Konsumkritiker Fletcher "Verbraucher sind froh, wenn man sie entmündigt"

Unternehmen preisen den mündigen Verbraucher - Internet-Provokateur Adam Fletcher hält das für eine Farce. Sich Gedanken über Kaffeesorten oder Sockenstoffe zu machen hält er für Zeitverschwendung. "Verbraucher wollen unfrei sein", sagt er im SPIEGEL-ONLINE-Interview.
US-Einkaufszentrum: Wahlqual im Konsumtempel

US-Einkaufszentrum: Wahlqual im Konsumtempel

Foto: Mario Tama/ Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Herr Fletcher, kennen Sie den Film "The Matrix"?

Fletcher: Jeder kennt den Film "The Matrix".

SPIEGEL ONLINE: In der Geschichte halten Maschinen die Menschheit in einer virtuellen Realität gefangen. Jede Handlung ist programmiert. Die Matrix funktioniert aber nur, weil die Menschen trotzdem glauben, sie hätten bei jeder Entscheidung freie Wahl. Leben wir in einer Konsum-Matrix?

Fletcher: Zumindest leben wir in einer Konsumwelt, in der belanglose Dinge abschreckend kompliziert sind. Wer bei Starbucks einen Kaffee bestellen will, muss eine Art neue Sprache lernen: Grande? Tall? Venti? To go? Karamell-Apfel-Zimt-Macchiato mit weißen Schokokrümeln? Bohnen aus Peru oder aus Mosambik? Wenn Alltagsdinge zur Wissenschaft werden, fühlen wir uns dumm. Man traut sich ja kaum noch, einen Kaffee zu bestellen.

SPIEGEL ONLINE: Unternehmen sprechen vom mündigen Verbraucher.

Fletcher: Ich spreche von obsessivem Entscheidungszwang. Verbraucher wollen unfrei sein. Sie sind froh, wenn man sie entmündigt. Wer hat Zeit, sich über Geschmacksnuancen von Kaffees oder den ökologischen Fußabdruck von Socken den Kopf zu zerbrechen? Die Leute wollen ihren Durst stillen und sich die Füße wärmen. Alles Weitere sollten andere übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Wahl haben Sie dem Verbraucher jetzt abgenommen. Sie verkaufen seit zwei Tagen T-Shirts über die Internetseite Hipstery - ohne dem Käufer zu verraten, wie diese aussehen . Sie und ihre Kollegen behaupten, zu wissen, was Leute wollen, die selbst nicht wissen, was sie wollen. Warum sollte man ihnen glauben?

Fletcher: Weil wir zusammen zwölf Jahre Erfahrung im T-Shirts-Verkauf haben. Die Leute vertrauen darauf, dass ihr Arzt sie gesund macht - warum sollten sie nicht darauf vertrauen, dass wir bessere T-Shirts aussuchen als sie selbst?

SPIEGEL ONLINE: So wie manche Leute rumlaufen, glaubt man Ihnen das aufs Wort. Trotzdem: Menschen wollen mit T-Shirts ganz unterschiedliche Signale senden. Woher wollen Sie wissen, wer was sagen will?

Fletcher: Vor dem Kauf machen Kunden einen kleinen Psychotest.

SPIEGEL ONLINE: In dem wird man unter anderem gefragt, ob man lieber mit einem fliegenden Teppich, zu Fuß oder mit einem Husky-Schlitten um die Welt reisen will. Was sagt das über T-Shirts aus?

Fletcher: Würde ich Ihnen das verraten, hätten Sie bereits zu viel Einfluss über die Shirt-Selektion.

SPIEGEL ONLINE: Okay. Ich bestelle also blind ein T-Shirt, bezahle 25 Euro und merke hinterher, dass ich das Teil nie anziehen würde - frustriert das nicht?

Fletcher: Auch nach dem Shoppen ist man selten wirklich zufrieden. Niemand hat Geduld und Zeit, sich alles anzusehen, was einem die Modelabels ungefragt vorsetzen. Jeder Kauf ist ein Kompromiss, und hinterher haben wir das Gefühl, dass das, was wir gekauft haben, nicht das Optimale ist. Von diesem Gefühl befreien wir die Menschen. Wir geben ihnen Lebenszeit zurück, die die Konzerne ihnen rauben.

SPIEGEL ONLINE: Funktionieren Blindkäufe auch bei anderen Sachen?

Fletcher: Ja. Selbst bei Handys oder Fernsehern könnten Shops einen Mystery-Kauf anbieten. Der Kunde würde nur die Preisobergrenze und wenige Kernfunktionen definieren. Die restliche Auswahl übernehmen unabhängige Experten. Im Restaurant wäre der Mystery-Burger denkbar, im Café der Geheim-Galão.

SPIEGEL ONLINE: Würden Kunden nicht argwöhnen, dass man ihnen das Tunfisch-Sandwich von gestern andreht? Oder den Plasmafernseher, den sonst eh keiner kauft?

Fletcher: Blindkäufe funktionieren nur, wenn man dem Verkäufer vertraut. Solche Tricks erzeugen kein Vertrauen - und damit keinen Erfolg. Wir selbst weisen auf unserer Webseite ausdrücklich darauf hin, dass wir keine Restposten verhökern. Das ist wichtig. Denn es geht um mehr als um T-Shirts. Es geht darum, das Leben wieder spannender zu machen. Und um die Befreiung des Konsumenten.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt klingen Sie wie Ché Guevara. Aber starten Sie wirklich eine Konsum-Revolution? Oder einen Zwergenaufstand?

Fletcher: Wir müssen nicht so groß wie Google werden. Es reicht, wenn ein paar Leute mit ihrem Leben zufriedener sind.

SPIEGEL ONLINE: Und wovon leben dann Sie?

Fletcher: Ich habe noch andere Projekte, bin also finanziell nicht auf The Hipstery angewiesen. Es ist ein gesellschaftliches Experiment, aus dem ein neuer Business-Ansatz werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Ansatz Grenzen?

Fletcher: Ich würde niemandem raten, mir die Wahl seines Ehepartners zu überlassen - auch wenn die Scheidungsrate arrangierter Hochzeiten deutlich niedriger ist als bei der freien Partnerwahl. Aber das liegt an sozialen Zwängen und nicht daran, dass Menschen selbst die Wahl treffen, keine Wahl zu treffen.

Das Interview führte Stefan Schultz
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.