftel der Fernpendler mit einem Arbeitsweg von mehr als 20 Kilometern einen Pkw - und entsprechend weniger als ein Fünftel klimafreundliche Verkehrsmittel wie die Bahn.

Im ohnehin harsch kritisierten Klimapaket der Bundesregierung gehört die Erhöhung der Pendlerpauschale zu den umstrittensten Maßnahmen. Sie soll die durch die CO2-Bepreisung höheren Spritkosten ausgleichen - allerdings nur für Fernpendler. Erst ab dem 21. Kilometer Entfernung zur Arbeit soll sie um fünf Cent auf 35 Cent steigen.

Das setze exakt die falschen Anreize, bemängeln etwa die Grünen: Je weiter jemand mit dem Auto zur Arbeit fahre, um so mehr Geld bekomme er. Allerdings machte Parteichef Robert Habeck bei diesem Thema keine gute Figur. Er wusste offenbar nicht, dass die Pendlerpauschale nicht nur an Autofahrer, sondern unabhängig vom Verkehrsmittel gezahlt wird, das jemand für den Arbeitsweg nutzt. Daher werde auch nicht einseitig das Autofahren gefördert, argumentieren Politiker aus der Großen Koalition.

Je höher das Einkommen, desto größer die Ersparnis

Die Daten des Statistischen Bundesamts zeigen nun allerdings, dass in der Realität doch vor allem Autopendler in den Genuss der Steuervergünstigung kommen werden. Diese stellen ohnehin die große Mehrheit unter allen Pendlern, selbst wenn man die Fahrstrecke nicht berücksichtigt: 67,7 Prozent - also ziemlich genau zwei von drei - nutzen das Auto. Doch gerade bei weiten Entfernungen zum Arbeitsplatz steigt der Anteil der Autopendler stark an: 84,3 Prozent nutzen einen Pkw, wenn die Strecke zwischen 25 und 50 Kilometern liegt. Ist der Arbeitsplatz noch weiter entfernt, fahren 78,7 Prozent der Pendler mit dem Auto.

Diese Zahlen stammen aus dem Jahr 2016 und gehen aus dem Mikrozensus hervor, für den die amtlichen Statistiker Tausende Haushalte unter anderem auch zu ihrem Arbeitsweg und dem genutzten Verkehrsmittel befragen.

Doch wie viele Pendler, ob sie nun Auto fahren oder Bahn, werden die höhere Entfernungspauschale überhaupt zu spüren bekommen? Das lässt sich anhand der Daten recht gut abschätzen: Demnach fahren rund 19 Prozent aller Pendler mehr als 25 Kilometer zur Arbeit - also knapp ein Fünftel. Unterscheidet man nach Verkehrsmittel, so fahren 15,7 Prozent aller Pendler mit dem Auto mehr als 25 Kilometer zur Arbeit - und nur 3,3 Prozent fahren mehr als 25 Kilometer, aber mit einem anderen Verkehrsmittel.

Der Anteil der Pendler, die die erhöhte Pauschale erhalten würden, läge ein wenig über diesen Werten, denn diese soll bereits ab dem 21. Kilometer erhöht werden. Der Mikrozensus stuft die Entfernung aber lediglich mit den Kategorien "10 bis 25 Kilometer" beziehungsweise "25 bis 50 Kilometer" ab - die Werte enthalten also nicht jene Pendler, deren Weg zwischen 21 und 24 Kilometer liegt.

Allerdings dürften diese die Erhöhung auch kaum spüren: Abhängig vom Einkommen beträgt die Steuerersparnis bei einem Arbeitsweg von 24 Kilometern lediglich zwischen rund 6 und 21 Euro im Jahr. Das zeigen Berechnungen auf Grundlage von Angaben des Steuerexperten Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Bei einem Arbeitsweg von 40 Kilometern würde sich die Ersparnis auf rund 31 bis 105 Euro erhöhen, bei einem Arbeitsweg von 60 Kilometern auf rund 62 bis 209 Euro - wobei die Ersparnis umso höher ist, je mehr der Berufspendler verdient.

Soziale Ungerechtigkeit

Immerhin: Die wenigen Fernpendler, die mit der Bahn fahren, profitieren in vollem Umfang von dieser Ersparnis - allerdings ist für sie die Pendlerpauschale bei 4500 Euro im Jahr gedeckelt. Das entspricht einem Arbeitsweg von 61 Kilometern. Für Autofahrer gilt diese Beschränkung jedoch nicht - sie haben allerdings auch die durch die CO2-Bepreisung höheren Spritpreise zu bezahlen.

Bezieht man die höheren Spritkosten in die Berechnung mit ein, ergibt sich für Autofahrer ein durchaus gemischtes Bild - abhängig vom Einkommen und vom Verbrauch des Autos. Im Jahr 2021, wenn die Bepreisung mit recht niedrigen zehn Euro pro Tonne CO2 startet, könnten selbst Geringverdiener unter dem Strich noch profitieren - worauf etwa die Grünen hinweisen. Allerdings gilt das nur bei recht weiten Arbeitswegen und verbrauchsarmen Autos.

