Nach dem Kohleausstieg Energiewende - was auf Deutschland jetzt zukommt

Der Kohleausstieg ist teuer und ineffizient geraten. Welche Großprojekte der Energiewende als Nächstes anstehen - und was die Regierung bei der Umsetzung besser machen kann.
Eine Analyse von Claus Hecking und Stefan Schultz
Windpark in Niedersachsen

Windpark in Niedersachsen

Foto:

Ingo Wagner / DPA

4,35 Milliarden Euro Entschädigung für Betreiber von Braunkohlekraftwerken, weitere Milliarden für die Stilllegung von Steinkohlekraftwerken und die Löschung von Emissionszertifikaten, dazu rund 40 Milliarden Euro an regionalen Strukturhilfen: Der Kohleausstieg, gerade vom Kabinett besiegelt, mutet ganz schön teuer an. Nach Meinung verschiedener Experten wären in jedem einzelnen Bereich günstigere Lösungen möglich gewesen - wenn die Regierung nicht versucht hätte, möglichst viele gesellschaftliche Konflikte, die aus dem Kohleausstieg entstehen können, mit Geld zuzuschütten.

Man könnte jetzt darüber diskutieren, ob es sich bei diesem Ansatz um Verschwendung von Steuergeld handelt - oder um Realpolitik, die verhindern soll, dass Populisten die Nachteile des Kohleausstiegs für negative Stimmungsmache nutzen. Viel wichtiger aber scheint die Frage, inwieweit das Prinzip Gießkanne taugt, die gesamte Klimapolitik zu gestalten.

Mit dem Kohleausstieg ist nur ein Bruchteil des Umbaus hin zu einer CO2-ärmeren Energieversorgung geschafft: Kraftwerke, die auf besonders klimaschädliche Weise Strom erzeugen, gehen bis spätestens 2038 vom Netz. Das Problem, wo die Elektrizität stattdessen herkommt, und zwar möglichst verlässlich und CO2-arm, ist damit noch nicht gelöst. Dafür sind weitere historische Weichenstellungen nötig.

Und selbst wenn diese einmal beschlossen sind: Das noch einmal viel größere Ziel einer nahezu klimaneutralen Bundesrepublik ist auch dann noch nicht erreicht. Dafür ist nicht nur eine komplette Umstellung der Stromversorgung nötig, sondern mindestens eine ebenso tief greifende Wende beim Heizen und Wohnen, im Verkehr und in der Industrie.

Für all diese Megaprojekte wird es weitere Megainvestitionen brauchen, und in all diesen steckt ebenfalls großes Potenzial für gesellschaftlichen Unfrieden. Ob es sich die Regierung da leisten kann, einfach weiter auf teure bis überteuerte Gießkannenpolitik zu setzen? Und selbst wenn sie es sich leisten könnte: Wäre das wirklich sinnvoll?

Angesichts der Anstrengungen, die noch bevorstehen, scheint es ratsam, Deutschlands technoökonomischen Umbau effizienter zu gestalten.

Investitionen von 1,5 bis 2,3 Billionen Euro

Die Frage nach den Kosten einer CO2-armen Wirtschaft beschäftigt nicht nur die Bundesregierung. Auch deutsche Unternehmer setzen sich damit intensiv auseinander - und blicken, abhängig von ihrer jeweiligen Persönlichkeit, erwartungsvoller oder besorgter in die Zukunft. Einer der größten deutschen Wirtschaftsverbände, der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI), wollte es vergangenen Sommer genauer wissen: Er ließ die Unternehmensberatung BCG und das Forschungsinstitut Prognos schätzen , was konsequenter Klimaschutz die Republik bis 2050 kosten würde.

Heraus kam eine Zahl, die gewaltig scheint: Die Reduktion des deutschen CO2-Ausstoßes um 80 bis 95 Prozent würde zusätzliche Investitionen von 1,5 bis 2,3 Billionen Euro bis Mitte des Jahrhunderts erfordern, rechneten die Experten vor. In Relation zum deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP) wirkt diese Zahl schon weniger gewaltig: Die jährlichen Aufwendungen entsprächen demnach nur 1,2 bis 1,8 Prozent des BIP.

Sinnvoll scheinen die Ausgaben allemal. Denn anders als beim Kohleausstieg - wo das Geld teils in die Abschaffung eines veralteten Industriezweigs fließt - sind Ausgaben für erneuerbare Energien, emissionsärmere Gebäude oder E-Autos vor allem Investitionen in Zukunftstechnologien, die neben dem Klimaschutz mindestens vier wichtige wirtschaftspolitische Vorteile haben:

  • Die Deutschen sparen dank solcher Technologien künftig Geld. Denn die Kosten für CO2-Zertifikate werden in den kommenden Jahren steigen - was Verbraucher trifft, die ihren CO2-Ausstoß nicht senken.

  • Die Deutschen verdienen durch Investitionen in grüne Technologien neues Geld dazu. Schließlich werden in diesen Bereichen neue Wertschöpfungsketten entstehen - und damit Jobs für Bürger, Erlösquellen für Firmen und Steuereinnahmen für den Staat.

  • Investitionen in grüne Technologien bescheren Deutschland schließlich mehr Unabhängigkeit. Eine hochrangige Kommission der Umweltorganisation Irena geht davon aus, dass durch den technoökonomischen Wandel nicht weniger als eine neue Weltordnung entsteht. Die Bundesrepublik wäre in dieser weniger auf Kohle-, Gas- und Ölimporte angewiesen - und damit weniger beeinflussbar durch Staaten wie Libyen oder Russland.

