Pariser Klimaabkommen ohne USA Die Rettung der Welt muss sich lohnen

Dass die USA offiziell den Weltklimavertrag aufkündigen, ist ein bitteres Signal - vor allem für Investoren. Ihr Geld würde dringend gebraucht, um die Klimakatastrophe aufzuhalten oder wenigstens abzumildern.

Solarzellen-Forschung (Symbolbild)
Marijan Murat / DPA

Solarzellen-Forschung (Symbolbild)

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"Hunderte Milliarden Dollar sind bereit für ihren Einsatz rund um die Welt, wenn sie das Zeichen bekommen, dass wir es dieses Mal ernst meinen. Lasst uns dieses Zeichen setzen."
Barack Obama, damals US-Präsident, zur Eröffnung der Pariser Klimakonferenz 2015

Von der Klimakatastrophe wollen viele Menschen nichts wissen. Manche wollen trotz immer neuer Rekordtemperaturen nicht wahrhaben, dass sich unser Planet überhaupt aufheizt. Andere bezweifeln, dass die Menschheit dafür verantwortlich ist - obwohl Wissenschaftler wieder und wieder nachweisen, dass die Verbrennung von Kohle, Erdöl und Gas das Gros der Erwärmung verursacht. Wieder andere hoffen darauf, dass kreative Ingenieure neue Technologien ertüfteln - und wir die Folgen der Klimakrise irgendwie in den Griff kriegen.

So läuft es auch jetzt, da die US-Regierung offiziell den Austritt aus dem Weltklimavertrag von Paris eingeleitet hat. Wir trösten uns damit, dass etwa die Hälfte der US-Bundesstaaten sowie große Städte das Abkommen trotz nationaler Kündigung einhalten und ihre Emissionen weiter senken wollen. Dass Gouverneure und Bürgermeister lokal strengere Klimaschutzregeln verabschieden. Dass der Anteil der Kohle an der US-Stromerzeugung sinkt. All das ist bewunderns- und lobenswert.

Aber machen wir uns nichts vor: Die entscheidende Botschaft von Paris hat Donald Trump zerstört. Sie lautete: Wir, die Führer der Welt, meinen es diesmal wirklich ernst. Wir sind uns einig, dass der Klimawandel uns alle bedroht. Und wir werden nun die Wende hin zu einem emissionsarmen Wirtschaftssystem einleiten - eine unumkehrbare Wende.

Das große Geld wird dringender gebraucht denn je

Gerichtet war diese Botschaft an das Großkapital. Sie sollte Staats- und Pensionsfonds, Versicherungs- und Bankenkonzerne überzeugen, dass sie ihre Milliarden und Billionen umleiten können: raus aus Kohle und Öl, hinein in die Entwicklung emissionsarmer Zukunftstechnologien. Und sie sollte den Investoren klarmachen, dass sie selbst damit gutes Geld verdienen können. Denn wenig motiviert Menschen mehr als die Aussicht auf Wohlstand.

Nun aber schert der Präsident der größten Wirtschaftsmacht aus. Und die Investoren? Zweifeln an der Botschaft von Paris. In der ersten Hälfte des Jahres 2019 haben sie für Erneuerbare-Energien-Projekte nur noch 118 Milliarden Dollar bereitgestellt, hat das Analysehaus Bloomberg New Energy Finance ermittelt. Das war ein Siebtel weniger als im Vorjahreszeitraum. Und der niedrigste Wert seit sechs Jahren.

Dabei würde das große Geld jetzt dringender gebraucht denn je, um Forschung und Entwicklung zu beschleunigen. Um das in Paris gelobte Ziel nicht zu verfehlen, die Erhitzung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen, dürfen die Staaten umgerechnet nur noch knapp 400 Milliarden Tonnen CO2 freisetzen. Beim derzeitigen Ausstoß wäre diese Menge schon in rund neun Jahren erreicht. Und das Kohlenstoff-Budget für das Zwei-Grad-Ziel wäre in etwa 26 Jahren aufgebraucht. Doch anstatt zu sinken, steigen die globalen Emissionen. Weiter und weiter.

Der Warnruf ist verhallt

Die Zusagen der Staaten von Paris reichen längst nicht für das Zwei-Grad-Ziel, nur wenige Regierungen legen nach. Zuletzt hat das Klimapäckchen der Großen Koalition gezeigt, wie sehr Politiker fürchten, mit grundlegenden Veränderungen Teile der Bevölkerung zu vergrätzen. Dass der Groß-Emittent USA gar nicht mehr mitmacht, stärkt in kleineren Staaten die Bremser, die behaupten, der nationale Beitrag sei eh zu unbedeutend, um das Weltklima zu retten.

Die Investoren merken, dass es den Politikern doch nicht so ernst ist mit dem Klimaschutz. Vor dem New Yorker Uno-Sondergipfel im September haben mehr als 500 der größten Finanzverwalter der Welt die Staats- und Regierungschefs dazu aufgerufen, Subventionen für fossile Brennstoffe zu beenden, Kohlekraftwerke abzuschalten, den Ausstoß von Treibhausgasen mit einem bedeutenden Preis zu belegen. Und, natürlich, private Investitionen für emissionsarme Energieerzeugung zu fördern.

