Frühjahrsprognose für Europa Wirtschaft in Eurozone könnte um 7,7 Prozent einbrechen

Die EU-Kommission prognostiziert durch die Coronakrise für dieses Jahr einen drastischen Rückgang der Wirtschaftsleistung in allen Mitgliedstaaten. 2021 soll es wieder aufwärtsgehen.
Containerschiff im Hafen von Piräus: In Griechenland könnte die Wirtschaft bis zu knapp zehn Prozent einbrechen

Containerschiff im Hafen von Piräus: In Griechenland könnte die Wirtschaft bis zu knapp zehn Prozent einbrechen

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XinHua/ DPA

Die EU und ihre Mitgliedstaaten versuchen mit riesigen Summen, die Wirtschaft am Leben zu halten. 3,4 Billionen Euro an Hilfen und Garantien sind bereits zugesagt worden. Dennoch droht die Wirtschaftsleistung in Europa drastisch einzubrechen: Die EU-Kommission rechnet in ihrer aktuellen Frühjahrsprognose für das Jahr 2020 mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung innerhalb der EU von rund 7,4 Prozent.

Rückgänge gibt es demnach in allen Mitgliedstaaten. Innerhalb der Eurozone prognostiziert die Kommission sogar ein Minus von 7,7 Prozent.

Die EU-Kommission spricht von einer drohenden Rezession "historischen Ausmaßes". "Europa erlebt einen ökonomischen Schock, wie es ihn seit der großen Depression nicht mehr gegeben hat", sagte Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni. Die Prognose passt zu der Einschätzung, die Gentiloni bereits Ende April in einem SPIEGEL-Interview vorgenommen hatte.

EU-Kommissar Dombrovskis: "Gemeinsam sind wir stärker"

Zur aktuellen Vorhersage sagte EU-Vizekommissionspräsident Valdis Dombrovskis: "In diesem Stadium können wir das Ausmaß und die Schwere des Coronavirus-Schocks für unsere Volkswirtschaften nur vorläufig skizzieren." Die Folgen für die Weltwirtschaft seien bereits jetzt weitaus einschneidender als durch die internationale Finanzkrise 2007/8, und die weitere Entwicklung der Pandemie werde die Möglichkeiten für einen wirtschaftlichen Neustart bestimmen.

Dombrovskis sprach von einem "symmetrischen Schock", der alle EU-Länder betreffe. Die gemeinschaftliche Erholung werde von "anhaltend starken und koordinierten Antworten auf EU- und nationaler Ebene" abhängen. Sein Appell: "Gemeinsam sind wir stärker".

Das könnte auch auf den Streit unter den Mitgliedstaaten über ein Wiederaufbau-Programm bezogen sein, das für Investitionen nach der Krise nochmals eine Billionensumme mobilisieren soll. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen will bis Mitte Mai einen konsensfähigen Plan vorlegen.

Mit einer Wiederbelebung der Wirtschaft rechnet die EU-Kommission für 2021. Die Wirtschaftsleistung der 19 Länder der Eurozone könnte dann um 6,3 Prozent zulegen. Für die 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union prognostiziert die Kommission beim Bruttoinlandsprodukt ein Wachstum von etwa sechs Prozent.

Die Länder sind von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie unterschiedlich stark getroffen. Während sich das Minus laut Prognose 2020 in Polen wohl auf rund vier Prozent belaufen wird, könnten es in Griechenland knapp zehn Prozent sein.

Für Deutschland hatte die Bundesregierung vergangene Woche bereits ihre Frühjahrsprognose vorgelegt. Sie rechnet hierzulande mit der schwersten Rezession der Nachkriegszeit. Sie geht von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 6,3 Prozent aus - die EU-Kommission ist in ihrer aktuellen Prognose sogar noch etwas skeptischer und schreibt von minus 6,5 Prozent.

Junge Leute dürften es schwer haben, einen ersten Job zu finden

Auch die Erholung unter den Mitgliedstaaten fällt laut EU-Prognose 2021 verschieden aus. Wichtige Faktoren seien das Tempo bei der Aufhebung der Corona-Auflagen, die Abhängigkeit der Volkswirtschaften vom Tourismus und die finanziellen Spielräume im Haushalt. Diese Ungleichheit bedrohe die Einheit des Binnenmarkts und der Eurozone. Gentiloni sagte: "Wir müssen diese Herausforderung bewältigen."

Die Investitionen und der Arbeitsmarkt werden sich nach Prognose der EU-Kommission auch 2021 nicht überall vollständig erholen:

Mit dem Absacken der Wirtschaft dürfte zudem auch die Arbeitslosenquote zulegen. Für die Eurozone geht die EU-Kommission von einem Anstieg von 7,5 Prozent 2019 auf 9,5 Prozent 2020 aus. Für nächstes Jahr wird ein Rückgang auf 8,5 Prozent erwartet. Für die gesamte EU wird ein Anstieg von 6,7 Prozent im vergangenen Jahr, auf rund neun Prozent in diesem vorhergesagt. 2021 soll die Rate bei acht Prozent liegen. Vor allem junge Leute dürften es viel schwerer haben, einen ersten Job zu finden, teilte die Kommission mit.

Die Inflation wird der Prognose zufolge stark zurückgehen. Die Teuerungsrate in der Eurozone, die mit dem sogenannten harmonisierten Index der Verbraucherpreise gemessen wird, wird für 2020 mit 0,2 Prozent angesetzt und für 2021 dann mit 1,1 Prozent. Für die EU insgesamt sind die entsprechenden Werte 0,6 Prozent in diesem und 1,3 Prozent im nächsten Jahr.

Weil die Mitgliedstaaten zur Krisenbewältigung Milliarden ausgeben, werden die Defizite der EU-Kommission zufolge stark steigen. Der aggregierte Wert für das Staatsdefizit aller Mitgliedstaaten, das 2019 nur noch bei 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts lag, wird demnach 2020 auf 8,5 Prozent in die Höhe schnellen. Für 2021 wird dann ein Wert von 3,5 Prozent erwartet.

Der Schuldenstand der Euroländer insgesamt wird damit laut Prognose von 86 Prozent 2019 auf rund 103 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Erlaubt sind in der EU eigentlich nur 60 Prozent des BIP, doch wurden die Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspakts quasi außer Kraft gesetzt.

Anmerkung der Redaktion: Die EU-Kommission hat die BIP-Werte um Stellen nach dem Komma präzisiert. Die Werte im Text wurden entsprechend angepasst.

apr/dpa
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