  • Gleichzeitig kann Deutschland durch den Export von Ökostrom und grünen Technologien neue Handelsbeziehungen aufbauen - was das geopolitische Gewicht der Bundesrepublik erhöhen kann. Das wiederum befähigt die Bundesregierung, demokratische Werte im Ausland zu vertreten.

Bausteine einer CO2-armen Wirtschaft

Laut der Studie von BCG und Prognos fallen zum Erreichen der deutschen Klimaziele in den kommenden drei Jahrzehnten ungefähr folgende Ausgaben an:

  • Im Verkehrssektor sind Investitionen von 500 bis 770 Milliarden Euro nötig. Etwas weniger als die Hälfte davon entfällt auf den Ausbau der Elektromobilität und den Aufbau von Ladesäulen. Hinzu kommen Oberleitungen, die strombetriebene Lkw während der Fahrt mit Elektrizität versorgen. Die andere Hälfte der Investitionen dürfte für die Erhöhung der Effizienz aller Fahrzeugklassen und Antriebe ausgegeben werden.

  • Im Sektor Haushalte und Gebäude sind Investitionen von 480 bis 680 Milliarden Euro erforderlich. Von diesen entfallen rund 400 Milliarden Euro auf energetische Sanierungsmaßnahmen, emissionsärmere Heiztechnologien und Gebäudeautomation. Hinzu kommen rund 80 Milliarden Euro für energiesparendere Lampen und Haushaltsgeräte.

  • Im Stromsektor fallen Investitionen von 430 bis 620 Milliarden Euro an. Der Großteil fließt in den Ausbau erneuerbarer Energien. Mindestens 180 Milliarden Euro fallen für den Ausbau der Netze an, die immer größere Strommengen aus dem windreichen Norden in den industriereichen Süden transportieren. Weiteres Geld wird in die Digitalisierung der Stromnetze fließen, die immer größere Schwankungen in der Versorgung ausgleichen, weil Wind- und Solaranlagen je nach Wetter mal mehr und mal weniger Strom liefern. Hinzu kommen Investitionen in die Produktion von erneuerbarem Erdgas, das in Phasen von Stromknappheit als Reserve dient und das zudem als CO2-freier Energieträger im Wärme-, Verkehrs- und Industriesektor genutzt werden kann.

  • Die Industrie schließlich hat Investitionen von 120 bis 230 Milliarden Euro zu stemmen - vor allem zur Steigerung der Energieeffizienz von Stahl-, Zement- und Chemiefirmen sowie von Raffinerien. Ein weiterer wichtiger Baustein ist der Aufbau einer Infrastruktur für sogenanntes CCS: eine Technologie, mittels der CO2 abgespalten und unter der Erde gelagert werden kann. Namhafte Wissenschaftler halten dies für unabdingbar, wenn Deutschland klimaneutral werden will. Derzeit kostet es zwischen 30 und 40 Euro, eine Tonne CO2 in einem Kraftwerk einzufangen und einzulagern.

Für einzelne Unternehmen kann der Umbau der deutschen Wirtschaft also durchaus mit Mehrkosten verbunden sein. Volkswirtschaftlich gesehen hat Klimapolitik dagegen einen positiven Effekt: Laut der Studie von BCG und Prognos würde sie das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2050 um 0,4 bis 0,9 Prozent steigern - unter anderem, weil die entsprechenden Maßnahmen neue Jobs schaffen, Einkommen von privaten Haushalten steigern und teils den Konsum ankurbeln.

Chancen einer kosteneffizienteren Klimapolitik

Laut der Studie von BCG und Prognos ist der Wandel hin zu einer CO2-armen Wirtschaft sowohl technisch machbar als auch ökonomisch lukrativ. Allerdings berücksichtigen die Autoren nicht, dass die von ihnen skizzierten Änderungen erst noch politisch umgesetzt werden müssen. Dafür aber wären Hunderte, wenn nicht Tausende Gesetzesinitiativen erforderlich, die oft ähnlich viel Konfliktpotenzial bergen wie der gerade verabschiedete Kohleausstieg.

Wenn die Regierung bei jedem einzelnen dieser Gesetze Geschenke verteilt, um Gegner zu besänftigen, dann dürfte ihre Klimapolitik unterm Strich ziemlich teuer werden. Eine Debatte, wie sich das Jahrhundertprojekt effizienter voranbringen lässt, wäre daher wirtschaftspolitisch wünschenswert.

Ein erster Ansatz könnte sein, dass die Regierung den Bürgern ihre Klimaschutzpolitik kommunikativ besser vermittelt. Forscher weisen immer wieder darauf hin, wie wichtig es ist, möglichst vielen Menschen aufzuzeigen, wie sie persönlich von einer Energie-, Industrie-, Verkehrs- oder Wärmewende profitieren. Und welche ungewollten Folgen für ihr Leben sich durch konsequente Klimapolitik vermeiden lassen.
Hilfreich wäre vermutlich auch, auf möglichst vielen Ebenen auf die Befürchtungen der Bürger einzugehen.

Durch eine entsprechende Kommunikationsstrategie könnte ein gesamtgesellschaftlicher Konsens für die Klimapolitik gefördert werden. Und somit womöglich die Bereitschaft einzelner Bürger, auch einmal für das große Ganze zurückzustecken. Ganz ohne wirtschaftliche Anreize für neue Gesetze würde Politik danach wahrscheinlich noch immer nicht funktionieren. Aber die Geldgeschenke wären im besten Fall nicht mehr ganz so teuer.