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09. Mai 2017, 09:01 Uhr

Strukturwandel

Raus aus der Kohle - ohne Jobkahlschlag

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Wie gelingt der Kohleausstieg, ohne dass Zehntausende Arbeitsplätze wegfallen? Die Regierung will erst nach der Wahl ein Konzept erarbeiten. Firmen und Gemeinden packen das Problem bereits jetzt an.

Der Ausstieg aus Stromerzeugung durch Kohle ist die nächste Stufe der Energiewende. Denn obwohl immer mehr Ökostrom durch Deutschlands Netze fließt, ist die Klimabilanz der Bundesrepublik wegen der alten CO2-intensiven Meiler derzeit noch miserabel.

Das Problem ist, dass man die verbleibenden Kohlemeiler nicht einfach planlos abschalten kann - ohne die Stromversorgung und Zehntausende Jobs in den Kohlerevieren und Kraftwerken zu gefährden. In diesem Spannungsfeld von Klimaschutz, Strukturwandel und Versorgungssicherheit bewegt sich die Debatte zum Kohleausstieg.

Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) will am Dienstag eine Studie veröffentlichen, wie der Wandel glücken kann. Laut der Erhebung, die dem SPIEGEL vorliegt, könnten praktisch alle Stellen, die im Jahr 2030 im Braunkohletagebau in der Lausitz und im Rheinischen Revier noch übrig sind, gerettet werden.

Optimistische Annahmen, richtiger Ansatz

Das IÖW setzt bei der Kompensation der Braunkohlejobs auf einen verstärkten Ausbau der erneuerbaren Energien in den betroffenen Bundesländern. In Brandenburg müssten bis 2030 zum Beispiel Windräder mit einer Leistung von rund 7200 Megawatt und Solaranlagen mit einer Leistung von knapp 1300 Megawatt errichtet werden, heißt es in der Studie, die im Auftrag des Ökostromanbieters Greenpeace Energy erstellt worden ist. Der Energieversorger ist von der gleichnamigen Nichtregierungsorganisation wirtschaftlich und rechtlich weitgehend unabhängig.

Zweite Voraussetzung für einen geglückten Wandel sei ein möglichst hoher Anteil an regionalen Unternehmen auf allen Stufen der Wertschöpfungskette, schreibt das IÖW. Bei Planung und Installation der Anlagen sei eine Regionalquote von 80 Prozent erforderlich, bei den Betreibergesellschaften eine regionale Ansässigkeit von 50 Prozent. Das Personal für den Anlagenbetrieb besteht im IÖW-Szenario sogar zu 100 Prozent aus regionalen Akteuren.

Unterm Strich sind das sehr optimistische Annahmen. Hinzu kommt, dass viele Mitarbeiter des Braunkohlesektors erst nach aufwendigen Umschulungen in der Ökostrombranche neue Jobs finden dürften - wenn überhaupt. Den Ansatz, in den Braunkohlerevieren durch erneuerbare Energien eine Perspektive zu schaffen, halten dennoch die meisten Experten für richtig. Mehr noch: In manchen Braunkohlerevieren haben findige Akteure den Strukturwandel bereits eingeleitet.

Kohleaussstiegssoli vom Ökostromanbieter

Die Innovationsregion Rheinisches Revier etwa, eine Initiative von Gemeinden und Handwerkervertretern, forscht unter anderem an einem sogenannten virtuellen Kraftwerk, das verschiedene Erneuerbare-Energien-Anlagen aus der Region bündelt und Stromangebot und -nachfrage aufeinander abstimmt. Ein anderes Projekt befasst sich damit, wie sich die Materialien aus abgerissenen Kraftwerken optimal weiterverwerten lassen.

Auch Greenpeace Energy will den Strukturwandel voranbringen. Das Unternehmen bietet ab dem 9. Mai einen neuen Ökostromtarif an, mit dem Kunden den Bau von Photovoltaikanlagen in den Tagebaurevieren direkt fördern. Im Strompreis ist dafür eine Art Kohleaussstiegssoli enthalten: Ein Cent von den Einnahmen für eine Kilowattstunde Strom fließen in entsprechende Solarprojekte. Gleichzeitig beziehen die Kunden Solarstrom aus den Kohlerevieren. "Wir wollen nicht länger auf die Politik warten", sagt Nils Müller, Vorstandsmitglied von Greenpeace Energy.

Tatsächlich packt die Regierung das Thema bislang nicht an. Sie will erst im Jahr 2018 eine Kommission einberufen, die festlegt, welche Kohlemeiler in welchem Jahr vom Netz gehen. Danach soll darüber beraten werden, wie sich der Strukturwandel sozialverträglich gestalten lässt.

Nach derzeitigem Sachstand hat die Regierung bei dem Thema keine Eile. Demnach sollen die letzten Braunkohlezechen erst in den Vierzigerjahren des laufenden Jahrhunderts schließen. Der Ökofraktion geht das nicht schnell genug. "Deutschland muss bis spätestens 2030 vollständig aus der Braunkohle aussteigen", fordert Müller. "Sonst sind unsere Klimaziele nicht zu erreichen."

Aus Sicht des Energieversorgers RWE, dem mehrere Braunkohletagebaugebiete und zahlreiche Kohlemeiler gehören, geht es nicht um einen möglichst schnellen Wandel - sondern um einen möglichst nachhaltigen. "Die meisten unser mehr als 9000 Arbeitsplätze im rheinischen Revier erfordern hochqualifizierte Kenntnisse", teilt das Unternehmen mit. Es sei unklar, ob neue Jobs in der Ökobranche in Bezug auf Qualifikation und Bezahlung mit den derzeitigen Stellen gleichwertig wären.

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) fordert indes rasche Strukturhilfen für die Braunkohleregionen. "Es ist jetzt Aufgabe der Politik, zu liefern, damit nicht ganze Landstriche Deutschlands sozial und wirtschaftlich abgehängt werden", sagt IGBCE-Chef Michael Vassiliadis.

Zusammengefasst: In den Braunkohlerevieren laufen erste Projekte für einen sozialverträglichen Strukturwandel . Der Ökostromanbieter Greenpeace Energy führt nun einen neuen Energietarif ein, in dem eine Art Kohleaussstiegssoli enthalten ist. Das soll den Wandel ebenfalls voranbringen. Die Regierung will ihre Strategie für die betroffenen Regionen indes erst ab 2018 ausarbeiten.

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