Yasmin El-Sharif

Mindestlohn 8,50 Euro für die Würde

Deutschland bekommt einen allgemeinen, gesetzlichen Mindestlohn. Der Schritt ist überfällig und richtig. Für die Verbraucher dürfte nun manches teurer werden - doch das ist die Menschenwürde wert.
Friseurin bei der Arbeit: Haare schneiden könnte in Zukunft mehr kosten

Friseurin bei der Arbeit: Haare schneiden könnte in Zukunft mehr kosten

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

Deutschlands Arbeitnehmer bekommen die Würde zurück, die ihnen die Agenda 2010 genommen hat. Der Mindestlohn kommt - und mit ihm halbwegs vernünftig bezahlte Arbeit für alle Beschäftigten.

Ausgerechnet zum zehnjährigen Jubiläum der Agenda-Reform findet damit ihr übelster Nebeneffekt hoffentlich ein Ende: das Lohndumping. Spätestens ab 2017 soll jeder Arbeitnehmer 8,50 Euro die Stunde verdienen, so der Koalitionsbeschluss von Union und SPD. Schluss ist dann endlich mit unverschämten Löhnen in Höhe von vier oder fünf Euro. Schluss ist dann auch mit der staatlich subventionierten Billigarbeit, die zu einem Boom von Aufstockern geführt hat. Menschen also, die zwar (Vollzeit) arbeiten gehen, aber trotzdem zum Amt laufen müssen, um leben zu können. Auf Hartz-Niveau.

Klar, dass die Wirtschaftslobby und einige marktverliebte Ökonomen jetzt aufschreien. Da ist die Rede von einer wirtschaftspolitischen Katastrophe, die Jobs und Wachstum koste. Doch in Wahrheit hatten die Unternehmen seit Monaten, wenn nicht sogar seit Jahren Zeit, sich auf den Mindestlohn vorzubereiten. Es war klar, dass er irgendwann auch in Deutschland gelten würde. So wie schon lange in den allermeisten anderen EU-Staaten. Auch um die deutsche Wettbewerbsfähigkeit muss man sich keine Sorgen machen: Gerade in den exportorientierten Branchen werden meist ohnehin deutlich höhere Gehälter gezahlt. Und die Große Koalition wird hoffentlich klug genug sein, Auszubildende und Praktikanten von der Mindestlohnregelung auszunehmen.

Gut zwei Jahre bleiben den Branchen, in denen es jetzt bereits Mindestlöhne oder Mini-Tariflöhne gibt, um sich auf die neue Untergrenze einzustellen. Bis dahin gelten die alten Verträge weiter. Bis 2017 wird es zudem noch einige Lohnrunden geben. Real werden bis dahin 8,50 Euro für eine Stunde Arbeit durch Menschenhand also noch weniger sein, als sie es heute schon sind. Rechnet man das auf eine volle Stelle hoch, kommt man auf rund 1400 Euro. Brutto wohlgemerkt. Luxusleben sieht anders aus.

Kein Wunder also, dass in Umfragen vor der Bundestagswahl die Mehrheit der Deutschen einen gesetzlichen Mindestlohn forderte. Die Politik kommt dem Wunsch nun nach.

Wer mehr Geld hat, gibt es auch aus

Nun aber müssen die Bürger die Entscheidung auch mittragen. Denn wer sich wünscht, dass Arbeit ordentlich bezahlt wird, sollte sich auch auf teilweise höhere Preise einstellen und diese akzeptieren. Gut möglich, dass der Friseurbesuch demnächst ein paar Euro mehr kostet. Gleiches gilt womöglich für das Pfund Hackfleisch an der Fleischereitheke oder den Strauß Blumen im Laden an der Straßenecke.

Der höhere Preis für Konsumenten wird aber nicht nur belohnt mit einem guten Gewissen gegenüber dem künftig besser bezahlten Friseur oder Schlachthofmitarbeiter. Er dient auch der Stärkung der deutschen Wirtschaft. Denn: Wer mehr Geld hat, gibt es auch aus. Das gilt insbesondere für Niedrigverdiener, die meist jeden zusätzlichen Euro sofort verkonsumieren - weil zum Sparen einfach nichts übrig bleibt.

Großbritannien und andere EU-Länder haben vorgemacht, wie ein Mindestlohn funktioniert. Er kostet keine Jobs, sondern er stärkt den Binnenkonsum - und wird auch deshalb von britischen Unternehmen geschätzt. Aber am Ende sind nicht nur Arbeitgeber und Arbeitnehmer betroffen. Auch wir Verbraucher müssen den Mindestlohn mittragen. Sonst hat würdevolle Arbeit keine Chance.

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