Gehaltsforderungen Drei sind drin

Selbst die Bundesbank drängt jetzt auf mehr Gehalt für deutsche Arbeitnehmer. Recht hat sie! Die Zukunft der deutschen Wirtschaft wird ganz sicher nicht durch höhere Tarifabschlüsse gefährdet - eher schon durch die Rentengeschenke der Bundesregierung.

Deutsche Bundesbank: Muss es nicht "niedrigere" heißen?
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Deutsche Bundesbank: Muss es nicht "niedrigere" heißen?

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"Bundesbank drängt Gewerkschaften zu höheren Gehaltsforderungen": Auf den ersten Blick scheint in diesem Satz ein Wort vertauscht worden zu sein. Muss es nicht "niedrigere" heißen? Schließlich hat die Bundesbank über viele Jahre unermüdlich gepredigt, dass zu hohe Tarifabschlüsse die Inflationsgefahr erhöhen, weil steigende Gehälter in der Regel steigende Preise nach sich ziehen - was bei den Arbeitnehmern wiederum den Wunsch nach steigenden Gehältern auslöst.

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Heft 30/2014
Streitgespräch mit Ex-Bundespräsident Christian Wulff

Solche Lohn-Preis-Spiralen gelten als Ursache für die hohen Inflationsraten, mit denen sich nahezu alle Industriestaaten in den Siebzigerjahren herumplagten. In den Folgejahren erwarb sich die Bundesbank dann ihren Ruf als härteste Notenbank der Welt, weil sie die Inflationsrate mit hohen Zinssätzen gnadenlos nach unten prügelte - selbst wenn darunter das Wachstum litt.

Doch der Eingangssatz stimmt. Wie der SPIEGEL berichtet, plädiert der Chefökonom der Bundesbank, Jens Ulbrich, tatsächlich für höhere Tarifabschlüsse. Und er hat recht. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Wenn überhaupt, dann droht sich die Lohn-Preis-Spirale derzeit in die umgekehrte Richtung zu drehen. Die Inflationsrate liegt in der Eurozone wie auch in Deutschland deutlich unter der Zielmarke von knapp zwei Prozent. Weil die Preise also kaum steigen, verspüren auch die Gewerkschaften geringeren Druck, ein deutliches Gehaltsplus durchzusetzen. Dadurch steigen die Preise noch weniger. Statt Inflation bekämpfen Europäische Zentralbank (EZB) und Bundesbank derzeit die Deflationsgefahr, also ein drohendes Sinken des Preisniveaus.

Nachdem sich die deutschen Gewerkschaften über Jahre zurückgehalten haben und viele Arbeitnehmer sogar Einbußen beim Reallohn hinnehmen mussten, spricht nichts dagegen, wenn bei den kommenden Tarifabschlüssen mal wieder eine Drei vor dem Komma steht. Dass auch die Bundesbank diese Position vertritt, zeugt von einem gesunden Pragmatismus bei den Währungshütern.

Denn seit jeher wird die Tarifpolitik von ideologischen Schaukämpfen begleitet. Linke Ökonomen plädierten fast immer für deutliche Lohnerhöhungen - meist mit Verweis auf die Kaufkraft, die dringend gestärkt werden müsse. Konservativen Ökonomen ist nahezu jedes reale Gehaltsplus ein Graus, weil sie damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gefährdet sehen.

Die Wahrheit lag und liegt natürlich in der Mitte. Vor zehn Jahren war die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands tatsächlich gefährdet, die niedrigen Tarifabschlüsse waren deshalb richtig. Angesichts von Rekordüberschüssen im deutschen Außenhandel kann von mangelnder Wettbewerbsfähigkeit aber derzeit keine Rede sein. Auch deshalb ist jetzt die Zeit für maßvoll höhere Tarifabschlüsse gekommen.

Wenn derzeit etwas die Zukunft der deutschen Wirtschaft gefährdet, dann ganz sicher nicht drei Prozent Plus bei den Gehältern - sondern eher die populistischen Rentengeschenke der Bundesregierung.

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insgesamt 144 Beiträge
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Seite 1
analysatorveritas 21.07.2014
1. Wunschdenken!
Zitat von sysopDeutsche BundesbankSelbst die Bundesbank drängt jetzt auf mehr Gehalt für deutsche Arbeitnehmer. Recht hat sie! Die Zukunft der deutschen Wirtschaft wird ganz sicher nicht durch höhere Tarifabschlüsse gefährdet - eher schon durch die Rentengeschenke der Bundesregierung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kommentar-drei-prozent-mehr-gehalt-sind-drin-a-982023.html
Wie sollen die ökonomischen Ungleichgewichte innerhalb der Währungsunion ausgeglichen werden? Reale Entgelterhöhungen in D-land, Transfer-, Haftungshaftungsübernahmen, weitere EZB-Eingriffe? Welche Rolle spielen die Gewerkschaften überhaupt noch? Deutschland besitzt den größten Niedriglohnsektor in Europa, hatte und hat die größten Kapitalexporte und exorbitant hohe Leistungsbilanzüberschüsse. http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/07/21/deutschland-die-gewerkschaften-spielen-bei-den-loehnen-keine-rolle-mehr/ http://www.cesifo-group.de/de/ifoHome/policy/Haftungspegel.html
Progressor 21.07.2014
2. Alles Quatsch
Höhere Löhne in Deutschland drängen die Leistungsbilanz in Richtung Ausgleich. Das wird definitiv weniger Arbeitsplätze bedeuten. Das deutsche Wachstumsmodell Exportüberschüsse geht zu Ende, Schäuble kann sich seine schwarze Null bezüglich Nettokreditaufnahme des Bundes im kommenden Jahr ins Haar schmieren, ansonsten gehts ab in die Rezession. Trotzdem ist das richtig so, da es zu den Spielregeln in einem Gemeinschaftswährungsraum gehört. Ausserdem öffnet sich dadurch der Blick auf die (bittere) Erkenntnis wie Wirtschaftswachstum in einer Volkswirtschaft entsteht.
zroone 21.07.2014
3.
Zitat von sysopDeutsche BundesbankSelbst die Bundesbank drängt jetzt auf mehr Gehalt für deutsche Arbeitnehmer. Recht hat sie! Die Zukunft der deutschen Wirtschaft wird ganz sicher nicht durch höhere Tarifabschlüsse gefährdet - eher schon durch die Rentengeschenke der Bundesregierung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kommentar-drei-prozent-mehr-gehalt-sind-drin-a-982023.html
Wieder mal gewohntes Spiegelniveau. Zu den Rentengeschenken: http://www.jungewelt.de/2014/06-07/054.php?sstr=Wagenknecht
Aquifex 21.07.2014
4.
Zitat von sysopDeutsche BundesbankSelbst die Bundesbank drängt jetzt auf mehr Gehalt für deutsche Arbeitnehmer. Recht hat sie! Die Zukunft der deutschen Wirtschaft wird ganz sicher nicht durch höhere Tarifabschlüsse gefährdet - eher schon durch die Rentengeschenke der Bundesregierung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kommentar-drei-prozent-mehr-gehalt-sind-drin-a-982023.html
Heißt im Klartext: Es soll mehr Geld geben, damit das dann schneller weniger wert wird. Tolle Strategie....
elwu 21.07.2014
5. Von Gehaltsanhebungen
können die Arbeitnehmer, die in nicht tarifgebundenen Unternehmen beschäftigt sind, eh nur träumen. Der Spiegel sollte mal diesen Bereich der Wirtschaft dahingehend untersuchen, er dürfte überrascht sein.
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