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24. März 2015, 05:04 Uhr

Tsipras und Merkel

Streitet Euch endlich!

Ein Kommentar von

Die deutsch-griechischen Beziehungen sind mies, das weiß jeder. Doch beim Antrittsbesuch von Premier Tsipras vermeidet Angela Merkel eine echte Diskussion. Dabei muss der Streit endlich offen ausgetragen werden - nur so kann er beigelegt werden.

Eines konnte man Alexis Tsipras beim ersten gemeinsamen Auftritt mit Angela Merkel nicht vorwerfen: Dass er zu wenig Gesprächsstoff mitgebracht hätte. Der griechische Premier erklärte noch einmal, dass die Sparprogramme für sein Land kein Erfolg gewesen seien, er sprach die Siemens-Affäre an und den NS-Zwangskredit. Genügend Themen, zu denen man auch die Meinung der Gastgeberin hören wollte.

Doch von Merkel kam wenig. Auf Tsipras' Äußerungen und die meisten Nachfragen der Reporter reagierte sie so schmallippig, dass sich ihre Meinung oft nur erahnen ließ. Die Merkelsche Zurückhaltung ist altbekannt. In der Eurokrise aber wird sie immer mehr zum Problem.

Wenn Merkel die "engen und freundschaftlichen Beziehungen" zwischen Deutschland und Griechenland betont, dann befriedigt das bestenfalls Protokollbeamte. Die beiden Länder liegen im Streit, das weiß jeder, der die Nachrichten verfolgt. Dass Tsipras erst mit zweimonatiger Verspätung zum Antrittsbesuch nach Berlin kam, ist nur ein weiterer Beleg für das angespannte Verhältnis.

Die Sprache der Wahrheit und das große Schweigen

"Wir müssen die Sprache der Wahrheit sprechen. Wir müssen auch offen über unsere unterschiedlichen Auffassungen reden", sagte Tsipras. Damit hat er Recht: Dieser Streit muss ausgetragen werden, bevor er beigelegt werden kann.

An Diskussionspunkten hätte es am Montagabend nicht gemangelt. "Es gibt auch interne Ursachen für die enorme Krise in Griechenland", erklärte Tsipras beispielsweise. Da hätte Merkel entgegnen können, dass es aus ihrer Sicht vor allem interne Ursachen sind. Oder fragen, wann Tsipras wohl mit der Umsetzung seines jüngsten Reformkonzepts beginnen will. Schon wäre man mitten in einer echten Debatte gewesen.

Weil sie aber so wenig sagt, bietet Merkel den Griechen umso mehr Raum für Interpretationen und neue Missverständnisse. Sie versteckt sich dabei hinter der Aussage, Deutschland sei nur eines von vielen Euroländern. Sie entscheide nicht über weitere Finanzhilfen. Doch Merkel ist mächtiger als andere Regierungschefs, auch das weiß jeder Beobachter.

Mit Tsipras zu streiten, bedeutet auch, ihn ernst zu nehmen. Die Auseinandersetzung mit Deutschland hat der Premier seit seinem ersten Tag im Amt gesucht. Damals hob er die Forderung wieder auf die Agenda, Deutschland solle Reparationen für Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg zahlen.

Zwar wiederholte Merkel am Montag, dass die Bundesregierung die Entschädigungsfrage juristisch für erledigt halte. Sie betonte aber das Bewusstsein dafür, "welche Grausamkeiten wir angerichtet haben", und dass "dieses Unrecht und dieses Leid vielen in Deutschland gar nicht mehr so gewärtig ist, wie es vielleicht der Fall sein sollte". Tsipras machte sich bei diesen Sätzen eifrig Notizen - als sei er froh, dass Merkel endlich einmal Klartext spricht.

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