Konjunkturwende Wachstum ohne Wohlstand

Die Konjunktur erholt sich - doch die Mehrheit der Menschen dürfte den Aufschwung kaum spüren. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt: Selbst bei kräftigem Wachstum kann das reale Einkommen der Haushalte sinken, warnt der Ökonom Sebastian Dullien.
Obdachloser in Kanada: Wie misst man das Wohlergehen der Menschen wirklich?

Obdachloser in Kanada: Wie misst man das Wohlergehen der Menschen wirklich?

Foto: Jonathan Hayward/ AP

Wenn sich diese Woche die Staats- und Regierungschefs der 20 wirtschaftlich wichtigsten Länder der Welt (G20) in Pittsburgh treffen, ist erst einmal Aufatmen angesagt: Die globale Wirtschaft wächst wieder. Alle Indikatoren deuten darauf hin, dass die tiefste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg beendet ist. Nach gängigen Prognosen dürfte das Bruttoinlandsprodukt in allen wichtigen Ländern 2010 wieder deutlich zulegen. Doch leider bedeutet das noch lange nicht, dass es damit auch den Menschen besser gehen wird - im Gegenteil: Trotz des Wachstums dürfte der Wohlstand der breiten Masse eher schrumpfen als zunehmen.

Seit Jahren ist bekannt, dass die Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt bestenfalls eine Annäherung an das tatsächliche Wohlergehen der Menschen darstellen. Erst kürzlich legte eine Kommission unter Leitung der beiden Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen im Auftrag des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy ein fast 300 Seiten starkes Gutachten zu diesem Thema vor. Ihr Fazit: Das Bruttoinlandsprodukt ist eine wichtige Größe, um Wirtschaftsaktivität abzubilden, zur Wohlstandsmessung taugt es aber nur sehr begrenzt.

So misst das Bruttoinlandsprodukt zwar den Wert aller produzierten Güter und Dienstleistungen, vernachlässigt aber völlig, wer in einer Volkswirtschaft diese Waren zu welchem Zweck verbraucht. Ein kräftiger Anstieg des Einkommens eines reichen Milliardärs mag das Bruttoinlandsprodukt in die Höhe treiben, selbst wenn die Einkommen von Millionen stagnieren oder leicht fallen - und damit der Wohlstand der breiten Masse nicht steigt. Auch Dinge wie Lebenserwartung, der Gesundheitszustand der Menschen, die Umweltverschmutzung oder nervtötende Zeitverschwendung etwa im Stau werden im Bruttoinlandsprodukt nicht gemessen.

Zwar gibt es keinen einheitlichen Indikator, der die Erkenntnisse der Stiglitz-Sen-Kommission bündelt. Doch schon anhand einfach verfügbarer Daten deutet sich an, dass in vielen G-20-Ländern, darunter Deutschland und den USA, selbst der vergangene Aufschwung bis zum Ausbruch der Finanzkrise 2008 den Wohlstand nicht gemehrt hat.

Die Nettolöhne schrumpfen inflationsbereinigt

So schlägt die Stiglitz-Sen-Kommission unter anderem vor, sich vor Betrachtung eines durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens zu trennen und stattdessen zu untersuchen, was sich der typische Haushalt - also jener, der sich genau in der Mitte der Einkommensverteilung befindet - ganz real von seinem Einkommen leisten kann.

Nach diesem Maß schneidet sowohl die US-Wirtschaft als auch die deutsche Wirtschaft für die Jahre bis 2007 nicht gut ab. Der typische US-Haushalt, im Fachjargon "Median-Haushalt" genannt, konnte sich 2007, also unmittelbar vor der Krise, weniger Waren leisten als 2000. Die Daten für Deutschland sind weniger detailliert, doch auch bei uns deutet vieles darauf hin, dass es einem typischen Haushalt selbst vor dem Ausbruch der Krise nicht besser ging als 2001. Trotz Einkommensteuersenkungen in den Schröder-Jahren lag die Summe der Nettolöhne und -gehälter in Deutschland Ende 2008 inflationsbereinigt etwa 3,5 Prozent niedriger als sieben Jahre zuvor.