Geht man von einem Benziner mit einem Durchschnittsverbrauch von 6,5 Litern pro 100 Kilometer aus, würde ein Geringverdiener mit einem Grenzsteuersatz von 14 Prozent (das entspricht bei einem kinderlosen Single ungefähr einem Bruttoeinkommen von 13.000 Euro im Jahr) auch im Jahr 2021 erst ab einer Entfernung von 42 Kilometern entlastet. Bei einer Strecke von 25 Kilometern würde er durch die höheren Spritkosten unter dem Strich mit rund zwölf Euro im Jahr belastet. Ein Gutverdiener hingegen, der den Spitzensteuersatz von 42 Prozent zahlt, hätte dann unter dem Strich mehr zur Verfügung, wenn auch mit drei Euro im Jahr eine sehr geringe Summe. Bei einer Entfernung von 40 Kilometern hätte er bereits 60 Euro im Jahr mehr zur Verfügung.

Nach der schrittweisen Erhöhung des CO2-Preises auf 35 Euro pro Tonne im Jahr 2025 würden bei einem Arbeitsweg von 25 Kilometern unter dem Strich sowohl der Gering- als auch der Gutverdiener belastet. Allerdings fällt diese Belastung für den Geringverdiener mit rund 63 Euro höher aus als für den Gutverdiener mit rund 47 Euro. Bei einem Arbeitsweg von 40 Kilometern erhöht sich die Diskrepanz deutlich. Dann wird der Geringverdiener mit 82 Euro im Jahr belastet, der Gutverdiener lediglich mit 20 Euro. Bei einer Entfernung von 60 Kilometern würde der Geringverdiener mit 108 Euro im Jahr belastet - der Gutverdiener hingegen entlastet: Er hätte dann unter dem Strich 16 Euro mehr im Jahr zur Verfügung.

Diese soziale Schieflage liegt an der Logik des Steuersystems: Wenn Ausgaben von der Steuer abgesetzt werden können, liegt die Ersparnis für Menschen mit hohen Einkommen stets höher als für niedrige. Benzin oder Diesel werden hingegen für alle im gleichen Maße teurer. Immerhin bei diesem Punkt denkt die SPD nun offenbar über eine Nachbesserung nach - eine Art einkommensunabhängiges Mobilitätsgeld, wie es etwa DIW-Experte Bach vorschlägt.

insgesamt 387 Beiträge
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hosenmatz15 26.09.2019
1. Umweltpolitik made in Germany
Das ist mal ein gelungenes Klimapaket. Wer lange Strecken täglich mit seinem Auto zur Arbeit zurück legt, bekommt als Belohnung Geld vom Klimapaket. Noch Fragen ? Grüsse an Frau Merkel vom Rest des Pizol-Gletschers.
eunegin 26.09.2019
2. Weg mit der Pendlerpauschale
Ich wohne in der teureren Stadt und fahre mit der S-/U-Bahn (Jahresticket 761 Euro) zur Arbeit. Warum muss man denn entlastet werden und die Finanzverwaltung belasten, wenn man günstiger wohnt, dafür aber in die Anfahrt investieren muss? Das sind persönliche Entscheidungen. Aus manchen Dingen sollte sich der Staat heraushalten.
affenstrasse44 26.09.2019
3. Das soll jetzt eine Überraschung sein
Ich fahre jeden Tag 150km um meine Arbeitsstätte zu erreichen. Warum fahre ich mit dem Auto? Weil ich ansonsten statt 2 Stunden täglich fast 4 Stunden mit der Bahn und dem ÖPNV fahren müsste. Ich bin schon von den 2 Stunden am Tag sehr genervt,,, aber 4 Stunden wären der Overkill (ungeachtet von üblichen Verspätungen der Bahn... wenn die Bahn wenigstens günstiger wäre... aber auch das ist nicht wirklich der Fall). Ansonsten gilt natürlich das übliche was schon x Mal zur Bahn und dem ÖPNV gesagt wurde und ich mir an der Stelle dann allen erspare.
Lak Moose 26.09.2019
4. Das verwundert nicht
Mit der Bahn oder anderen öffentlichen tut man sich das Pendeln nur im äußersten Notfall an. Doppelt so lange Fahrzeiten (ohne etwaige Verspätungen), schlechte Anschlüsse, volle Züge, Umstiegen, wer etwas weiter draußen wohnt darf noch den Bus für die letzten paar Kilometer nutzen der nur alle halbe Stunde fährt. Nee danke.
bergführer 26.09.2019
5. Kritik
Was ist denn die Lösung? Bei mir liegt der Weg zur Arbeit 41 KM. Fußmarsch zum Bus dann mit der Bahn und dann DB sowie zweimal mit ÖPNV bei 2:41h einfacher Wegstrecke. Die Autofahrt dauert im Schnitt 45 Minuten. Bitte gehen sie doch nicht immer davon aus das es sich um ein vorsätzliches klimaschädliches Verhalten der Menschen handelt.
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