Ökonom zum Kohleausstieg "Wie schlimm wird es für die Lausitz, Herr Südekum?"

Ausstieg bis 2038 und 40 Milliarden Euro für die Reviere: So will es die Kohlekommission. Der Ökonom Jens Südekum erklärt, wie das Geld sinnvoll investiert werden kann - und warum gerade das Ruhrgebiet zum Vorbild taugt.
Braunkohletagebau in Welzow (Lausitz, Brandenburg)

Braunkohletagebau in Welzow (Lausitz, Brandenburg)

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Zur Person
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Jens Südekum, Jahrgang 1975, ist Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und forscht unter anderem zum internationalem Handel und zur Regionalökonomie. Südekum fungierte unter anderem als Berater der Bundesregierung, EU-Kommission und der Bundesbank. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" nannte ihn einmal "Ökonom der Mächtigen", auf dessen Rat die Politik zunehmend hört.

SPIEGEL ONLINE: Herr Südekum, der Kohleausstieg wird kein Revier so hart treffen wie die Lausitz: Sie hängt wirtschaftlich komplett von der Braunkohle ab. Was lässt sich aus den bisherigen Erfahrungen von Regionen mit einem derart grundlegenden Strukturwandel lernen?

Jens Südekum: Es gibt einige Regionen in Deutschland, die voll von einer inzwischen verschwundenen Industrie abhängig waren - die Südwestpfalz um Pirmasens etwa von der Textilindustrie oder Oberfranken von Elektrogeräten. Am größten sind die Parallelen zur Lausitz aber sicher beim Ruhrgebiet als früherer Hochburg der Steinkohle- und Stahlindustrie. Das Ruhrgebiet zeigt, dass so ein massiver Strukturwandel zwar einiges kostet und lange dauert, aber durchaus funktionieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Im Ruhrgebiet ist die Arbeitslosigkeit groß, Städte wie Duisburg und Gelsenkirchen sind sichtbar pleite, obwohl jahrzehntelang sehr viel Steuergeld ausgegeben wurde. Ist der Strukturwandel dort nicht völlig misslungen?

Südekum: Das Ruhrgebiet ist sicher keine absolute Boomregion, es ist nicht alles perfekt gelungen. Misslungen ist der Strukturwandel dort dennoch nicht. Denn wie sähe es heute ohne diese regionale Strukturpolitik aus? Betrachten Sie nur vergleichbare, massiv deindustrialisierte Regionen in den USA oder England, die im Gegensatz zum Ruhrgebiet weitgehend sich selbst überlassen wurden. In der früheren Autometropole Detroit etwa ist die Einwohnerzahl von einst 1,8 Millionen auf weniger als 700.000 um weit mehr als die Hälfte geschrumpft. In Duisburg ist sie seit Mitte der Siebzigerjahre von knapp 600.000 auf jetzt 500.000 gesunken - also weniger als 20 Prozent. Das zeigt, dass es wirkt, wenn die Politik gegensteuert.

Duisburg-Wanheimer Ort: "Wie sähe es erst ohne regionale Strukturpolitik aus?"

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Foto: Wolfgang Rattay/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Aber ein ähnlicher Abstieg bleibt doch eine frustrierende Aussicht für die Lausitz, auch wenn es noch viel schlimmer kommen könnte.

Südekum: Ich bin optimistisch, dass es in der Lausitz besser laufen kann. So lässt sich vom Ruhrgebiet lernen, was funktioniert und was eher nicht. Zudem ist die Ausgangslage eine andere. Die Lausitz hat im Vergleich einige Standortvorteile. Und die Ursachen des Strukturwandels sind sehr unterschiedlich: Im Ruhrgebiet waren es wirtschaftliche - die Steinkohleproduktion in Deutschland war durch die Globalisierung international nicht mehr wettbewerbsfähig. In der Lausitz ist der Wandel hingegen die Folge einer politischen Entscheidung zugunsten des Klimaschutzes, ungeachtet der Wettbewerbsfähigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Was macht das für einen Unterschied?

