Klimaschutz Warum wir uns fürs Fliegen nicht schämen müssen

Zurück in die Zugkunft: So wollen - salopp gesagt - Union, Grüne und Linke das Klima retten. Eine ziemlich kurzsichtige Strategie.

Kondensstreifen
Getty Images

Kondensstreifen

Ein Kommentar von


In der deutschen Politik scheint gerade ein neuer Wettstreit in Mode zu kommen: Grüne, Linke, sogar die CSU überbieten sich mit Vorschlägen, um das Fliegen unattraktiver zu machen.

Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer würde gern sämtliche Subventionen für den Luftverkehr streichen. CSU-Chef Markus Söder fordert eine geringere Mehrwertsteuer auf Bahntickets. Linkenchef Bernd Riexinger wünscht sich gar die Verstaatlichung aller Fluggesellschaften.

"Bahn vor Flieger" lautet die strategische Stoßrichtung der meisten Vorschläge - was gut zur wachsenden Flugscham passt, die Teile des Landes zu erfassen scheint. Zu den "Fridays for Future"-Demonstranten, die Fluggästen an deutschen Airports ein schlechtes Gewissen machen wollen. Zu den massiv steigenden Spenden, die bei CO2-Kompensationsagenturen wie Atmosfair eingehen. Zur Airline KLM, die ihren Kunden im Rahmen einer PR-Aktion teils selbst vom Fliegen abrät.

"Attacke, Attacke - Fliegen ist Kacke", skandieren "Fridays for Future"-Aktivisten gern mal. Viele Politiker antworten darauf nun offenbar mit: "Zurück in die Zugkunft". Mit ziemlich rückwärtsgewandten Ideen.

Der Vorschlag, mehr Bahn zu fahren und weniger zu fliegen, mag bei nicht allzu großen Distanzen ein Lösungsweg sein. In der Gesamtschau aber wird das längst nicht reichen. Das Versprechen, man könne das Fliegen komplett durch Züge ersetzen, ist ungefähr so glaubwürdig wie die Anregung, man möge das eigene Auto stehen lassen und wieder Postkutsche fahren. Realistisch scheint das nicht. Dafür hat der internationale Luftverkehr zu viele wirtschaftliche und gesellschaftliche Vorteile.

Das Fliegen hat unser Grundverständnis von Distanzen verändert, unseren Radius bei der Job- und Partnerwahl massiv erweitert. Es ermöglicht einen umfassenderen gesellschaftlichen Wissenstransfer. Und es kann uns in der urdemokratischen Fähigkeit schulen, mit Unterschieden respektvoll umzugehen - zum Beispiel wenn wir uns bei Fernreisen für andere gesellschaftliche Konzepte öffnen.

Wer das Fliegen bekämpft, bekämpft auch all diese Errungenschaften. Und noch viele weitere, die sich Verbraucher und Unternehmen nur ungern wieder wegnehmen lassen dürften.

Auch motivationspsychologisch erscheint die Verteufelung der Luftfahrt wenig geschickt. Kein Mensch lässt sich gern beschämen - schon gar nicht, wenn er nach monatelangem Job- und Alltagsstress endlich in den verdienten Sommerurlaub abreisen will. Wer Urlaubern an Airport-Terminals Beschimpfungen hinterherbrüllt, kann ihnen schon mal die Lust am Klimaschutz vergällen.

Es gibt zielführendere Wege, Menschen dazu zu bringen, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und persönliche Konsequenzen zu ziehen. Man kann ihnen zum Beispiel aufzeigen, welche Vorteile ein Wandel zu einer CO2-freieren Wirtschaft hätte. Dafür braucht man aber zunächst einmal eine überzeugende Strategie, wie man diesen Zustand zu erreichen gedenkt.

In einer weitsichtigen Klimapolitik können Bahnreisen statt Inlandsflügen nur ein Baustein unter vielen sein, eine Sofortmaßnahme für die kommenden Jahre. Auch dass ein Teil der Verbraucher inzwischen auf Flugreisen verzichtet, ist zwar begrüßenswert, aber noch nicht ausreichend für eine systemische Lösung.

Wir sollten zunächst einmal akzeptieren, dass wir uns zwar persönlich einschränken können (und sollten) - dass sich der Luftverkehr aber nicht mehr komplett abschaffen lassen dürfte. Was auch nicht schlimm ist. Denn das Fliegen selbst ist überhaupt nicht böse. Das Problem ist, dass wir es mit klimaschädlichem Kerosin tun - und dass dieses auch noch steuerlich subventioniert wird.

Das muss so nicht bleiben. Der Staat könnte auch klimaneutralen Treibstoff fördern. So wie er ja auch bei Autos lieber die Elektromobilität statt Postkutschen fördert.

Ein möglicher Weg ist die massive Förderung von Batterieflugzeugen. Ein anderer die zunehmende Verwendung synthetischer Kraftstoffe, die zu einem beträchtlichen Teil aus Wasserstoff bestehen, der wiederum mit erneuerbaren Energien erzeugt wird.

