Konflikt mit Europäern Iran droht mit Ölpreisschock

Das Regime in Teheran erhöht die Einsätze im Ölpoker: Iran droht mit einem sofortigen Lieferstopp nach Europa. Das würde ausgerechnet Krisenländer wie Italien und Griechenland treffen. Profitieren von dem Streit könnte China.

Ölanlage in Iran: "Die Sanktionen werden nutzlos sein"
dapd

Ölanlage in Iran: "Die Sanktionen werden nutzlos sein"

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Hamburg/Teheran - Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat Übung darin, die westlichen Staats- und Regierungschefs in Rage zu bringen. Das stellte er am Donnerstag wieder unter Beweis. In einem diplomatischen Kraftakt hatten sich die Europäer zuvor auf Sanktionen gegen Iran geeinigt. Die Reaktion aus Teheran kam prompt: eine Mischung aus demonstrativer Gelassenheit und trotziger Drohungen.

Spätestens ab dem 1. Juli wollen die EU-Länder keine Öllieferungen mehr aus Iran annehmen und das Land so zum Einlenken im Atomstreit bringen. Doch Ahmadinedschad gibt sich ungerührt. "Die Sanktionen werden nutzlos sein", sagte er nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Irna. "Es ist der Westen, der den Iran braucht, und die iranische Nation wird durch die Sanktionen nicht verlieren."

Die Regierung in Teheran legte in dem Streit sogar nach. Sie will nun ihrerseits noch vor der Umsetzung des EU-Embargos jede Öllieferung nach Europa stoppen. Ein entsprechender Gesetzentwurf werde dem Parlament bereits am Sonntag vorgelegt, sagte der Sprecher des Energieausschusses, Emad Hosseini.

Iran liefert rund ein Fünftel seiner Ölausfuhren an EU-Staaten, jeden Tag gehen rund 450.000 Barrel nach Europa. Die Führung in Teheran weiß genau: Ein abrupter Lieferstopp würde ausgerechnet diejenigen europäischen Länder treffen, die derzeit am heftigsten unter der Schuldenkrise leiden. Italien, Spanien und Griechenland sind Großabnehmer von iranischem Öl (siehe Grafiken).

Um diesen Ländern eine Schonfrist zu gewähren, will die EU ihren Importstopp eigentlich erst ab Juli umsetzen. Spätestens dann müsste Iran andere Abnehmer finden. Doch jetzt will Ahmadinedschad den Spieß umdrehen. Hinter einem sofortigen Lieferstopp könnte folgendes Kalkül stecken: Die Regierung in Teheran macht bei der Umlenkung der Handelsströme Tempo und führt zugleich die Europäer vor.

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Ölmacht Iran: Mit wem Teheran Geschäfte macht

Denn die EU-Staaten sind für Teheran nur der zweitwichtigste Abnehmer bei Öl. Der wichtigste Handelspartner ist China und die Regierung in Peking könnte der Nutznießer des europäisch-iranischen Konflikts sein. "Prinzipiell steht China bereit, mehr Mengen abzunehmen", sagt Kirsten Westphal, Energieexpertin der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). "Das Land könnte auf diesem Weg sogar schnell und preisgünstig an mehr Öl kommen."

China baut derzeit strategische Reserven auf und steckt in Preisverhandlungen mit Iran. Sollte Teheran gezwungen sein, große Mengen an Öl schnell zu verkaufen, könnte die Volksrepublik als einer der letzten Abnehmer von Preisabschlägen profitieren. Angesichts schlechter Infrastruktur kann Iran überschüssiges Öl kaum zwischenlagern. "Die Frage ist, wie viel das politische Schachspiel den Iranern an finanziellen Verlusten wert ist", sagt Westphal.

Der Poker ist auch für Iran nicht ohne Risiko. Das Land ist enorm abhängig vom Ölgeschäft. In den Jahren 2010 und 2011 entfielen bei einer Exportsumme von 118 Milliarden Dollar mehr als 81 Milliarden Dollar auf den Ölhandel. Ob China bei einem Lieferstopp nach Europa das gesamte überschüssige Öl aufnehmen kann, ist fraglich. Zudem muss Peking auf die Beziehungen zu den Europäern Rücksicht nehmen und darf deren Embargo nicht allzu offensichtlich hintertreiben. Auch die Golfstaaten darf China als wichtigen Öl-Handelspartner nicht vor den Kopf stoßen.

Doch weil kein Land auf Öl verzichten kann, wird Iran nie ganz vom Markt abgeschnitten sein. Stattdessen wird sich wohl die Lieferkette neu sortieren. Wenn China Iran mehr Öl abnimmt und dafür weniger aus Russland oder Saudi-Arabien bezieht, können diese Länder mehr an die Europäer liefern. "Ein auf Europa beschränktes Embargo des Iran ließe sich wohl abfedern", sagt Barbara Lambrecht, Rohstoffanalystin der Commerzbank. "Ich denke nicht, dass ein Lieferstopp zu einem Schock in Italien und Griechenland führen würde." Saudi-Arabien könnte als Lieferant einspringen, zudem laufe die Förderung in Libyen wieder gut.

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Reaktion auf EU-Sanktionen: Teherans Warnungen und Waffenspiele

Doch die Iraner haben noch eine weitere Drohung in der Hinterhand: die Blockade der Straße von Hormus. "Das hätte Auswirkungen auf den globalen Markt", sagt Rohstoffanalystin Lambrecht. "Das Damoklesschwert des Iran-Konflikts schwebt über dem gesamten Ölmarkt." Durch die Meeresenge wird das meiste in Saudi-Arabien geförderte Öl transportiert. Eine Blockade der wichtigen Route hätte eine sehr viel längere Lieferzeit und damit auch höhere Kosten zur Folge. Analysten schließen dann bei der Ölsorte Brent selbst einen Preis zwischen 150 und 200 Dollar je Barrel nicht aus.

