Wirtschaftsprognosen Rechnen ist genauer als raten - wenigstens ein bisschen

Konjunkturprognosen beeinflussen Politik und Wirtschaft stark. Doch wie treffsicher sind die Vorhersagen überhaupt? Wissenschaftler haben für SPIEGEL ONLINE Prognosen seit 1971 ausgewertet und zeigen, wo die größten Fehler lauern.
Containerschiff in Hamburg: Sind Konjunkturprognosen wirklich besser als blindes Raten?

Containerschiff in Hamburg: Sind Konjunkturprognosen wirklich besser als blindes Raten?

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / dpa

Wer verspricht, das Wirtschaftswachstum vorhersagen zu können, braucht für Spott nicht zu sorgen: Ein Affe, der mit Dartpfeilen auf Zahlen wirft, könne das besser als sämtliche wissenschaftlichen Konjunkturabteilungen, heißt es oft.

Allerdings: Dass ein Institut in einem einzelnen Jahr richtig oder falsch liegt, lässt keinerlei Schluss über die Qualität seiner Vorhersage zu. Denn die Prognostiker können schlicht Glück oder auch Pech gehabt haben.

Wissenschaftler der Uni Hamburg und der Hochschule Merseburg haben das genauer untersucht und für SPIEGEL ONLINE 17 Konjunkturprognosen seit 1971 ausgewertet. Ihre Ergebnisse sind statistisch deutlich aussagekräftiger als kurzfristige Analysen.

Das Fazit: "Wir brauchen Prognosen", sagt Volkswirt Ulrich Fritsche im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Einfach nur zu raten, wäre ungenauer. Die Zahlen legen aber auch nahe: Wie gut die Vorhersage ist, hängt weniger vom Institut als vielmehr vom Zeitpunkt der Prognose ab. "Es zeigt sich, dass die Prognosen systematisch besser werden, je später sie gemacht werden", sagt Fritsche.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Zur Person

Ulrich Fritsche ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. Zusammen mit seinem Kollegen Jörg Döpke von der Hochschule Merseburg hat Fritsche die Daten von Konjunkturprognosen aus fünf Jahrzehnten zusammen getragen.

SPIEGEL ONLINE: Konjunkturprognostiker müssen sich einiges anhören: Ihre Prognosen seien unnütz - stattdessen könne man das Wirtschaftswachstum auch raten. Stimmt das?

Fritsche: Schauen wir in die Daten. Die Grafik zeigt exemplarisch den Fehler der Gemeinschaftsdiagnose im Herbst und den Fehler einer naiven Prognose. Diese nimmt für das kommende Jahr das Wachstum im vorausgegangen Jahr an. Wir sehen: In etwa zwei Drittel der Jahre seit 1971 ist die Konjunkturprognose besser als die naive Variante. Es lohnt sich also, nicht nur zu raten.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegen denn die Probleme der Prognosen?

Fritsche: Die größte Schwäche der Konjunkturprognosen ist, dass sie die Wendepunkte verpassen - dann, wenn eine Wirtschaftskrise kommt und die Wirtschaft in die Rezession übergeht. Das war in den Siebzigerjahren so, in den Neunzigern und auch bei der Finanzkrise.

Es sind zwar eine Reihe von Indikatoren für eine Rezession bekannt. Auf welchen Zeitraum sich diese auswirken und mit welcher Stärke, das ist aber schwierig vorherzusagen. Dazu kommt, dass kein Prognostiker gerne eine Rezession prophezeien möchte, die dann nicht eintritt.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Prognosen sind grundsätzlich zu positiv?

Fritsche: Nein. Wenn man über einen langen Zeitraum schaut, gleichen sich Abweichungen nach oben und nach unten ziemlich gut aus.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich die Fehler in der Grafik anschaut, liegen diese zum Teil bei mehreren Prozentpunkten. Macht eine Prognose auf einen Zehntelprozentpunkt, wie sie ja veröffentlicht werden, überhaupt Sinn?