Da gleichzeitig auch die Transferleistungen des Staates nicht mit der Inflation mithielten, fielen die sogenannten Masseneinkommen - also Löhne, Gehälter und Transfers - in den sieben Jahren um insgesamt fast fünf Prozent. Ein Teil dieses Rückgangs mag durch höhere Gewinnausschüttungen wie Dividenden für Aktienanleger wettgemacht worden sein, für den typischen Haushalt dürften diese aber kaum den Verlust an Kaufkraft durch sinkende Reallöhne wettgemacht haben.

Anders ausgedrückt: Obwohl die US-Wirtschaftsleistung von 2001 bis 2008 inflationsbereinigt um rund 2000 Milliarden Dollar und die deutsche Wirtschaftsleistung um rund 200 Milliarden Euro wuchs, konnte sich die breite Masse nicht mehr Waren und Dienstleistungen leisten.

Für die breiten Massen ein verlorenes Jahrzehnt

Laut Stiglitz und Sen kann natürlich trotz stagnierenden Konsums der Wohlstand steigen, wenn sich andere Lebensumstände bessern, etwa die Lebenserwartung oder die Bildungschancen. In Deutschland und den USA hat sich allerdings auch auf diesen beiden Feldern in den vergangenen Jahren die Lebensqualität nicht wirklich verbessert. So legte der "Human Development Index" der Vereinten Nationen, der neben Einkommen auch Lebenserwartung und Bildungsstand abbildet, für die beiden Länder seit 2000 nur minimal zu - im Gegensatz zu den Jahren 1990 bis 2000, als sich sowohl in Deutschland wie auch in den USA die Lebensbedingungen spürbar besserten.

Kurz: Trotz des durchaus kräftigen Wirtschaftswachstums in den Jahren bis 2008 war die Zeit seit der Jahrtausendwende für die breiten Massen ein verlorenes Jahrzehnt.

Was schon im Boom vor der US-Subprime-Krise nicht geklappt hat, könnte in den kommenden Jahren noch schwieriger werden. Zum ersten dürfte sich die Konjunkturwende im kommenden Jahr kaum in steigenden verfügbaren Einkommen für Durchschnittshaushalte bemerkbar machen: Der Arbeitsplatzabbau ist noch lange nicht beendet. Noch immer hinken die Entlassungen in Deutschland dem Einbruch der Wirtschaftsleistung hinterher. Selbst wenn die Wirtschaft 2010 wieder um zwei bis drei Prozent wächst, dürfte die Arbeitslosigkeit über das Jahr noch spürbar zulegen - und damit die verfügbaren Einkommen fallen.

Staatsschulden kommen einigen wenigen Reichen zugute

Auch von steigenden Tarifverdiensten dürften die Menschen kaum profitieren: Unter dem Eindruck wachsender Arbeitslosigkeit und schlechter Ertragssituationen der Unternehmen stehen spürbare Lohnerhöhungen nirgendwo auf der Agenda.

Zu guter Letzt dürfte sich der Staat in den kommenden Jahren gezwungen sehen, seine Leistungen für die Bürger zu beschneiden oder zumindest Gebühren etwa für Kindergärten und Ähnliches zu erhöhen. Zu groß sind die Löcher, die die Krise im Staatshaushalt hinterlassen hat. Die Debatte um steigende Zuschläge bei den Krankenkassen zeigt, wohin der Weg geht. Dazu kommt, dass die Regierungen nach der Bankenkrise und den Rettungspaketen nun höhere Staatsschulden bedienen müssen - Zinszahlungen, die aus dem normalen Staatshaushalt getätigt werden und kaum dem typischen Haushalt, sondern eher einigen wenigen Reichen zugute kommen dürften.

Bleibt nur der schwache Trost, dass ohne die Wende bei der Weltkonjunktur der Wohlstand der breiten Massen noch mehr gelitten hätte. Dann wären die verfügbaren Einkommen noch schneller gefallen und die öffentlichen Haushalte noch mehr unter Druck gekommen. Denn ganz ohne Aussagekraft ist das Bruttoinlandsprodukt auch nicht: Situationen, in denen die so gemessene Wirtschaftsleistung fällt, aber der tatsächliche Wohlstand zulegt, sind historisch kaum zu finden.