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15. November 2017, 19:36 Uhr

Expertenpapier

Weniger Kohlemeiler könnten Stromversorgung sicherer machen

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In der Schlussphase der Jamaika-Sondierungen sorgt ein Expertenpapier aus dem Wirtschaftsministerium für Wirbel: Demnach würde die Stromversorgung sogar stabiler, wenn die kommende Regierung einige Kohlemeiler abschaltete.

Bei Diskussionen über den Kohleausstieg wird oft davor gewarnt, dass man nicht zu schnell zu viele Meiler abschalten dürfe - sonst sei die deutsche Stromversorgung gefährdet.

Im Bundeswirtschaftsministerium gehen einige Experten offenbar vom Gegenteil aus.

"Eine Stilllegung von Kohlekraftwerken könnte die Versorgungssicherheit sogar steigern", heißt es in einer gemeinsamen Expertise des Ministeriums und der Bundesnetzagentur. "Der Großteil der Kohlekraftwerke hat heute eine belastende Wirkung auf das Netz." Das Dokument liegt dem SPIEGEL vor. Zuvor hatte die Nachrichtenagentur dpa darüber berichtet.

Hintergrund ist die extrem hohe Auslastung der Netze. In Deutschland stehen weit mehr Kraftwerke, als zur Versorgung der Bevölkerung gebraucht werden. Die Kohlekraftwerke laufen, abgesehen von einigen Unterbrechungen zur Wartung, das ganze Jahr hindurch. Wenn dann auch noch die Wind- und Solaranlagen kräftig Strom produzieren, stößt das deutsche Stromnetz oft an seine Grenzen.

Die Übertragungsnetzbetreiber müssen die Netze in solchen Momenten aufwendig regulieren. Allein 2015 fielen mehr als eine Milliarde Euro an Kosten für entsprechende Maßnahmen an. Über die sogenannten Netzgebühren wurden diese Kosten später an die Stromkunden weitergereicht.

Sieben Gigawatt weniger Kohle unproblematisch

Die Experten des Wirtschaftsministeriums halten es für unproblematisch, Kohlekraftwerke abzuschalten. "Der deutsche Kraftwerkspark ist auch nach Stilllegung von sieben Gigawatt Kohlekraftwerken wettbewerbsfähig", schreiben sie. Das würde grob überschlagen 12 bis 15 mittelgroßen Anlagen entsprechen.

Die Experten stellen sogar die Möglichkeit in den Raum, noch mehr Kraftwerke abzuschalten. Berechnungen zu höheren Stilllegungsmengen könnten, falls gewünscht, kurzfristig durchgeführt werden, schreiben sie.

Sorgen, dass in Deutschland dann die Lichter ausgehen, machen sich die Experten nicht. Selbst wenn bis 2020 Kraftwerke mit einer Leistung von sieben Gigawatt abgeschaltet würden, könnten die restlichen Kraftwerke noch immer 18 Gigawatt mehr Strom produzieren als die Deutschen maximal verbrauchen, heißt es in dem Papier. Im Jahr 2023, nachdem das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet ist, läge der Leistungsüberschuss noch immer bei elf Gigawatt.

Die maximale Stromnachfrage in Deutschland liegt derzeit bei rund 82 Gigawatt. Auf den ersten Blick wirken elf Gigawatt mehr noch immer wie ein großer Überschuss. Doch tatsächlich braucht der Kraftwerkspark immer einen gewissen Puffer. Denn erstens sind regelmäßig Meiler wegen Wartungsarbeiten und Störungen vom Netz. Zweitens könnte der geplante Ausbau der Elektromobilität den deutschen Stromverbrauch künftig steigen lassen.

Brisanter Zeitpunkt für Veröffentlichung

Das Expertenpapier wird zu einem brisanten Zeitpunkt öffentlich. Union, FDP und Grüne wollen diese Woche ihre Sondierungsgespräche für eine Jamaika-Koalition abschließen und müssen dafür unter anderem einen Konsens für das Thema Kohleausstieg finden. Bisher wollten Union und FDP die Kohlestrom-Produktion um höchstens fünf Gigawatt drosseln, die Grünen dagegen um acht bis zehn.

Die Expertise aus dem Wirtschaftsministerium hilft vor allem den Grünen. Denn sie widerlegt das Hauptargument von FDP und CSU, die stets mahnen, der Kohleausstieg dürfe die Sicherheit der Stromversorgung nicht gefährden. Das Wirtschaftsministerium wird derzeit noch von Brigitte Zypries geführt, einer SPD-Politikerin. Ihr Staatssekretär Rainer Baake, der das Thema Energiewende verantwortet, ist allerdings Mitglied der Grünen.

Eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums bestätigte die Echtheit des Papiers. Es sei aber "im Haus und mit der Hausleitung nicht abgestimmt", sagte sie der dpa.

Ein Sprecher der Bundesnetzagentur teilte mit, das Papier enthalte "politisch zugespitzte Formulierungen". Im großen und ganzen bestätigte er aber dessen Inhalt. Nach Einschätzung der Fachbehörde würde ein Abschalten von bis zu sieben Gigawatt Kohlekraftwerkskapazität bis 2023 tatsächlich die Versorgungssicherheit tatsächlich nicht gefährden - aber nur wenn keine Kraftwerke an neuralgischen Punkten im Stromnetz stillgelegt würden.

Energieintensive Industrie warnt vor zu raschem Kohleausstieg

Deutschlands größte Stromverbraucher warnten am Mittwoch vor einem zu raschen Kohleausstieg. Der Steuerungskreis des Innovationsforums Energiewende, das aus einem breiten Bündnis von Industrie- und Energieunternehmen mit rund 800.000 Beschäftigten besteht, schickte nach SPIEGEL-Informationen am Mittwoch ein Schreiben an die Mitglieder der Sondierungsgruppe Klima/Energie.

In diesem heißt es, die konventionellen Kraftwerke seien ein "Anker für die politisch gewünschte Umstellung der deutschen Energieversorgung auf erneuerbare Energien". Sie seien unverzichtbar, bis Ökostrom zu wettbewerbsfähigen Konditionen erzeugt werden könne und Versorgungssicherheit garantiere.

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