Umfrage des DGB Selbst in der Pandemie geht die Hälfte der Beschäftigten krank zur Arbeit

Krank zur Arbeit? Seit Corona gilt das eigentlich als verpönt – und ist doch immer noch gang und gäbe. Laut einer DGB-Umfrage kuriert sich nur die Hälfte der Beschäftigten richtig aus.
Krank am Arbeitsplatz: Immer noch weit verbreitet

Krank am Arbeitsplatz: Immer noch weit verbreitet

Foto: Westend61 / Getty Images

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Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie in den letzten zwölf Monaten gearbeitet, obwohl Sie sich richtig krank gefühlt haben? Wenn Ihre ehrliche Antwort anders lautet als »Natürlich nie«, dann finden Sie vielleicht Trost in der Tatsache, dass Sie damit alles andere als allein sind.

Selbst während der Pandemie haben 48 Prozent der Beschäftigten in Deutschland trotz Krankheit gearbeitet. Das zeigt eine Umfrage unter mehr als 6000 Menschen mit einer Wochenarbeitszeit von mehr als zehn Stunden im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), deren Ergebnisse dem SPIEGEL exklusiv vorab vorlagen. Bei knapp einem Drittel (32 Prozent) der Beschäftigten summierten sich die mit Erkrankung geleisteten Arbeitstage binnen einem Jahr sogar auf eine Woche oder mehr.

Dennoch ist ein deutlicher Coronaeffekt erkennbar: Seit Beginn der Pandemie kurieren sich deutlich mehr Beschäftigte konsequent aus als zuvor. Der DGB stellt die Frage seit 2012 für seinen jährlich erscheinenden »Gute Arbeit«-Index. Bis zum Jahr 2019 lag der Anteil derer, die konsequent nie arbeiteten, wenn sie sich krank fühlten, nahezu konstant niedrig bei etwa einem Drittel. Nun ist er auf etwas mehr als die Hälfte (52 Prozent) gestiegen.

Die DGB-Umfrage fand im Zeitraum von Januar bis Juni 2021 statt, also zum Großteil im zweiten Shutdown mit Homeoffice-Pflicht und geschlossenen Kitas und Schulen. Damit deckt der abgefragte vorangegangene Zwölfmonatszeitraum im Großen und Ganzen das erste Jahr nach Beginn der Pandemie ab.

Durch Corona hat sich das Image des Präsentismus – so nennen Fachleute das Phänomen des Arbeitens trotz Krankheit – gewandelt. Das gilt vor allem für Atemwegserkrankungen. War es zuvor nicht ungewöhnlich, dass Beschäftigte auch mit einem Schnupfen am Arbeitsplatz erschienen, ist das inzwischen weitgehend ein No-Go, allein schon wegen der Ansteckungsgefahr für die Kolleginnen und Kollegen.

Der DGB vermutet allerdings, dass Corona auch aus einem weiteren Grund zum Rückgang des Präsentismus geführt hat: Die Schutzmaßnahmen – also Masken, Abstand, Händewaschen – haben dazu geführt, dass sich Erkältungen ausweislich der Krankenkassen-Statistiken insgesamt deutlich weniger stark verbreiten konnten, also exakt jene Erkrankungsform, bei der viele früher dennoch arbeiteten.

Warum Menschen krank zur Arbeit gehen

Wie lässt sich aber erklären, dass noch immer knapp die Hälfte krank arbeitet? Zum einen lässt sich im Homeoffice auch mit einem Infekt arbeiten, ohne Kollegen zu gefährden. Zum anderen ist bei Weitem nicht jede Erkrankung ansteckend. In der Statistik der Krankenkasse DAK verursachen etwa Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems – vor allem also Rückenleiden – und psychische Erkrankungen jeweils mehr Arbeitsunfähigkeitstage als Atemwegsinfekte.

Die DGB-Umfrage lässt auf Faktoren schließen, die Einfluss auf den Präsentismus haben. Eine große Rolle spielt offenbar die Unternehmenskultur – die der DGB unter anderem an der Wertschätzung durch Vorgesetzte, der kollegialen Unterstützung, der Offenheit des Meinungsklimas oder der Güte der Arbeitsplanung misst. In Betrieben mit einem guten Klima arbeiten fast zwei Drittel der Beschäftigten nie, wenn sie sich krank fühlen – in Betrieben mit einem schlechten Klima sind es weniger als ein Drittel, während mehr als die Hälfte sogar fünf oder mehr Tage im Jahr trotz Krankheit arbeitet.

Ein Zusammenhang ist auch mit der Angst um den Arbeitsplatz erkennbar. Wer diese oft oder gar sehr häufig spürt, traut sich offenbar deutlich seltener auszukurieren – und umgekehrt. Eine hohe Arbeitsbelastung ist ein weiterer Faktor, der den DGB-Daten zufolge Präsentismus begünstigt.

Frauen gehen nicht nur etwas häufiger als Männer trotz Erkrankung zur Arbeit, sie tun es mit durchschnittlich 15 Tagen pro Jahr auch länger als Männer (11,3 Tage). Allerdings ist unklar, inwieweit Frauen häufiger von den vorgenannten Faktoren betroffen sind, also in Betrieben mit schlechtem Klima, mit höherer Arbeitsbelastung oder in einem unsicheren Job arbeiten.

Insgesamt bestätigt die DGB-Umfrage einmal mehr den Befund, dass Präsentismus in Deutschland weit verbreitet ist – auch in einer Pandemie. Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hatten im Jahr 2020  auf Grundlage anderer Befragungen ähnliche Ursachen dafür ermittelt.

Es wäre allerdings nicht nur für Beschäftigte gut, wenn sie nicht krank arbeiteten – sondern auch für Arbeitgeber. Denn kranke Arbeitnehmer sind nicht nur nachweislich weniger produktiv. Einer Studie von Arbeitsmedizinern aus dem Jahr 2009 zufolge erhöht sich zudem ihr Risiko enorm, die Krankheit zu verschleppen und später noch wesentlich länger auszufallen – konkret mehr als zwei Monate.

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