Südekum: Erstens ist die Politik in der Lausitz viel stärker in der Verantwortung, die Folgen ihrer bewussten Entscheidung abzumildern. Zweitens ist von vorneherein ausgeschlossen, dass man wie im Ruhrgebiet sehr viel Geld dafür ausgibt, eine eigentlich nicht wettbewerbsfähige Industrie und ihre Arbeitsplätze möglichst lange am Leben zu erhalten. Dazu trägt auch die Altersstruktur der Lausitz bei: Während im Ruhrgebiet damals noch viele relativ junge Beschäftigte in der Steinkohle arbeiteten, wird diesmal ein großer Teil der Braunkohle-Arbeiter ohnehin bis 2038 in Rente sein. Es ist also möglich, von Anfang an stärker auf den Aufbau neuer Strukturen zu setzen, anstatt alte teuer zu konservieren.

SPIEGEL ONLINE: Und was hat im Ruhrgebiet gut funktioniert?

Südekum: Man hat auch intensiv in neue Perspektiven und Wirtschaftszweige investiert, durchaus mit Erfolg. Duisburg hat den größten Binnenhafen und eines der wichtigsten Logistikzentren Europas. Und es wurden seit den Sechzigerjahren viele Universitäten und Hochschulen gegründet, wo zuvor gar keine waren. Es gibt ein geflügeltes Wort: Im Ruhrgebiet gab es mal 300.000 Kumpel und keine Studenten, heute ist es exakt andersherum. Rund um diese Bildungseinrichtungen hat sich eine Start-up-Szene entwickelt, die dafür sorgt, dass junge und ambitionierte Leute nicht mehr wie noch vor 20 Jahren quasi gezwungenermaßen abwandern.

Ruhr-Universität in Bochum: "Früher 300.000 Kumpel und null Studenten, heute andersherum"

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Foto: imago/Schöning

SPIEGEL ONLINE: Mal abgesehen vom Ruhrgebiet - was lässt sich aus anderen Beispielen eines massiven Strukturwandels lernen?

Südekum: Es gibt kein Patentrezept, das immer und überall funktioniert. Dazu ist die Materie zu komplex, die Umstände zu verschieden. Aber viele internationale Erfahrungen deuten darauf hin, dass die Fokussierung auf Bildungseinrichtungen und Wissensinfrastruktur Erfolg verspricht . Ein berühmtes Beispiel sind Pittsburgh und Cleveland - beide im amerikanischen Rust Belt, nah beieinander, ähnlich groß und sehr stark vom Strukturwandel getroffen. Beide Städte sind massiv niedergegangen, aber in den folgenden 20 Jahren hat sich Pittsburgh deutlich besser erholt . Es hat viel stärker in Universitäten investiert und sich gezielt als Technologie- und Forschungsstandort neu erfunden.

SPIEGEL ONLINE: Sie plädieren also für eine Universität Lausitz.

Südekum: Es gibt bereits die Uni Cottbus-Senftenberg, die erweitert und gefördert werden kann. Zusätzlich wären die Ansiedelung und der Ausbau von Fachhochschulen sinnvoll. Daneben ist auch der Ausbau der Verkehrswege völlig unstreitig eine gute Idee. Denn die Lausitz hat einen großen Standortvorteil: die Nähe zu Berlin. Gerade die hochqualifizierten Beschäftigten der Start-ups, Universitäten und Unternehmen der Spitzentechnologie wollen vielleicht aus persönlichen Gründen lieber in Berlin wohnen. Dort sind Büromieten aber inzwischen sehr hoch, in der Lausitz sehr billig. Wenn nun die Autobahn A13 ausgebaut würde und die Bahnstrecke Cottbus-Lübbenau ein zweites Gleis bekäme, könnten sich durchaus viele Firmen ansiedeln.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Verlegung von Bundesbehörden wird gefordert. Sprechen die Erfahrungen dafür?

