Henrik Müller

Konjunkturaussichten Die Depression danach

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
In der Coronakrise wagt die Welt ein Experiment: Gigantische Summen Staatsgeld werden in die Wirtschaft gepumpt, doch Unternehmen und Bürger sind zutiefst verunsichert. Kann das funktionieren?
Viele Coronavirus-Infizierte, Rekord-Arbeitslosenzahlen: Die USA sind von der Krise stark getroffen

Viele Coronavirus-Infizierte, Rekord-Arbeitslosenzahlen: Die USA sind von der Krise stark getroffen

Foto: ANGELA WEISS/ AFP

Nicht alles im Leben lässt sich mit Geld lösen. Das ist im Privaten genauso wie in der Politik. Letztlich geht es um andere Dinge: Vertrauen, Optimismus, das Gefühl von Sicherheit - Werte, die man nicht kaufen kann.

Das gilt auch in der Wirtschaftspolitik. Der Staat kann noch so viel Geld in die Wirtschaft pumpen. Ob und wie es wirkt, hängt letztlich davon ab, was Bürger und Unternehmen damit anstellen.

Die Große Depression der Dreißigerjahre hat auch deshalb so lange gedauert, weil die Verunsicherung massiv war. Jahrelang konsumierten die Bürger weniger und sparten lieber mehr. Unternehmen investierten kaum noch. Der psychologische Schock der Krise saß so tief, dass sich das Verhalten dauerhaft änderte, wie die US-Ökonomin Christina Romer  nachgewiesen hat. Die Depression nährte die Depression – weil sie einen Unsicherheitsschock auslöste.

Auch derzeit erleben wir einen sprunghaften Anstieg der Unsicherheit. Gängige Indikatoren  zeigen ein Ausmaß an Verunsicherung, wie es noch nie zuvor gemessen wurde. Was bedeutet das für die weitere wirtschaftliche Entwicklung? Ist es möglich, dass die Weltwirtschaft abermals in eine Dauerdepression abrutscht? Drohen die Zwanzigerjahre zu einem verlorenen Jahrzehnt zu werden?

Hoffnung auf den Konjunktur-Jojo

Auf den ersten Blick ist der Vergleich mit den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts völlig abwegig. Damals folgten Regierungen und Notenbanken zunächst einer anderen Doktrin: Sie reagierten auf die Krise mit Sparprogrammen und einer ziemlich strikten Geldpolitik. Ganz anders heute: Die Wirtschaftspolitik hat aus der großen Krise der Dreißigerjahre gelernt, dass sie massiv gegensteuern muss. Genau das geschieht derzeit: Viele Hunderte Milliarden Euro und Dollar werden in Konjunkturprogramme und Stützungsmaßnahmen für Unternehmen gesteckt. Die Notenbanken unterstützen den Kurs, indem sie in nie gesehenem Umfang Wertpapiere aufkaufen; in der abgelaufenen Woche hat die EZB ihr Anti-Krisen-Programm, PEPP genannt, noch einmal annähernd verdoppelt.

Insgesamt erreichen die derzeitigen Ankurbelungsmaßnahmen Größenordnungen ohne historisches Vorbild. Das ist gerechtfertigt: Schließlich hat die Corona-Pandemie die schwerste Rezession seit Ende des Zweiten Weltkriegs ausgelöst - einen abrupten Rückgang der Wirtschaftsleistung, der weltweit ziemlich synchron abläuft.

Weil Regierungen und Notenbanken massiv gegensteuern, sieht das Kernszenario für die Konjunktur denn auch so aus: Auf einen heftigen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr soll schon ab 2021 ein kräftiger Aufschwung folgen. An den Börsen jedenfalls wetten viele auf einen solchen Jojo-Effekt - siehe die steilen Kursanstiege seit Ende März. Ende der abgelaufenen Woche sorgten überraschend positive US-Arbeitsmarktzahlen nochmals für Kurssprünge.

Fed-Chef Jerome Powell: Unsichere politische und wirtschaftliche Lage in den USA

Fed-Chef Jerome Powell: Unsichere politische und wirtschaftliche Lage in den USA

Foto: REUTERS

In zentralen Rollen agieren dabei die Notenbanken. Die Geldmenge steigt so schnell wie seit Langem nicht. Im Euroraum ist der Bestand an flüssigen Mitteln  (M3) im April mit einer Jahresrate von 8,3 Prozent gestiegen. Auch in den USA schießt die Geldmenge nach Berechnungen  der Federal Reserve Bank of St. Louis sprunghaft in die Höhe. (Achten Sie am Mittwoch auf die nächsten Schritte der Fed.)

All das spricht eher für einen Boom, womöglich irgendwann gefolgt von einer inflationären Überhitzung. Wäre da nicht diese gewaltige Unsicherheit.

Polarisierte Politik, brüchige Weltordnung

Unsicherheit kommt aus vielen verschiedenen Richtungen: der wackligen politischen Situation in wichtigen Ländern, der weltpolitischen Großwetterlage, der Richtung des technologischen Fortschritts und des weiteren Fortgangs der Corona-Pandemie.

