Konjunktur Arbeitsagentur und Forscher warnen vor kommender Schwäche am Jobmarkt

In Deutschland gab es seit der Wiedervereinigung nicht so wenige Arbeitslose in einem September wie in diesem Jahr. Doch die Bundesagentur für Arbeit und IMK-Forscher sehen Zeichen einer Konjunkturschwäche.
Agentur für Arbeit und Jobcenter in Sangerhausen, Sachsen-Anhalt

Agentur für Arbeit und Jobcenter in Sangerhausen, Sachsen-Anhalt

Foto: Jan Woitas/ dpa

Die Zahl der Arbeitslosen geht zurück, doch Experten warnen vor einer kommenden Schwäche auf dem Arbeitsmarkt. In Deutschland ist die Arbeitslosenzahl im September saisonbedingt auf 2,234 Millionen gesunken. Das ist der niedrigste September-Stand seit der Wiedervereinigung. Damit waren 85.000 Männer und Frauen weniger arbeitslos als im August und 22.000 weniger als im September 2018, teilte die Bundesagentur für Arbeit mit. Die Arbeitslosenquote sank um 0,2 Prozentpunkte auf 4,9 Prozent.

Die Bundesagentur sieht trotz der guten Werte Anzeichen für eine konjunkturelle Schwäche am Arbeitsmarkt. Das Beschäftigungswachstum halte an, verliere aber an Schwung. Die Herbstbelebung auf dem Arbeitsmarkt war beispielsweise vor einem Jahr - mit einem Rückgang im September in Höhe von 94.000 - noch wesentlich deutlicher ausgefallen.

Auch Forscher des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung erwarten baldige Probleme am deutschen Arbeitsmarkt. Das langjährige deutsche Jobwunder ist nach Einschätzung der IMK-Ökonomen bald vorbei. "Die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt verliert deutlich an Fahrt und endet zur Jahreswende", prognostizieren die IMK-Forscher. Sie erwarten, dass die Zahl der Erwerbstätigen 2020 bei 45,2 Millionen Menschen stagniert, nach einem Plus von 380.000 in diesem Jahr.

Während die Zahl der Arbeitslosen 2019 im Jahresschnitt noch um rund 63.000 fallen dürfte, werde sie 2020 um etwa 70.000 auf 2,35 Millionen steigen. Derzeit sorge vor allem die Nachfrage der privaten Haushalte für Schwung. "Wenn die Politik nicht entschlossen gegensteuert, greifen die Bremseffekte nach und nach auf Dienstleistungen, Konsumklima und Arbeitsmarkt über, und es droht der Absturz", warnte IMK-Direktor Sebastian Dullien.

IMK: Private Nachfrage bewahrt Wirtschaft noch vor tiefer Krise

Das IMK kappte wie zuletzt andere Organisationen ihre Wachstumsprognose deutlich. Die deutsche Wirtschaft werde in diesem Jahr nur noch um 0,4 (bisherige Prognose: 1,0) Prozent zulegen und 2020 um 0,7 (1,6) Prozent. "Die konjunkturelle Lage in Deutschland hat sich weiter zugespitzt", betonte Dullien. "Bislang bewahrt aber die private Nachfrage die Wirtschaft noch vor einer echten, tiefen Krise. "Wenn die Löhne und der Konsum derzeit so schwach zulegen würden wie in den 2000er Jahren, wären wir schon seit einiger Zeit wieder in einer Rezession." Denn die exportorientierte Industrie leide unter internationalen Handelskonflikten, dem verlangsamten Wachstum in China und dem Risiko eines harten Brexits.

Das IMK appellierte an die Bundesregierung, die Konjunktur mit Investitionen vor allem in die Infrastruktur zu stabilisieren. Finanziell gebe es genug Spielraum: Die Forscher rechnen trotz des abgeschwächten Wachstums mit einem gesamtstaatlichen Haushaltsüberschuss von knapp 48 Milliarden Euro in diesem Jahr und gut 25 Milliarden Euro 2020.

Mehrere führende deutsche Volkswirte sehen wegen der enormen Risiken - etwa ein ungeregelter Brexit oder die US-Handelspolitik - und wegen der Exportlastigkeit der deutschen Industrie wenig Grund für Optimismus. So geht die Allianz davon aus, dass die konjunkturelle Eintrübung keine schnell vorübergehende Erscheinung ist und länger als nur bis zur Jahreswende anhalten wird. Einige Volkswirte erwarten für das dritte Quartal eine technische Rezession in Deutschland - das ist dann gegeben, wenn die Wirtschaftsleistung in zwei Quartalen in Folge sinkt.

Auch der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, führt die konjunkturelle Schwäche vor allem auf Einwirkungen von außen zurück. "Nach unserer Einschätzung, die wir mit unserem Forschungsinstitut IAB teilen, haben wir es noch nicht mit den Vorboten eines schnelleren Strukturwandels und inländischen Konjunkturproblemen zu tun, sondern vor allem mit Problemen, die durch die Trump-Administration und die Verunsicherung im Exportgeschäft ausgelöst werden", sagte er dem "Handelsblatt".

Weniger Arbeitslose in der Eurozone

In der Eurozone ist die Zahl der Arbeitslosen auf den tiefstem Stand seit elf Jahren gefallen. Im August verringerte sich die saisonbereinigte Erwerbslosenquote im Vergleich zum Juli um 0,1 Prozentpunkte auf 7,4 Prozent, teilte die EU-Statistikbehörde Eurostat mit. Dies war der niedrigste Stand seit Mai 2008.

Auch in der gesamten EU ging die Arbeitslosigkeit weiter zurück: Sie betrug im August noch 6,2 Prozent nach 6,3 Prozent im Juli. Dies ist der niedrigste Wert seit Beginn der monatlichen EU-Aufzeichnungen im Januar 2000. Damit waren in der EU aus 28 Staaten laut Eurostat im August noch 15,43 Millionen Männer und Frauen ohne Job, in den 19 Staaten der Eurozone waren es 12,17 Millionen. In beiden Fällen ging die Zahl der Erwerbslosen im Vergleich zum Juli um gut 110.000 zurück.

Unter den Mitgliedstaaten hatte Tschechien mit 2,0 Prozent weiter die mit Abstand niedrigste Arbeitslosenquote. Auf Platz zwei folgte Deutschland (3,1 Prozent). Die höchsten Quoten verzeichneten weiter Griechenland (17,0 Prozent nach Daten vom Juni) und Spanien (13,8 Prozent).

kig/dpa-AFX/AFP/Reuters