Fritsche: Nein. Die Politik und die Öffentlichkeit möchten diese Genauigkeit aus unterschiedlichen Gründen haben. Die Politik nutzt die Konjunkturprognose zum Beispiel für die Planung des Haushalts. Aber eigentlich haben die Prognosen diese Genauigkeit nicht. Auch die Öffentlichkeit übt einen starken Druck aus, möglichst genaue Punktprognosen haben zu wollen. Dabei wäre es oft sinnvoller, sich wie bei der Regenprognose an der Wahrscheinlichkeit zu orientieren, ob am nächsten Tag ein Schirm nützlich sein könnte.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Prognosen in den vergangenen Jahrzehnten besser geworden?

Fritsche: Das zeigt die zweite Grafik. Hier sind 17 verschiedene Prognosen für alle Jahre seit 1971 eingeflossen. Der Fehler bezieht sich jeweils auf den Zeitraum der vergangenen zehn Jahre. Man kann beobachten: Der Prognosefehler wurde im Durchschnitt kleiner. Auch die Spanne zwischen der besten und der schlechtesten Prognose ist kleiner geworden. Das gilt aber nur bis zur Finanzkrise.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommen die Veränderungen?

Fritsche: Vor allem ist die Verfügbarkeit der Daten besser geworden. Heute gibt es beispielsweise sehr viel mehr Umfragen zur Lage der Unternehmen als früher. Hingegen ist die Wirtschaft international stärker vernetzt. Das erschwert wiederum die Prognose.

Viele Institute, zum Beispiel die Europäische Zentralbank oder die Europäische Kommission, berechnen das Wirtschaftswachstum heute mit mehreren Modellen. Aus den Ergebnissen wird dann ein Mittelwert gebildet. Allerdings kommt es weiter zu einem nicht unerheblichen Teil auf das Bauchgefühl des Prognostikers an. Wie bewerte ich subjektiv welche Zahlen? Mit welcher Bedeutung fließt welches Modell in den Mittelwert ein?

SPIEGEL ONLINE: Jahr für Jahr wird versucht, den besten Prognostiker des Jahres zu finden. Gibt es ein Institut, das systematisch besser ist als die anderen?

Fritsche: Das ist sehr schwer zu sagen. Man kann für bestimmte Perioden zeigen, dass jemand für einige Jahre besser ist als der Rest. Das ist aber weder in der Zeit stabil noch statistisch besonders belastbar.

Ein Problem: Die Prognosen werden zu unterschiedlichen Zeitpunkten gemacht. Das zeigt die nächste Grafik. Bei den Gutachten im Herbst des Vorjahres ist der Prognosehorizont mit 15 Monaten am größten, bei den Frühjahrsgutachten mit acht Monaten am kleinsten. Es zeigt sich, dass die Prognosen systematisch besser werden, je später sie gemacht werden. Bei gleichem Prognosehorizont sind die Unterschiede zwischen den Instituten klein.

SPIEGEL ONLINE: Was können wir aus den Prognosen lernen?

Fritsche: Wir brauchen Prognosen. Unsere heutigen Entscheidungen hängen von den Erwartungen an die Zukunft ab. Dafür sind Prognosen ein sinnvolles Hilfsmittel. Sie lassen eine Tendenz erkennen und stecken die Eckdaten ab. Für den Einzelnen ist es sinnvoll, sich nicht eine einzelne Prognose anzuschauen, sondern sogenannte Konsens-Vorhersagen. Diese setzen sich aus mehreren einzelnen Prognosen zusammen. Unter bestimmten Voraussetzungen minimiert das den Fehler.

SPIEGEL ONLINE: Und was nicht?

Fritsche: Die Abschwünge konnten bisher nie richtig vorhergesagt werden, da hilft auch die Konsens-Vorhersage nichts. Wenn alle die Rezession verpassen, tut die Konsens-Vorhersage es auch. Das müssen sich die Prognostiker weiter ins Aufgabenbuch schreiben.