Stefan Schultz

Klimaschutz Warum wir uns fürs Fliegen nicht schämen müssen

Zurück in die Zugkunft: So wollen - salopp gesagt - Union, Grüne und Linke das Klima retten. Eine ziemlich kurzsichtige Strategie.
Kondensstreifen

Kondensstreifen

Foto: Dan Kitwood/ Getty Images

In der deutschen Politik scheint gerade ein neuer Wettstreit in Mode zu kommen: Grüne, Linke, sogar die CSU überbieten sich mit Vorschlägen, um das Fliegen unattraktiver zu machen.

Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer würde gern sämtliche Subventionen für den Luftverkehr streichen. CSU-Chef Markus Söder fordert eine geringere Mehrwertsteuer auf Bahntickets. Linkenchef Bernd Riexinger wünscht sich gar die Verstaatlichung aller Fluggesellschaften.

"Bahn vor Flieger" lautet die strategische Stoßrichtung der meisten Vorschläge - was gut zur wachsenden Flugscham passt, die Teile des Landes zu erfassen scheint. Zu den "Fridays for Future"-Demonstranten, die Fluggästen an deutschen Airports ein schlechtes Gewissen machen wollen . Zu den massiv steigenden Spenden, die bei CO2-Kompensationsagenturen wie Atmosfair eingehen. Zur Airline KLM, die ihren Kunden im Rahmen einer PR-Aktion teils selbst vom Fliegen abrät.

"Attacke, Attacke - Fliegen ist Kacke", skandieren "Fridays for Future"-Aktivisten gern mal. Viele Politiker antworten darauf nun offenbar mit: "Zurück in die Zugkunft". Mit ziemlich rückwärtsgewandten Ideen.

Der Vorschlag, mehr Bahn zu fahren und weniger zu fliegen, mag bei nicht allzu großen Distanzen ein Lösungsweg sein. In der Gesamtschau aber wird das längst nicht reichen. Das Versprechen, man könne das Fliegen komplett durch Züge ersetzen, ist ungefähr so glaubwürdig wie die Anregung, man möge das eigene Auto stehen lassen und wieder Postkutsche fahren. Realistisch scheint das nicht. Dafür hat der internationale Luftverkehr zu viele wirtschaftliche und gesellschaftliche Vorteile.

Das Fliegen hat unser Grundverständnis von Distanzen verändert, unseren Radius bei der Job- und Partnerwahl massiv erweitert. Es ermöglicht einen umfassenderen gesellschaftlichen Wissenstransfer. Und es kann uns in der urdemokratischen Fähigkeit schulen, mit Unterschieden respektvoll umzugehen - zum Beispiel wenn wir uns bei Fernreisen für andere gesellschaftliche Konzepte öffnen.

Wer das Fliegen bekämpft, bekämpft auch all diese Errungenschaften. Und noch viele weitere, die sich Verbraucher und Unternehmen nur ungern wieder wegnehmen lassen dürften.

Auch motivationspsychologisch erscheint die Verteufelung der Luftfahrt wenig geschickt. Kein Mensch lässt sich gern beschämen - schon gar nicht, wenn er nach monatelangem Job- und Alltagsstress endlich in den verdienten Sommerurlaub abreisen will. Wer Urlaubern an Airport-Terminals Beschimpfungen hinterherbrüllt, kann ihnen schon mal die Lust am Klimaschutz vergällen.

Es gibt zielführendere Wege, Menschen dazu zu bringen, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und persönliche Konsequenzen zu ziehen. Man kann ihnen zum Beispiel aufzeigen, welche Vorteile ein Wandel zu einer CO2-freieren Wirtschaft hätte. Dafür braucht man aber zunächst einmal eine überzeugende Strategie, wie man diesen Zustand zu erreichen gedenkt.

In einer weitsichtigen Klimapolitik können Bahnreisen statt Inlandsflügen nur ein Baustein unter vielen sein, eine Sofortmaßnahme für die kommenden Jahre. Auch dass ein Teil der Verbraucher inzwischen auf Flugreisen verzichtet, ist zwar begrüßenswert, aber noch nicht ausreichend für eine systemische Lösung.

Wir sollten zunächst einmal akzeptieren, dass wir uns zwar persönlich einschränken können (und sollten) - dass sich der Luftverkehr aber nicht mehr komplett abschaffen lassen dürfte. Was auch nicht schlimm ist. Denn das Fliegen selbst ist überhaupt nicht böse. Das Problem ist, dass wir es mit klimaschädlichem Kerosin tun - und dass dieses auch noch steuerlich subventioniert wird.

Das muss so nicht bleiben. Der Staat könnte auch klimaneutralen Treibstoff fördern. So wie er ja auch bei Autos lieber die Elektromobilität statt Postkutschen fördert.

Ein möglicher Weg ist die massive Förderung von Batterieflugzeugen. Ein anderer die zunehmende Verwendung synthetischer Kraftstoffe, die zu einem beträchtlichen Teil aus Wasserstoff bestehen, der wiederum mit erneuerbaren Energien erzeugt wird.

Eine solche Luftverkehrswende könnte aus Sicht von Experten ziemlich schnell gehen. Der Bundesverband Erneuerbare Energien etwa schlägt bei Inlandsflügen eine Beimischungsquote für grünes Kerosin   vor, die bis 2035 auf 100 Prozent steigt.

Inlandsflüge würden dadurch teurer - wie bei einer reinen Abschaffung der Subventionen für die Luftfahrt auch. Zusätzlich würden die Airlines nach und nach mehr grünen Treibstoff verwenden.

Laut Forschern kann synthetisches Kerosin so designt werden, dass bei der Verbrennung viel weniger Rußpartikel entstehen, womit der heiße Wasserdampf, den Flieger ausstoßen, keine Anhaftungsflächen mehr hätte und weniger Kondensstreifen entstünden. So ließe sich gleich noch ein weiterer klimaschädlicher Effekt reduzieren.

Eine Beimischungsquote hätte zudem den Vorteil, dass technologische Innovationen vorangetrieben würden, mit denen die Bundesrepublik in Zukunft auch volkswirtschaftlich punkten kann.

Vor allem aber würden künstliche Kraftstoffe an der Wurzel des Problems ansetzen. Beim Kerosin. Nicht beim Fliegen an sich.