Braunkohlereviere in Deutschland

Braunkohlereviere in Deutschland

Foto: SPIEGEL ONLINE

Südekum: Durchaus. Die Forschung belegt, dass das in anderen Ländern ganz gut funktioniert hat. Die Beamten und Angestellten hätten in der Lausitz auch einen höheren Reallohn - schließlich verdienen sie den gleichen Euro-Betrag, die Lebenshaltungskosten sind aber wesentlich geringer. Natürlich darf man von der Verlegung keine Wunderdinge erwarten, aber als Bestandteil einer Strategie ist es sinnvoll.

SPIEGEL ONLINE: Sollte die Politik auch für viel Geld gezielt neue Industrie ansiedeln - zum Beispiel eine Batteriezellenproduktion, wie sie jetzt im Gespräch ist?

Südekum: Einige Ökonomen, gerade in Deutschland, lehnen eine staatliche Industriepolitik generell ab. Ich aber sehe das pragmatisch. In der Lausitz kann man eine Ausnahme machen: Erstens gibt es wie bereits erwähnt eine besondere Verantwortung der Politik, weil der Kohleausstieg eine rein politische Entscheidung ist und die Lausitz ohnehin bereits jetzt wirtschaftlich ein Sorgenkind ist. Zweitens hat die Region bereits eine Expertise in der Energiewirtschaft, auch wenn Braunkohle und Batteriezellen sehr unterschiedlich sind. Und drittens hilft die Grenznähe: Ein industriepolitisches Projekt im Rahmen der Europäischen Batterie-Allianz ist weit besser mit dem EU-Wettbewerbsrecht vereinbar, wenn es gemeinsam mit Tschechien und Polen aufgesetzt wird.

SPIEGEL ONLINE: Aber gerade Brandenburg hat schlechte Erfahrungen gemacht - Stichwort Cargolifter oder die Solarbranche. Da wurde viel Geld verbrannt, geblieben ist nichts.

Südekum: Es kommt immer auf den Einzelfall an. Gerade die Solarförderung halte ich für ein schlechtes Gegenargument - dass die gescheitert ist, lag vor allem an der massiven Förderung Chinas für seine eigene Industrie. Da wurden die Deutschen bei den Subventionen schlicht überboten. Das heißt aber keinesfalls, dass Industriepolitik niemals funktioniert. In der Lausitz gibt es gute Argumente für eine solche Politik.

SPIEGEL ONLINE: Universitäten, Verkehrswege, Bundesbehörden, aktive Industriepolitik - Sie halten also alle Vorschläge für sinnvoll, die derzeit für die Lausitz diskutiert werden?

Ehemaliger Tagebau bei Lichterfeld (Lausitz, Brandenburg)

Ehemaliger Tagebau bei Lichterfeld (Lausitz, Brandenburg)

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Südekum: Ich bin selbst positiv überrascht, dass so viele gute Vorschläge auf dem Tisch liegen. Aber es gibt auch schlechte - etwa den für eine Abwanderungsprämie. Das halte ich für töricht: Viele der gut Qualifizierten werden ohnehin gehen, auch ohne Prämie. Und dem Rest nun zu sagen: Liebe Leute, hier ist nichts mehr los, ihr kriegt ein bisschen Geld und dann seht mal zu, dass ihr das Weite sucht, wäre angesichts der gesellschaftlichen Stimmung fatal. Zum Glück wurde das in der Kohlekommission auch kaum diskutiert, diese Prämie wird nicht kommen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Politiker erwecken nach der Einigung der Kommission den Eindruck, der Strukturwandel ließe sich voll kompensieren. Bei allem Optimismus - ist das realistisch?

Südekum: Es besteht schon die Gefahr, wie damals Helmut Kohl "blühende Landschaften" zu versprechen und zu hohe Erwartungen zu wecken. Aber wenn man die sinnvollen Vorschläge umsetzt, sind durchaus noch bessere Ergebnisse zu erwarten als im Ruhrgebiet - das übrigens nie eine Hochburg für Populisten war, anders als vergleichbare Regionen in den USA und England. Man kann zwar die negativen Begleiterscheinungen des Kohleausstiegs nicht ganz verhindern, aber man kann sie so gut wie möglich abfedern. Langfristig könnte die Lausitz wirtschaftlich durchaus besser dastehen als heute.