Gesetzliche Krankenkassen Ausgaben für Medikamente steigen auf 38,5 Milliarden Euro

Die gesetzlichen Krankenkassen haben 2016 deutlich mehr Geld für Arzneimittel ausgegeben. Hauptgrund: Laut AOK-Report sind Medikamente mit Patentschutz in Deutschland besonders teuer.
Krankenhausapotheke in Uniklinik Leipzig

Krankenhausapotheke in Uniklinik Leipzig

Foto: Jan Woitas/ dpa

In Deutschland werden immer mehr und immer teurere Medikamente verschrieben. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für Arzneimittel sind 2016 um 3,9 Prozent auf 38,5 Milliarden Euro gestiegen. Das geht aus dem Arzneiverordnungsreport der AOK hervorhervor.

Grund für die Steigerung ist demnach vor allem der Preisanstieg bei den patentgeschützten Medikamenten. Diese kosteten mehr "als sie wert sind", sagte Ulrich Schwabe, Co-Herausgeber des Reports, der von der AOK und Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft erarbeitet wird. Deutlich wird das unter anderem daran, dass das teuerste eine Prozent aller Arzneimittel im Jahr 2016 pro Verschreibung mindestens 3979 Euro gekostet hat - zehn Jahre zuvor waren es nur 950 Euro gewesen.

Nach Angaben von Co-Herausgeber Jürgen Klauber sind patentgeschützte Arzneimittel in Deutschland besonders teuer. In Ländern wie Österreich oder den Niederlanden mit vergleichbarer Wirtschaftskraft seien die öffentlich bekannten Listenpreise etwa 20 Prozent günstiger.

Insbesondere gentechnologisch hergestellte Biologika trieben die Ausgaben in die Höhe. Ihr Umsatz hat sich dem Report zufolge von 2006 bis 2016 auf 7,8 Milliarden Euro erhöht. Durch die konsequente Verordnung sogenannter Biosimilars könnten mittelfristig beträchtliche Einsparungen für das Gesundheitssystem erzielt werden, heißt es im Report. Bei Biosimilars handelt es sich um Präparate, die einem Biologikum strukturell ähnlich sind und die gleiche pharmakologische Wirkung ausüben, aber preisgünstiger sind.

Der Politik warf Schwabe vor, geplante Regeln zur Eindämmung des konstanten Kostenanstiegs fallengelassen zu haben. So war vorgesehen gewesen, ältere patentgeschützte Arzneimittel wie neue auf ihren Zusatznutzen und angemessene Preise zu überprüfen. Auch eine geplante Umsatzschwelle für neue Mittel sei nicht umgesetzt worden. Patienten könnten zudem gefährdet sein, denn immer mehr Mittel kämen per Schnellzulassung auf den Markt und würden nicht ausreichend getestet.

AOK fordert Pharmafonds für Arzneistudien

Schwabe nannte als Beleg für seine Vorwürfe an Gesetzgeber und Pharmafirmen das Multiple-Sklerose-Mittel Tecfidera: Auf den Markt sei es in Deutschland mit einem um 80 Prozent höheren Preis als etwa in Holland gekommen. Danach erfolgte die Bewertung des Nutzens anhand gesetzlicher Vorgaben - mit dem Ergebnis, dass das Mittel keinen Zusatznutzen gegenüber vergleichbaren Medikamenten habe.

Der Hersteller habe dann in Preisverhandlungen mit den Kassen eine Senkung um fast 50 Prozent akzeptiert - aber erst nach einem Jahr. 104 Millionen Euro allein für dieses eine Mittel hätten die Kassen laut Schwabe sparen können, wenn das Gesetz den günstigeren Preis auch rückwirkend festlegen würde.

Ein weiteres gravierendes Problem sehen AOK und Ärzteschaft im Anstieg bei den Schnellzulassungen von Arzneimitteln. 30 bis 40 Prozent der Medikamente kämen inzwischen so auf den Markt. Oft würden dabei die Wirksamkeit über- und Risiken unterschätzt - es gebe zu wenig Studien darüber, wie diese Medikamente wirklich wirkten. AOK-Chef Martin Litsch forderte einen von der Pharmaindustrie zu finanzierenden Fonds, um Arzneimittelstudien zu bezahlen. Die Mittel müssten nach Markteinführung überprüft werden. Den Herstellern dürfe man dies nicht überlassen.

Der Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa) hielt der Kritik an den Arzneimittelpreisen entgegen, dass der Industrie wichtige therapeutische Durchbrüche gelungen seien, etwa bei der Heilung von Hepatitis-C-Patienten oder in der Krebstherapie. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) wies darauf hin, dass der Anteil der Arzneimittel an allen Ausgaben der Krankenkassen bei lediglich acht Prozent liege und sogar gesunken sei.

fdi/dpa/Reuters
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