Klinik-Umfrage Ärzteverband klagt über 12.000 unbesetzte Stellen

Überlastet und unzufrieden mit dem Job: Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund zeichnet ein düsteres Bild von der Lage deutscher Klinikärzte. Bundesweit fehlten 12.000 Mediziner, das gefährde vor allem die Patienten.

Klinikum Kassel: 41 Prozent der befragten Ärzte nennen Arbeitsbedingungen schlecht
DPA

Klinikum Kassel: 41 Prozent der befragten Ärzte nennen Arbeitsbedingungen schlecht


Berlin - Der Marburger Bund warnt vor einem Risiko für die Patienten: Bis zu 12.000 Stellen seien in deutschen Kliniken unbesetzt - mehr als doppelt so viel wie offiziell angegeben, sagte Gewerkschaftschef Rudolf Henke und warnte zugleich vor möglichen Ärztefehlern: "Wenn sich weniger Menschen um einen kümmern, als eigentlich vorgesehen, dann ist das ein Problem."

Der Marburger Bund hatte die Antworten von gut 12.000 Krankenhausärzten ausgewertet. Nach Angaben der Teilnehmer sind im Durchschnitt pro Abteilung etwa 1,5 Arztstellen unbesetzt. Hochgerechnet mit 8500 Krankenhausabteilungen kommt man auf die 12.000 unbesetzten Stellen. Offiziell beziffert das Deutsche Krankenhausinstitut die Zahl der offenen Stellen nur auf 5500 bis 6000, wie Henke sagte. "Wir haben den Ärztemangel numerisch unterschätzt."

Die vorhandenen rund 140.000 Klinikärzte machen der Umfrage zufolge den Personalmangel zum Teil mit Überstunden wett. Durchschnittlich arbeiten sie auf einer Vollzeitstelle nach Gewerkschaftsangaben etwa 55 Stunden pro Woche. Der Marburger Bund kommt damit auf rund 120 Millionen Überstunden. "Wir haben eine Überlastungssituation", sagte Henke. Dies führe zu Arbeitsvermeidung - die Mediziner versuchten, "auch irgendwann mal Feierabend zu machen". Darunter litten die Patienten.

44 Prozent überlegen, hinzuschmeißen

41 Prozent der Befragten finden ihre Arbeitsbedingungen schlecht oder sehr schlecht, jeder Zehnte habe angegeben, dass in seiner Abteilung vier oder mehr Stellen nicht besetzt sind. Die Zufriedenheit der Klinikärzte ist seit 2007 allerdings leicht gestiegen. Damals erklärten 53 Prozent der Befragten, sie spielten mit dem Gedanken, ihre Tätigkeit im Krankenhaus aufzugeben. Heute sind es nur noch 44 Prozent.

Verschlimmert wird die Lage aus Sicht des Marburger Bundes durch de Bürokratie: Täglich mehr als zwei Stunden bringen die Mediziner demnach nicht mit der Betreuung der Kranken, sondern am Schreibtisch zu.

Die Gewerkschaft verlangt nun mehr Geld für die rund 2000 deutschen Kliniken. Auf Dauer könnten die Kosten nicht sinken, sagte Henke. So würde es nach seiner Rechnung rund eine Milliarde Euro kosten, die 60 Millionen unbezahlten Überstunden von Ärzten zu vergüten. Würden die 12.000 freien Stellen besetzt, schlüge dies mit einem Betrag im "niedrigen einstelligen Milliardenbereich" zu Buche.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung wies die Forderung zurück. "Mit über 60 Milliarden Euro gibt es 2011 so viel Geld wie noch nie für die deutschen Krankenhäuser", sagte Verbandssprecher Florian Lanz.

cte/dapd



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.