In den USA entlädt sich die polarisierte Innenpolitik inzwischen in Demonstrationen auf den Straßen, teilweise sind die Proteste gewaltvoll. Präsident Donald Trump denkt nicht daran, die Lage zu befrieden, sondern stachelt die Konflikte weiter an. Es gibt nicht wenige in den USA, die dauerhafte Schäden für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung befürchten. Amerika, die alte, lange Zeit vorbildliche Demokratie, könnte sich in Richtung Autoritarismus entwickeln .

Demonstranten in der US-Hauptstadt Washington: Trump denkt nicht daran, das Land zu einen

Demonstranten in der US-Hauptstadt Washington: Trump denkt nicht daran, das Land zu einen

Foto: YURI GRIPAS/ REUTERS

In Europa stecken derweil die Verhandlungen über die künftigen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien fest. Die Gefahr wird größer, dass Europas zweitgrößte Volkswirtschaft Ende des Jahres ohne umfassendes Handelsabkommen mit der EU dasteht. Der Brexit würde doch noch zum Desaster, für die Briten, aber auch für die EU.

In China nutzt die Staatsführung die Corona-Pandemie, um Hongkong endgültig unter die Kontrolle Pekings zu bringen. Das ist nicht nur ein Angriff auf die Freiheit der Bürger der ehemaligen britischen Kolonie, sondern auch eine Bedrohung für einen der wichtigsten Finanzplätze der Welt. Die Lage in Hongkong nährt Befürchtungen, dass als nächstes Taiwan mit Übergriffen rechnen könnte. (Am Mittwoch gibt’s neue Einschätzungen zur Stimmung europäischer Unternehmen in China.)

Die G7, die sich eigentlich unter Trumps Vorsitz in der kommenden Woche zum Gipfel treffen wollten, stecken in einer schweren Krise. Das Meeting ist erst mal abgesagt. Trump hätte gern Russland mit in der Runde. Andere, darunter die Briten, sind strikt dagegen. Möglich, dass die G7, die seit Mitte der Siebzigerjahre eine Art westliche Krisenfeuerwehr waren, aufhören zu existieren.

Die G20, die neben den G7-Staaten auch China, Indien, Brasilien und andere Schwellenländer umfassen, spielten in der letzten Krise von 2008/09 eine wichtige stabilisierende Rolle für die Weltwirtschaft. Dieses Mal ist von ihnen nicht viel zu sehen. Die Rivalitäten zwischen den Mitgliedstaaten, zumal zwischen den USA und China, behindern die internationale Kooperation.

Das ist der politische Hintergrund der Corona-Rezession: Großmächte verhalten sich unberechenbar; Grenzen werden verschoben; Protektionismus breitet sich aus. Der bisher halbwegs verlässliche Ordnungsrahmen der Weltwirtschaft bröckelt.

Unsicherheit schafft Verunsicherung

Die neue Unordnung hat konkrete wirtschaftliche Auswirkungen: Unternehmen, die nicht wissen, ob sie künftig noch ungehindert exportieren können, werden im Zweifel ihre Investitionen herunterfahren und womöglich ihre Kapazitäten schrumpfen. (Achten Sie am Dienstag auf neue Zahlen zum deutschen Export.) Beschäftigte, die um ihre Jobs und um ihr Einkommensniveau fürchten, unterlassen im Zweifel größere Anschaffungen - und verschlechtern damit die Absatzchancen weiterer Unternehmen.

Parallel dazu laufen tiefgreifende technologische Umbrüche ab. Es ist derzeit viel von einer Beschleunigung der Digitalisierung und von einer entschlosseneren Klimapolitik die Rede. Das aber heißt, das bisherige Technologien, Prozesse und Geschäftsmodelle obsolet werden.

Manager, die nicht abschätzen können, in welche Richtung sich der Markt entwickelt, warten erst mal ab. Autofahrer, die nicht wissen, welche Antriebstechnologien künftig Standard sein werden, halten sich lieber mit dem Kauf eines Neuwagens zurück.

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Letztlich ist auch die medizinische Unsicherheit, die von Covid-19 ausgeht, keineswegs gebannt. Noch ist unklar, wann - und ob überhaupt - Impfungen und wirksame Therapien zur Verfügung stehen. Nach wie vor hängt die Gefahr von weiteren Infektionswellen - und erneuten Shutdowns - über der Weltwirtschaft.

Unsicherheit schafft Verunsicherung. Sie breitet sich in den Wirtschaftsstrukturen aus, einem Virus nicht unähnlich.

Ein Experiment von historischer Tragweite

Wir durchleben derzeit ein gigantisches Experiment. Auf eine massiv verunsicherte Wirtschaft strömt ein gigantisches Reservoir von Staatsgeldern ein. Was geschieht als Nächstes? Es gibt für die derzeitige Konstellation keine Vorbilder.

Möglich, dass wir in einen halbwegs normalen Aufschwung kommen. Denkbar auch, dass die Wirtschaft wegen der großen Unsicherheiten nicht wirklich anspringt. Dann wäre eine Kombination aus blutarmer Wirtschaftsentwicklung, hoher Arbeitslosigkeit in schrumpfenden Branchen und steigenden Inflationsraten vorstellbar.

Aber wie es aussieht, werden uns die Überraschungen nicht ausgehen. Ob sie Vertrauen, Optimismus und ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, wird sich zeigen.

Die wichtigsten Ereignisse der bevorstehenden Woche

Wiesbaden - Die Lage der Industrie – Neue Zahlen zur Industrieproduktion in Deutschland.

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