Streit um Klinikschließungen "Kleine Krankenhäuser kosten Patientenleben"

Forscher fordern die Schließung von drei Vierteln aller Krankenhäuser. Im Interview erklärt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, warum die Radikalreform kein Geld sparen würde - und trotzdem richtig wäre.
Symbolbild

Symbolbild

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Deutschland soll sich bei der Krankenhausstruktur an Dänemark orientieren - und radikal Kliniken schließen, fordern Forscher der Nationalen Akademie für Wissenschaften in einem Diskussionspapier . An die Stelle von derzeit mehr als 1600 allgemeinen Krankenhäusern könnten dann rund 330 Großkliniken treten, mit besserer Ausstattung und mehr Spezialisten, schreiben die Autoren.

Scharfe Kritik an dem Konzept kommt von der Interessenvertretung der deutschen Kliniken. "Die Vorschläge haben nichts mit der Versorgungswirklichkeit zu tun", sagt Joachim Odenbach, Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Die Qualität der Versorgung sei heute schon gut, Klinikschließungen würden "auch keine Einsparungen bringen".

Die Autoren der Studie weisen allerdings darauf hin, Kürzungen seien gar nicht ihr Ziel. Deutschland betreibe aber "eine überproportional hohe Zahl von oft schlecht ausgestatteten Krankenhäusern". Eine Folge: Herzinfarktpatienten sterben in deutschen Kliniken doppelt so häufig wie in Australien und Schweden.

Der Gesundheitsökonom und SPD-Politiker Karl Lauterbach erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum ein radikaler Umbau notwendig ist - und was die Politik plant.

Zur Person
Foto: A3390 Kay Nietfeld/ picture alliance / dpa

Karl Lauterbach, 53, ist Mediziner und Gesundheitsökonom. Der SPD-Politiker ist seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages und stellvertretender Fraktionsvorsitzender seiner Partei.

SPIEGEL ONLINE: Wissenschaftler plädieren für die Schließung von rund drei Vierteln der deutschen Kliniken. Ist das sinnvoll oder verrückt?

Lauterbach: Nur noch 300 Kliniken für ganz Deutschland wären natürlich eindeutig zu wenig. Richtig ist aber: Wir müssen Kliniken schließen. Das ist notwendig, um die Qualität der Versorgung dauerhaft zu verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Wie können denn Kürzungen zu einer besseren Versorgung führen?

Lauterbach: Wir müssen aus Gründen der Qualität Kliniken abbauen - nicht aus Spargründen. Das Modell mit weniger Kliniken wird nicht billiger sein, aber besser. Die moderne Medizin wird immer komplexer. Das verlangt nach höherer Spezialisierung. Im Moment verteilen wir eine beschränkte Zahl von Fachleuten auf zu viele Krankenhäuser. In der Folge haben wir an vielen Standorten zu wenig oder gar keine Expertise.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Folgen für Patienten?

Lauterbach: Ein Beispiel ist die Krebsbehandlung. Deutschland gibt in der Krebstherapie vergleichsweise viel aus, bei den Erfolgen liegen wir aber nur im Durchschnitt.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Lauterbach: Wir haben einige wenige Kliniken, die spezialisiert sind auf moderne Krebstherapien. Deren Resultate sind sehr gut, sie können sich mit den besten Kliniken in den USA messen. Vielen anderen Häusern fehlt es aber an Erfahrung und Ausstattung, sie reichen nicht im Ansatz an diese guten Ergebnisse heran. Zu viele kleine Kliniken kosten vielen Patienten das Leben.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es dann nicht auf dem Land zu Versorgungslücken kommen?

Lauterbach: Es gibt zahlreiche Untersuchungen zu dem Thema, alle kommen zum gleichen Schluss: Die Klinikdichte ist in den Großstädten besonders hoch. Die überflüssigen Krankenhäuser mit zum Teil sehr fragwürdigen Behandlungsergebnissen liegen dort, wo Erreichbarkeit kein Problem ist.

SPIEGEL ONLINE: Krankenhausvertreter plädieren für mehr Geld statt Schließungen.

Lauterbach: Wer kein Spezialist ist, wird auch nicht besser, wenn ich ihm mehr Geld gebe. Wir haben im internationalen Vergleich eigentlich eine hohe Arztdichte in den Kliniken. Das Problem ist, dass die Medizin mit jedem Monat komplizierter wird. Je kleiner die Klinik, desto schwerer ist es, der internationalen Forschung zu folgen. Heute werden moderne Techniken oft übernommen, ohne dass die Mitarbeiter ausreichend fortgebildet werden konnten.

SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Krankenhausgesellschaft kritisiert, zahlreiche Kliniken seien bereits geschlossen worden und der Bedarf sei hoch.

Lauterbach: Der Widerstand von Lobbygruppen ist massiv, aber er muss überwunden werden, von den Krankenkassen ebenso wie von verantwortungsbewussten Politikern. Bislang ist es oft so: Lokale Politiker setzen sich für kleine Krankenhäuser vor Ort ein. Sie meinen es gut und glauben, ein paar neue Geräte oder ein neuer Chef werte die Klinik strukturell auf. Das ist ein Irrtum. Mitarbeiter, die keine Spezialisten sind, werden es auch nicht durch neue Apparate. Wenn sie einem Rentner einen Ferrari kaufen, wird er dadurch auch nicht zu einem sichereren Fahrer.

SPIEGEL ONLINE: Was tut die Politik?

Lauterbach: Bislang hat die Qualität der Versorgung bei der Planung der Krankenhausstandorte keine Rolle gespielt. Das wird sich ändern. Ab 2017 werden die Behandlungserfolge erstmals berücksichtigt. Wenn dann Kliniken mit belegbar schlechten Ergebnissen weiter arbeiten, wird das die Ministerien unter Druck setzen, die diesen Kliniken trotzdem weiter die Lizenz erteilt hatten.

SPIEGEL ONLINE: Wer wird die Qualität messen?

Lauterbach: In Berlin entsteht ein neues Institut. Das IQTIG  wird die großen Unterschiede zwischen den Kliniken transparent aufbereiten und den Patienten zur Verfügung stellen. Ich gehe davon aus, dass viele Menschen dann mit den Füßen abstimmen und schlechte Häuser meiden. Es wird Bewegung auf den Klinikmarkt kommen.