Niedrigzinsen Sorry, niemand braucht Ihr Geld

Mario Draghi ist derzeit der liebste Sündenbock deutscher Politiker. Doch der EZB-Chef ist nicht allein schuld an den Niedrigzinsen. Auch die deutschen Sparer haben daran Anteil.
EZB-Präsident Mario Draghi

EZB-Präsident Mario Draghi

Foto: ERIC VIDAL/ REUTERS

Die Idee des Helikoptergeldes funktioniert in etwa so: Weil die Geschäftsbanken Kredite nicht mal mehr gegen Nullzinsen aufnehmen wollen, überweist die Europäische Zentralbank (EZB) direkt jedem Bürger einen bestimmten Eurobetrag - so wahllos, als würde sie es aus einem Hubschrauber abwerfen. Nach der heutigen Sitzung des EZB-Rats wird Mario Draghi wohl beantworten müssen, ob er für ein bisschen mehr Inflation in der Eurozone auch den Helikopter anwerfen würde.

Hans-Peter Friedrich ist offenbar Fan der Helikopter-Meinung. Recht wahllos wirft der CSU-Politiker in den Redaktionen dieses Landes seine Ansichten zu allen erdenklichen politischen Themen ab - mal kritisiert der ehemalige Innen- und Agrarminister die Türkei, dann rät er der eigenen Kanzlerin zum Parteiaustritt oder lässt die Welt seine Meinung zu Mario Draghi wissen.

Der EZB-Chef, sagte Friedrich kürzlich der "Bild"-Zeitung, sei schuld an einem "massiven Glaubwürdigkeitsverlust" seiner Bank und müsse schnellstmöglich durch einen Deutschen ersetzt werden, "der sich der Tradition der Währungsstabilität der deutschen Bundesbank verpflichtet fühlt."

Die Deutschen wollen Zinsen, aber nicht investieren

Das Volksempfinden hat Friedrich auf seiner Seite: Ihre geliebten Festgelder und Lebensversicherungen bringen deutschen Sparern kaum noch Erträge, aufs Girokonto gibt es Gebühren statt Zinsen. Sogar ohne Helikoptergeld ärgern sich viele Deutsche, wie exzessiv die EZB Geld in die Finanzmärkte pumpt.

Braucht es nur einen Bismarck in Nadelstreifen, damit die Zinsen wieder steigen? Wenn Geldpolitik so einfach wäre.

Dass der Helikopter-Vorschlag überhaupt ernsthaft diskutiert wird, zeigt auch, wie verzweifelt die EZB inzwischen ist. Trotz Nullzinsen mäandert die Inflation seit Monaten um den Nullpunkt. Auch für einen deutschen EZB-Chef wäre das Zweiprozentinflationsziel die oberste Maßgabe - mit Zinserhöhungen, die das Geld verknappen, würde er sich noch weiter davon entfernen. Ein Dilemma.

Bedanken könnte er sich dafür bei seinen Landsleuten: Die Bundesregierung strebt Haushaltsüberschüsse an, statt via Staatsanleihen die Ersparnisse ihrer Bürgern in Straßen und Hochschulen zu investieren. Auch deutsche Unternehmen leihen sich weniger Geld als noch vor einem Jahr, während die Kreditnachfrage im Rest der Eurozone steigt.

Rendite gibt es nur gegen Risiko

Der Preis des Geldes wird aber - wie bei jedem Gut - durch seine Knappheit bestimmt. Und an der Ersparnisschwemme, die das Geld so billig macht, trägt die größte Volkswirtschaft der Eurozone die Hauptschuld. Um mehr als 250 Milliarden Euro übersteigen die Ersparnisse hierzulande die Investitionen.

Der deutsche Sparer muss sich eingestehen: Niemand braucht sein Geld. Jedenfalls nicht zu den Konditionen, die er gewohnt ist. Vier Prozent auf bombensichere Anlagen? Das gab es nur in Zeiten garantierten Wirtschaftswachstums und steigender Staatsverschuldung.

Heute müssen Konzerne revolutionäre Produkte bauen, um ihre Existenz und künftige Gewinne zu sichern. BMW , Audi und Co. entwickeln selbstfahrende Autos, um gegen Google und Uber eine Chance zu haben. Biotech-Firmen entwickeln neue Medikamente gegen Krebs und HIV - ob die Forschung jemals Früchte trägt, kann aber niemand vorhersagen.

Völlig neue Produkte erfordern langfristige und riskante Investitionen - mit einjährigem Festgeld finanziert man die aber nicht. Wer bereit ist, als Aktionär in guten wie in schlechten Zeiten zu einem Unternehmen zu stehen, kann auf hohe Renditen hoffen. Wer das nicht will, muss wohl noch sehr lange mit Niedrigzinsen leben - und sollte dem Italiener im EZB-Tower nicht die Schuld daran geben.

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