Herbstgutachten Wirtschaftsforscher rechnen nur noch mit 0,5 Prozent Wachstum

Handelskonflikte und Brexit belasten die deutsche Wirtschaft immer mehr. Nun haben die führenden Wirtschaftsinstitute ihre Prognose für Deutschland deutlich gesenkt - und fordern eine Abkehr von der schwarzen Null.

Blick in die Produktion bei VW in Wolfsburg: Wissenschaftler gehen nur noch von 0,5 Prozent Wachstum aus
Sean Gallup/ Getty Images

Blick in die Produktion bei VW in Wolfsburg: Wissenschaftler gehen nur noch von 0,5 Prozent Wachstum aus


Führende Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland blicken skeptischer auf die deutsche Konjunktur. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde 2019 nur um 0,5 Prozent und 2020 um 1,1 Prozent steigen, teilten die Institute in ihrem Herbstgutachten mit. Im Frühjahr waren die Institute noch von einem Wachstum von 0,8 und 1,8 Prozent ausgegangen.

"Die Industrie befindet sich in der Rezession, ihre Produktion ist seit gut eineinhalb Jahren rückläufig, was maßgeblich für die konjunkturelle Schwäche ist", heißt es in dem Gutachten. Diese Flaute strahle allmählich auch auf unternehmensnahe Dienstleister aus. Sie kritisierten Finanzminister Olaf Scholz (SPD) dafür, trotz Konjunkturschwäche keine neuen Schulden zu machen.

Die Forscher schreiben: "Ein Festhalten an der schwarzen Null wäre (...) schädlich." Um die Konjunktur zu stabilisieren, müsse der öffentliche Haushalt atmen, dafür biete auch die Schuldenbremse Spielraum. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte bereits vor Monaten mehr staatlichen Einsatz gefordert.

Kein Anlass für Aktionismus

Die sogenannte Gemeinschaftsdiagnose dient der Bundesregierung als Basis für ihre eigenen Projektionen, die wiederum die Grundlage für die Steuerschätzung bilden. Erarbeitet wird das Gutachten vom RWI in Essen, vom DIW in Berlin, vom Ifo-Institut in München, vom IfW in Kiel und vom IWH in Halle. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will sich noch im Lauf des Vormittags zum neuen Gutachten äußern. Auch die Bundesregierung rechnet in diesem Jahr nur noch mit einem Plus von 0,5 Prozent, für das kommende Jahr sollen es immerhin wieder 1,5 Prozent sein.

Als Hauptgründe nennen die Institute Handelskonflikte der USA mit China und der EU - sowie die Unklarheit über die zukünftigen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Großbritannien und der EU. Diese hätten die Unsicherheit erhöht: "Mit negativen Folgen für die Investitionen weltweit."

Nach dem Schrumpfen der Wirtschaft im Frühjahr dürfte das BIP auch im abgelaufenen dritten Quartal gesunken sein, prognostizierten die Ökonomen. Sie sagten aber auch: "Eine Konjunkturkrise mit einer ausgeprägten Unterauslastung der deutschen Wirtschaft ist trotz rückläufiger Wirtschaftsleistung im Sommerhalbjahr 2019 nicht zu erwarten."

Konjunkturprogramme wie eine neue Abwrackprämie halten die Institute daher nicht für nötig. Es bestehe "derzeit kein Anlass für konjunkturpolitischen Aktionismus".

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Mitarbeiter von Civey arbeiten für die Auswertungen lediglich mit User-IDs und können die Nutzer nicht mit ihrer Abstimmung in Verbindung bringen. Die persönlichen Angaben der Nutzer dienen vor allem dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden. Darüber hinaus arbeitet Civey mit externen Partnern zusammen, die Zielgruppen für Werbetreibende erstellen. Nur wenn Nutzer die Datenschutzerklärung sowohl von Civey als auch von einem externen Partner akzeptiert haben, dürfen Ihre Antworten vom Partner zur Modellierung dieser Zielgruppen genutzt werden. Ein Partner erhält aber keine Informationen zu Ihren politischen und religiösen Einstellungen sowie solche, mit denen Sie identifiziert werden können. Civey-Nutzer werden auch nicht auf Basis ihrer Antworten mit Werbung bespielt. Der Weitergabe an Partner können Sie als eingeloggter Nutzer jederzeit hier widersprechen. Mehr Informationen zum Datenschutz bei Civey finden Sie hier.
Wer steckt hinter Civey-Umfragen?
An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

