Konjunktur in Deutschland Rezessionsangst erreicht Jobmarkt

Sinkender Konsum, wachsender Pessimismus bei Unternehmern: Die Warnsignale für einen Wirtschaftsabschwung in Deutschland verdichten sich. Nun sinkt bereits der Bedarf an neuen Mitarbeitern.

Beschäftigter im Maschinenbau (Archivbild): "Im gegenwärtigen Konjunkturabschwung erwarten die Arbeitsagenturen stärkeren Gegenwind"
Hannibal Hanschke/ REUTERS

Beschäftigter im Maschinenbau (Archivbild): "Im gegenwärtigen Konjunkturabschwung erwarten die Arbeitsagenturen stärkeren Gegenwind"


Die schwächere Konjunktur macht sich auf Deutschlands Jobmarkt bemerkbar. Laut Bundesagentur für Arbeit ist die Nachfrage nach Mitarbeitern in vielen Betrieben bereits deutlich gesunken.

Das entsprechende Stellenbarometer von Deutschlands oberster Jobvermittlungsbehörde sank demnach im Juli auf den niedrigsten Stand seit knapp zwei Jahren. "Die Nachfrage nach neuen Mitarbeitern befindet sich damit auf hohem Niveau, wird aber merklich schwächer", teilte die Behörde mit.

Als Hauptgründe nannten die Experten der Bundesagentur die schwächere Weltkonjunktur, den von US-Präsident Donald Trump angefachten Handelsstreit und den Brexit.

Die Abkühlung betrifft nicht den kompletten Jobmarkt. Vor allem in den Branchen, die stark von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung abhängen, seien die Stellenmeldungen im Vergleich zum Vorjahr deutlich rückläufig, hieß es.

Besonders betroffen sind demnach die Sektoren Verkehr und Logistik, Verarbeitendes Gewerbe sowie Handel und Zeitarbeit. In der Öffentlichen Verwaltung, dem Bereich Erziehung und Unterricht sowie dem Gesundheits- und Sozialwesen, steige die Nachfrage nach neuen Mitarbeitern dagegen weiterhin. Zumindest im Moment noch.

Jobvermittler rechnen mit steigenden Arbeitslosenzahlen

In den kommenden Monaten rechnen Experten mit einer weiteren Eintrübung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Im Herbst müsse mit steigenden Arbeitslosenzahlen gerechnet werden, teilte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) am Montag mit. Es beruft sich auf eine monatliche Befragung der Chefs der 156 deutschen Arbeitsagenturen.

"Im gegenwärtigen Konjunkturabschwung erwarten die Arbeitsagenturen stärkeren Gegenwind", sagte IAB-Forscher Enzo Weber. Vermittlungen in konjunkturabhängige Bereiche wie die Zeitarbeit würden schwieriger.

Hinweise auf Entlassungswellen, wie sie aktuelle Meldungen über Stellenabbau bei Großkonzernen vermuten ließen, sieht der Forscher indes nicht. Solche Einzelaktionen seien nicht repräsentativ für den Arbeitsmarkt, sagte Weber. Die Entlassungsquote sei seit der Wiedervereinigung noch nie so niedrig gewesen wie jetzt.

Konsumklima sinkt zum dritten Mal in Folge

Die sich abschwächende Konjunktur lässt die Bundesbürger auch beim Geldausgeben vorsichtiger werden. Laut der vom Marktforschungsinstitut GfK monatlich erstellten Konsumklimastudie nahm die Kauflaune der Verbraucher im Juli zum dritten Mal in Folge ab.

"Die Stimmung der Verbraucher zeigt in diesem Monat ein weniger optimistisches Bild", teilte die GfK am Dienstag in Nürnberg mit. Für August prognostizieren die Marktforscher einen Rückgang beim Konsumklima um 0,1 Punkte auf 9,7 Zähler nach 9,8 Punkten im Juli. Das ist der niedrigste Wert seit April 2017.

