Versicherungen im Vergleich Wo gesetzliche Krankenkassen besser sind als private - und wo nicht

Die Grünen haben eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die die Überlegenheit der gesetzlichen Krankenversicherung im Vergleich zur privaten zu belegen scheint. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht.

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Welche Krankenkasse ist besser, die private oder die gesetzliche? Über kaum eine Frage streiten Experten und Politiker heftiger - und kaum eine ist gleichzeitig so schwierig zu beantworten. Denn schon im Gewirr der Tarife verirren sich selbst diejenigen, die schon seit Jahren engstens mit der Materie vertraut sind.

Andere, wie Karl Lauterbach, halten das Nebeneinander der beiden Systeme für grundsätzlich problematisch: "Viele der Nachteile, die wir aktuell beklagen, rühren daher, dass es neben der gesetzlichen Krankenkasse noch die private gibt", erklärt der Gesundheitsexperte der SPD gegenüber dem SPIEGEL.

Die Grünen wiederum beauftragten das Beratungsinstitut PremiumCircle damit, die Leistungskataloge der Privaten (PKV) und Gesetzlichen (GKV) zu vergleichen und daraus zu schließen, mit welchem die Versicherten besser bedient sind. Ergebnis der Studie: Die Gesetzlichen sind viel besser als ihr Ruf.

Leistungsunterschiede

"Die wiederkehrende Behauptung, die gesetzliche Krankenversicherung sei nur zweitklassig, wird mit dieser Untersuchung klar widerlegt", sagte die Grünen-Gesundheitsexpertin Maria Klein-Schmeink dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Stattdessen könnten etliche der untersuchten Privattarife nicht einmal elementare Leistungen garantieren.

Die Studie legt laut RND dar, dass private Krankenversicherungen selbst in teuren Premiumtarifen durchweg weniger Leistungen bieten als gesetzliche Kassen. Danach werden bei den Toptarifen der privaten Versicherer im Schnitt mehr als ein Viertel (27 Prozent) der als unverzichtbar definierten Mindestanforderungen nicht erfüllt. Bei der gesetzlichen Krankenversicherung seien es nur drei Prozent.

Allerdings räumen die Autoren der Studie selbst ein, dass eine präzise vergleichende Bewertung der beiden Versicherungsmodelle angesichts der vielen unterschiedlichen Einflussfaktoren nicht möglich sei: "Wir weisen daher explizit darauf hin, dass bei der Bewertung einiger Leistungskriterien abgewogen werden musste, ob die jeweiligen Leistungen der GKV in ihrem Umfang in etwa mit denen der PKV vergleichbar sind."

Große Lücken

Für die Studie definierte PremiumCircle 103 Mindestkriterien, 100 davon seien Bestandteil des Leistungskatalogs der GKV. Zusätzlich aufgenommen wurden unter anderem höhere Leistungen beim Zahnersatz und eine Kostenübernahme bei Brillen ohne Altersbeschränkung, was nach Ansicht der Studienautoren zu einer umfassenden Krankenversicherung gehören sollte.

Große Lücken im Vergleich zur GKV gibt es laut Studie bei den Privattarifen insbesondere bei Kuren und der Rehabilitation. Schlechtere Bedingungen bestünden häufig auch bei der Palliativversorgung, der häuslichen Krankenpflege, der Psychotherapie sowie bei Impfungen.

Die Bewertung der Leistungen der PKV-Tarife ist nach Darstellung der Autoren vergleichsweise einfach: "Was nicht vertraglich klar garantiert ist, ist nicht versichert." Es handelt sich hier also um ein klassisches Versicherungsmodell, das mit dem Versicherer individuell ausgestaltet werden kann.

Die GKV ist dagegen ein Solidarmodell: Alle zahlen je nach Einkommen ein und bekommen im Krankheitsfall Leistungen nach einem relativ einheitlichen Katalog. Nach der Studie gestaltet sich die Bewertung der Leistungen des Solidarmodells GKV denn auch schwieriger.

Komplexes Gefüge

Das Leistungsgefüge sei sehr komplex und fortlaufend von Entscheidungen des Gesetzgebers und einer gemeinsamen Expertenkommission abhängig. Überdies gebe es immer wieder Berichte, wonach Versicherte Probleme hätten, gesetzliche Leistungen in der Praxis auch tatsächlich zu erhalten. Auch sei häufig der zeitnahe Zugang zu Fachärzten deutlich schwieriger als in der PKV, so die Studie.

Grüne, SPD und Linke streben seit Langem und in unterschiedlicher Ausprägung eine einheitliche Bürgerversicherung an, die wahrscheinlich das Aus für die PKV in der heutigen Form bedeuten würde.

Gleichwohl befürchtet SPD-Experte Lauterbach, dass sich die Gegner der PKV mit der Studie keinen Gefallen getan haben. "Die Argumente, die PremiumCircle liefert, lassen sich von den Befürwortern der PKV allzu leicht entkräften", erklärt er. Der größte Vorteil der Privaten sei nämlich, dass Privatversicherten im Falle einer ernsthaften Erkrankung Topspezialisten zur Verfügung stünden, die größere Heilungschancen böten.

Dieses Institut indentifiziert Behandlungsmängel

Für gesetzlich Versicherte sei es hingegen kaum möglich, dort einen Termin zu bekommen - obwohl sie über die Beiträge ebenfalls zur Finanzierung der Krankenhäuser, Forschungseinrichtungen und Universitäten beigetragen hätten. Und genau darin liege die eigentliche Ungerechtigkeit im System. "Wir sollten ehrlich bleiben", resümiert er. "Und nicht in den Wettbewerb eintreten, wer innerhalb dieses fragwürdigen Systems das bessere Angebot bietet."

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Mit Material von dpa



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