Es war ein Warnruf. Vermutlich ist er verhallt. Aber so lange die Politiker nicht mehr Klimaschutz wagen, werden die Investoren nicht spürbar mehr Geld in den Klimaschutz investieren. Sie könnten an ihm verdienen. Oder zusammen mit uns allen für die Katastrophe bezahlen.

insgesamt 7 Beiträge
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butzibart13 05.11.2019
1. Nach mir die Sintflut
Donald Trump glaubt aus einer Sichtweise recht zu haben. Die Gründe dafür sind recht einfach. Er möchte von seiner Hardcore Gemeinde wiedergewählt werden und er ist 73 Jahre alt. Das sagt alles aus.
D. Brock 05.11.2019
2. Allerdings: ...
... "Zuletzt hat das Klimapäckchen der Großen Koalition gezeigt, wie sehr Politiker fürchten, mit grundlegenden Veränderungen Teile der Bevölkerung zu vergrätzen." Es sind Teile der Bevölkerung, die sich durch echte Maßnahmen gerne vergrätzen lassen. Und diese Teile machen eine Minderheit aus. Insofern darf man erstaunt sein, dass die sog. GroKo keinen echten zukunftstauglichen Schritt machen will/wollte. Zu vermuten ist hier aus meiner Sicht massiver Lobbyismus: Die Besitzstandswahrer (Automobilindustrie, die schon vor 40 bis 50 Jahren hätte reagieren können, die konventionellen Stromerzeuger, die sich dank Subventionen eine goldene Nase verdienen ...). Einziges Gegenargument ist das Totschlagsargument: Arbeitsplätze! Das ist jedoch eine Binsenweisheit und dazu auch nur halb-richtig: Klar, wenn man etwas verändert, dann wird das einerseits bestimmte Arbeitsplätze KOSTEN, auf der anderen Seite aber NEUE Arbeisplätze entstehen lassen! Es ist sehr erstaunlich, dass Politik bereit ist, dieses dümmliche Spiel mitzumachen, ist man doch gerade selbst in der Position einen Wandel einleiten und sozialverträglich gestalten zu können, ist man doch selbst in der VERPFLICHTUNG die Mehrheit der Bevölkerung bei einem anstehenden, notwendigen Wandel mitzunehmen! Die Erklärung habe ich oben gegeben und sie ist bitter, lässt einem am Kollektivverstand zweifeln; den scheint's als solchen gar nicht zu geben.
Freeflow 05.11.2019
3. Die Investoren
investieren da, wo die größte Rendite zu erwarten ist. Und genau dieses selbstsüchtige Verhalten, welches sich durch alle Kreise moderner Gesellschaften zieht, verhindert eine echte Wende in Sachen Klimapolitik.
sebastian303 05.11.2019
4. Keine Chance.
Wie oft denn noch? Wir werden die Pariser Ziele niemals erreichen. Übrigens völlig egal was Deutschland macht. Wir sollten dringend uns damit befassen die Folgen zu bewerkstelligen. Ganz platt: Deiche hoch. Und natürlich sollten wie anderen helfen die Folgen zu bewältigen. Alles andere ist Illusion und ich verstehe nicht wie man ernsthaft noch daran glauben kann. Das soll nicht heißen, dass wir keine CO2 Einsparungen versuchen sollten. Aber im Moment ist alles eine Farce.
dh82 06.11.2019
5.
Zitat von Freeflowinvestieren da, wo die größte Rendite zu erwarten ist. Und genau dieses selbstsüchtige Verhalten, welches sich durch alle Kreise moderner Gesellschaften zieht, verhindert eine echte Wende in Sachen Klimapolitik.
Mit einer deutlichen CO2-Bepreisung sähe das meiner Meinung nach anders aus. Es ist jedenfalls erfolgversprechender als zahllose Subventionierungen. Und Klimaschutz kann nicht auf eine eventuelle Änderung des Wirtschaftsystems warten - wir müssen Klimaschutz schon mit unserem bestehenden System angehen. Die "echte Wende" scheitert leider auch noch an der Gesellschaft, die rot sieht, sobald es um steigende Preise geht oder appelliert wird, auf Flugreisen und Kreuzfahrten möglichst zu verzichten. Lösungen sollen immer andere betreffen, schließlich hat man ein Geburtsrecht auf den derzeitigen Lebensstandard mitsamt allen Annehmlichkeiten. Mit Vernunft und Einsicht ist es da nicht weit her. Teilweise ist es auch verständlich, denn die Aussicht auf Job aufgeben oder vom Land näher an die Stadt ziehen, nur um die Pendelstrecke zu verkürzen, ist für Eigenheimbesitzer sicher keine angenehme Vorstellung. Da sind dann Zukunftsängste, ob man sich das noch länger leisten können wird, nachvollziehbar. Die Politik könnte hier mit einer sozialen Ausgestaltung einer CO2-Steuer punkten, aber CDU und SPD haben sich ja offenbar gegen eine "Klimadividende" entschieden, entgegen Empfehlungen von Experten. Zum Thema Klimaschutz und Gesellschaft fand ich die ZDF Frontal 21 Sendung ganz interessant: https://www.zdf.de/politik/frontal-21/frontal-21-vom-17-september-2019-100.html
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