apr/Reuters/AFP



insgesamt 68 Beiträge
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niroclean 02.10.2019
1. ...na und?
Es läuft überall noch respektabel - das Handwerk ist sehr gut ausgelastet und die Industrie wird nach den vielen fetten Jahren auch mal mit etwas weniger Wachstum auskommen. Jetzt hat man etwas Luft sich um Innovationen/Neuentwicklungen zu kümmern. Wenn Brexit und Handelskrise sich aufklären geht es sicherlich auch wieder besser.
frankfurtbeat 02.10.2019
2. noch ...
noch ist der Himmel bedeckt aber ich denke es wird heftiger Wind aufkommen und dann sind die dunklen Wolken plötzlich da ... Zum einen ist ein Wachstum wie in den vergangenen Jahren überhitzt und tatsächlich nicht zielführend. Die EZB wirft ohne Ende digitales Geld in den Markt, keine Zinsen auf Guthaben und minimale Zinsen auf Kredite. Die Krise aus 2008 ist weder abgearbeitet noch bearbeitet sondern lediglich auf später geschoben worden. Banken spielen wieder mit üblen Papierprodukten und Geld überschwemmt die Märkte. Alle kaufen Immobilien zu hohen Preisen und besten Kreditzinsen ... der Staat spart sich zur schwarzen Null mit allen Konsequenzen ... der Weltmarkthandel geht zurück, Investitionen, Projekte werden in die Zukunft verlegt oder gleich komplett gestrichen. Wirtschaftsjunkies prophezeien einen Megacrash für 2020 ... nicht ganz ohne der Gedanke - aktuell noch graue Wolken aber das kann sich schnell ändern und das während die meisten Menschen gar nicht so weit voraus denken - alles bleibt so wie immer ... klar positiv denken - zumal wenn man einen gut bezahlten job hat der die aktuellen Kredite abdeckt.
zyj34514 02.10.2019
3. Irrtum vorbehalten
Erfahrungsgemäß sind die Prognosen der sog. Wirtschaftsweisen i.d.R. falsch. Warum also jetzt daraus irgendwelche Schlüsse ziehen. Wie immer weden die üblichen Verdächtigen ihr immer wieder Gehörtes zu Protokoll geben: Lindner: Steuern senken, Soli abschaffen, Wirtschaft entlaten, CDU/CSU: Konjuntumassnahmen erforderlich, der Mittelstand muss unterstützt werden, SPD: Arbeitsplätze, Grüne: invstieren in Eneuerbare, Linkspartei hat dazu keine Meinung und AFD: Kosten senken durch Abschiebungen. Wozu das Ganze, wenn doch nur Schaufensterpolitik folgt?
fredotorpedo 02.10.2019
4. Was gilt denn nun?
Wird das BIP in 2019 um 0,5 und 2020 um 1,1% wachsen oder sinkt es? Da sollte sich der Kommentator schon klar ausdrücken. Wir befinden uns zZ auf einem solch hohen wirtschaftlichen Niveau, dass selbst ich als kleiner Bürger Probleme habe, Handwerker für Kleinarbeiten im Haus zu finden. Und wenn das BIP sowohl dieses als auch nächstes Jahr weiter steigt, wenn auch auf niedrigem Niveau, dann wüsste ich nicht, wieso man es durch zusätzliche schuldenfinanzierte Investitionen wieder zum Kochen bringen sollte. Offensichtlich ist das Motto bei SPON " Wachstum um jeden Preis - die Zeche zahlen die Folgegenerationen". Zudem hatten das ständige Drängen auf Schuldenmachen, weil die Zinsen so niedrig sind auch Auswirkungen auf viele Privathaushalte. Dort wird man dies in vielen Fällen befolgen und in wenigen Jahren mit einem schwer abbaubarem Schuldenberg aufwachen.
susanne.koch 02.10.2019
5. Das ist der Beginn.
Die Exporte sind rückläufig. Und Deutschland hat eine Exportquote von ca. 50%. Das Inland kann da nicht ausgleichen.
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