Eine solche Luftverkehrswende könnte aus Sicht von Experten ziemlich schnell gehen. Der Bundesverband Erneuerbare Energien etwa schlägt bei Inlandsflügen eine Beimischungsquote für grünes Kerosin vor, die bis 2035 auf 100 Prozent steigt.

Inlandsflüge würden dadurch teurer - wie bei einer reinen Abschaffung der Subventionen für die Luftfahrt auch. Zusätzlich würden die Airlines nach und nach mehr grünen Treibstoff verwenden.

Laut Forschern kann synthetisches Kerosin so designt werden, dass bei der Verbrennung viel weniger Rußpartikel entstehen, womit der heiße Wasserdampf, den Flieger ausstoßen, keine Anhaftungsflächen mehr hätte und weniger Kondensstreifen entstünden. So ließe sich gleich noch ein weiterer klimaschädlicher Effekt reduzieren.

Eine Beimischungsquote hätte zudem den Vorteil, dass technologische Innovationen vorangetrieben würden, mit denen die Bundesrepublik in Zukunft auch volkswirtschaftlich punkten kann.

Vor allem aber würden künstliche Kraftstoffe an der Wurzel des Problems ansetzen. Beim Kerosin. Nicht beim Fliegen an sich.

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Mitarbeiter von Civey arbeiten für die Auswertungen lediglich mit User-IDs und können die Nutzer nicht mit ihrer Abstimmung in Verbindung bringen. Die persönlichen Angaben der Nutzer dienen vor allem dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden. Darüber hinaus arbeitet Civey mit externen Partnern zusammen, die Zielgruppen für Werbetreibende erstellen. Nur wenn Nutzer die Datenschutzerklärung sowohl von Civey als auch von einem externen Partner akzeptiert haben, dürfen Ihre Antworten vom Partner zur Modellierung dieser Zielgruppen genutzt werden. Ein Partner erhält aber keine Informationen zu Ihren politischen und religiösen Einstellungen sowie solche, mit denen Sie identifiziert werden können. Civey-Nutzer werden auch nicht auf Basis ihrer Antworten mit Werbung bespielt. Der Weitergabe an Partner können Sie als eingeloggter Nutzer jederzeit hier widersprechen. Mehr Informationen zum Datenschutz bei Civey finden Sie hier.
Wer steckt hinter Civey-Umfragen?
An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.
insgesamt 442 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Anna-Lena19 29.07.2019
1. Im Gegenteil!
Doch, wir müssen uns fürs Fliegen schämen. Sogar zwingend, denn es steht viel zu viel auf dem Spiel. Es geht künftig nicht mehr darum, ob und wie man am bequemsten von A nach B kommt. Die Zeiten sind vorbei! Es gilt, möglichst wenig CO2 zu emittieren. Das wird künftig das entscheidende Kriterium sein. Die Menschen müssen sich einschränken. Dass sie das nicht gerne tun, verstehe ich sogar. Jedoch geht es hier um unsere Zukunft auf der Erde. Das sollte Anreiz genug sein, künftig nicht mehr in den Urlaub zu fliegen und beispielsweise auf das billige Grillfleisch zu verzichten.
Abel Frühstück 29.07.2019
2.
Doch, Herr Schultz. Man muss sich fürs Fliegen schämen. Es ist keine Zeit mehr für Hinkefuß-Vergleiche mit "Postkutsche fahren" oder windelweiche Hoffnungen auf "klimaneutrale Treibstoffe". Vorwärts in die Zukunft, um Ihre Polemik aufzugreifen, lässt sich auch denken: schnelle Bahnverbindungen, mehr Videokonferenzen (5G kommt ja bald) und weitere Möglichkeiten für die Damen und Herren Kurzstrecken-Businessflieger. Bis dahin müssen Sie sich schämen Herr Schultz, da führt kein Weg dran vorbei. Sie können es natürlich trotzdem tun. Nur Absolution gibt es nicht.
salomohn 29.07.2019
3. Gute Idee, aber...
Gute Vorschläge. Aber die gibt es schon viele Jahre. Das Problem ist, dass die aktuelle Bundesregierung nicht handelt.
Derwatt 29.07.2019
4. Schönen Dank auch für die Überschrift - ...
... aber meine "Flugscham" - überhaupt: wie muss man ticken, um sich so ein Wort ausdenken zu können? - hätte sich ohnedies in engen Grenzen gehalten.
Aberlour A ' Bunadh 29.07.2019
5. Hüstel
"zum Beispiel wenn wir uns bei Fernreisen für andere gesellschaftliche Konzepte öffnen."???? Z.B. mit einer Schüssel Reis am Tag zufrieden zu sein und am besten auf das Fernreisen ganz verzichten. Small is beautiful.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.