Aktuell liegt der Preis bei 110 Dollar - nach Einschätzung von DZ-Bank-Analyst Axel Herlinghaus macht der Risikoaufschlag wegen der unsicheren politischen Lage noch immer rund zehn Dollar aus. Die Furcht vor einer Eskalation des Iran-Konflikts hatte den Preis für die Sorte Brent trotz schlechter Konjunktur und eines ungewöhnlich milden Januars zeitweise auf bis zu 115 Dollar getrieben - gut sieben Prozent mehr als noch Ende Dezember.

Damit hat die Regierung in Teheran bereits ein Ziel erreicht, sagt Energieexpertin Westphal. "Iran betreibt das Spiel auch mit Blick auf weltweit steigende Ölpreise, weil das Land damit die USA und Europa treffen kann." Ein iranischer Politiker gab das offen zu. Der geplante Lieferstopp nach Europa werde die Ölpreise für die Europäer in die Höhe treiben, verkündete der Abgeordnete Nasser Sudani.

Doch werden die Iraner auch eine Blockade der Straße von Hormus wagen? "Das halte ich nicht für sehr wahrscheinlich", sagt Westphal. Denn davon wäre auch China betroffen und Teheran könnte seinen wichtigsten Öl-Handelspartner verprellen. "China und Iran werden darauf achten, dass sie ihre guten Beziehungen nicht strapazieren", sagt Westphal.

Trotz aller Provokationen will Ahmadinedschad die Tür zu einer diplomatischen Lösung im Atomstreit nicht ganz zuschlagen. Zwar lehnte er es ab, die Urananreicherung in seinem Land zu stoppen. Doch grundsätzlich erklärte er sich bereit, die Atomgespräche wieder aufzunehmen.

mit Material von Reuters

insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
systembolaget 26.01.2012
1. China profitiert immer...
Zitat von sysopDas Regime in Teheran erhöht die Einsätze im Ölpoker:*Iran droht mit einem sofortigen Lieferstopp nach Europa. Das würde ausgerechnet Krisenländer wie Italien und Griechenland treffen. Profitieren von dem Streit könnte China. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,811676,00.html
...und demokratisch organisierte Staaten und marktwirtschaftlich operierende Unternehmen haben das Nachsehen. Die westliche Welt hat seinen Dealer selbst groß gemacht, und jetzt kommt sie nicht mehr vom chinesischen Stoff (preiswerte Konsumgüter) los; ein Entzug ist nicht mehr möglich. Rohstoffe, Solartechnik, Windkraftanlagentechnik, Iran, Syrien, Afrika - überall geht die Angelegenheit zu Gunsten Chinas aus.
chrimirk 26.01.2012
2. China profitiert?
Zitat von sysopDas Regime in Teheran erhöht die Einsätze im Ölpoker:*Iran droht mit einem sofortigen Lieferstopp nach Europa. Das würde ausgerechnet Krisenländer wie Italien und Griechenland treffen. Profitieren von dem Streit könnte China. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,811676,00.html
Warum denn? Was China an mehr Öl im Iran kauft, braucht es nicht von anderen Lieferanten. Dort bleibt eben mehr übrig für andere. Und was ist mit dem Rohöl aus Libyen? War doch früher ein Hauptlieferant für I + GR. Beim Bürgerkriegsausbruch in Libyen haben die "Experten" auch behauptet, jetzt würde das Rohöl teurer. Alles Gequatsche.
Hape1 26.01.2012
3. ...
Zitat von sysopDas Regime in Teheran erhöht die Einsätze im Ölpoker:*Iran droht mit einem sofortigen Lieferstopp nach Europa. Das würde ausgerechnet Krisenländer wie Italien und Griechenland treffen. Profitieren von dem Streit könnte China. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,811676,00.html
Ich lach mich schlapp.......Iran provoziert ein "Ölpreisschock". Was hat die EU erwartet? Das der Iran brav bis zum Juli liefert während Italien und Griechenland sich in aller Ruhe nach neuen Lieferanten umschauen?
mottasvizzera 26.01.2012
4. Gemach...Gemach...
Zitat von sysopDas Regime in Teheran erhöht die Einsätze im Ölpoker:*Iran droht mit einem sofortigen Lieferstopp nach Europa. Das würde ausgerechnet Krisenländer wie Italien und Griechenland treffen. Profitieren von dem Streit könnte China. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,811676,00.html
... dies hat Libyen mit der Schweiz auch gemacht ! Als Endverbraucher war nichts zu verspüren, dies trotz eigener Raffinerie und Tankstellennetz.
El Plagiator 26.01.2012
5. Prizipientreue Idiotie
Mit dem Embargo schneidet sich Europa ins eigene Fleisch. Iran wird genug Öl im Rest der Welt los. Schlecht wird das Öl auch nicht so das es sich bequem noch in 50 Jahren verkaufen lässt. Ob Saudi Arabien seine eigene Förderquote erhöht oder den Export mit ursprünglich iranischem Öl aufbessert kann auch keiner kontrollieren. Staaten die hauptsächlich vom Ölexport leben, auch Iran, profitiern von dem Embargo durch den steigenden Ölpreis.
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