Trotz des aktuellen Dämpfers bleibe die Binnennachfrage in diesem Jahr eine wichtige Stütze der deutschen Konjunktur, betonte GfK-Konsumklimaexperte Rolf Bürkl. Für das Gesamtjahr gehe er bisher weiter von einem Anstieg der privaten Konsumausgaben um etwa 1,5 Prozent aus - im vergangenen Jahr lag das Plus bei 1,1 Prozent.

Stimmung in deutscher Wirtschaft auf Sechs-Jahres-Tief

In der vergangenen Woche war bereits der wichtigste Indikator für die deutsche Wirtschaft, der Ifo-Index, auf den tiefsten Stand seit April 2013 gefallen. Mit einer Besserung der Lage sei vorerst nicht zu rechnen, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Denn die Unternehmer blickten auch pessimistischer auf die kommenden sechs Monate. Vor allem im verarbeitenden Gewerbe sei der Ifo-Index im freien Fall.

Das Wirtschaftsbarometer "stimmt die deutsche Wirtschaft auf eine Rezession ein", sagte auch Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank.

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Mitarbeiter von Civey arbeiten für die Auswertungen lediglich mit User-IDs und können die Nutzer nicht mit ihrer Abstimmung in Verbindung bringen. Die persönlichen Angaben der Nutzer dienen vor allem dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden. Darüber hinaus arbeitet Civey mit externen Partnern zusammen, die Zielgruppen für Werbetreibende erstellen. Nur wenn Nutzer die Datenschutzerklärung sowohl von Civey als auch von einem externen Partner akzeptiert haben, dürfen Ihre Antworten vom Partner zur Modellierung dieser Zielgruppen genutzt werden. Ein Partner erhält aber keine Informationen zu Ihren politischen und religiösen Einstellungen sowie solche, mit denen Sie identifiziert werden können. Civey-Nutzer werden auch nicht auf Basis ihrer Antworten mit Werbung bespielt. Der Weitergabe an Partner können Sie als eingeloggter Nutzer jederzeit hier widersprechen. Mehr Informationen zum Datenschutz bei Civey finden Sie hier.
Wer steckt hinter Civey-Umfragen?
An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

ssu/dpa/Reuters



insgesamt 92 Beiträge
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hanfried.maier 30.07.2019
1. Man hofft auf Dumpinglöhne
...
Politikverdrossener24 30.07.2019
2. EZB hat ihr Pulver verschossen
Jawohl. Und die EZB hat ihr gesamtes Pulver verschossen. Die Enteignungsphase mit -0,4% Zinsen als Vorläufer der Währungsreform hat bereits begonnen. Diese Schraube wird nun weiter gedreht werden. Eine Währungsreform ist ein langer Prozess... Bin gespannt ob das Bundesverfassungsgericht mit den anhängigen beiden Klagen sich Gegenstemmt. Ansonsten kann man die Frage stellen, was das Recht auf Eigentum im Grundgesetz wert ist. Ach ja, Inflation setzt Knappheit voraus. Knapp sind z.B. Immobilien. Die Geldflutung tut schon ihre Wirkung, nur treibt sie in rascher Geschwindigkeit einen Keil zwischen Wohlhabenden und weniger Wohlhabenden. Gesellschaftspolitischer Zündstoff, der zur Radikalisierung führt.
schwarzmalergelb 30.07.2019
3. Sinkt auch der Bedarf nach Journalisten!
Pessimismus verbreiten, das können Journalisten besonders gut. Mal schauen wenn die Werbeanzeigen zurückgehen, ob das dann auch noch sensationslüstern klingt!
ayberger 30.07.2019
4. Der Startschuß für
das Platzen der Immobilienblase, der Börsenblase - und für mehr Umweltschutz: Weniger Autos und SUVs, weniger Fahrten und Flüge, weniger Verbrauch und Konsum, Schonung der Rohstoffe -gut so, die Rezession = eine heilende wohltuende Zeit - mal nachdenken ...
photoshop.info 30.07.2019
5. Schade
jetzt wo Merkels Fachkräfte zu Hunderttausenden im Land angekommen sind. Ich bin neugierig, welche Lösung die Regierung hinsichtlich Integration ins Arbeitsleben parat hat.
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